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Interview Nina Hoss: "Es geht um Macht und Vernichtung"

In dem Film "Anonyma" spielt Nina Hoss eine junge Berlinerin, die in den Wirren des Kriegsendes 1945 mehrfach von russischen Soldaten vergewaltigt wird. Im stern.de-Interview spricht Nina Hoss über Krieg, Ausnahmesituationen - und wie unterschiedlich Männer und Frauen damit umgehen.

Frau Hoss, haben Sie eigentlich selbst mit Frauen gesprochen, die im Mai 1945 in Berlin von Rotarmisten missbraucht wurden?

Nein. Ich hatte Hemmungen. Soll ich da als Schauspielerin zu einer dieser Frauen hingehen, die ja inzwischen um die 80 Jahre alt sind, und sagen: Erzählen Sie mal von Ihrer Vergewaltigung? Das hat so was Ausbeuterisches. Mir reichte, was ich lesen konnte.

Sind Sie eher eine, die sich vor den russischen Soldaten auf dem Dachboden versteckt hätte? Oder eine Zupackende wie die Anonyma, die sich einen Beschützer suchte?

Ich nehme an, ich hätte erst mal versucht, mich zu verstecken. Aber bevor ich mich umbringen lasse oder mich selbst umbringe, würde ich was tun. Diese permanente Verfügbarkeit des eigenen weiblichen Körpers ist ja schrecklich.

"Verdammt! Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leib hält", schreibt die Anonyma nach drei Vergewaltigungen in ihr Tagebuch.

Sie will nicht ständig ausgeliefert sein und beschließt: Von jetzt an will ich selbst entscheiden. Das kann ich gut verstehen. Und sie schreibt ja dann auch: "Fühlte mich körperlich wieder besser, nun, da ich etwas tat, plante und wollte, nicht mehr nur stumme Beute war."

Die Männer kommen im Film sehr schlecht weg. Einer raunzt sogar eine Frau an, die gerade belästigt wird und sich wehrt: "Nun gehen Sie doch endlich mit, Sie gefährden uns ja alle." Sind Männer "das schwächliche Geschlecht"?

Das kann man so nicht sagen. Hier hat es eher mit der Haltung der Männer gegenüber Frauen etwas zu tun.In ihren Augen war die Vergewaltigung vielleicht etwas, was die Frau auszuhalten hat und auch kann. Welch ein Trauma so eine Tat hinterlässt, damit durfte nicht umgegangen werden. Umso schlimmer, dass die Frauen danach nicht einmal darüber reden konnten.

"Die Männer sind so armselig, sie sind gar keine Männer mehr", sagt die Anonyma.

Die Deutschen kamen sich lange Zeit als grosser Sieger vor. Sie waren berauscht von den Eroberungen vieler Länder. Und plötzlich mussten sie erkennen, dass sie einer falschen Geisteshaltung erlegen waren. Alles brach zusammen. Die daheim gebliebenen Männer waren nur im Weg und machten alles falsch. Die anderen, die als große Kriegshelden ausgezogen sind, kamen geschlagen zurück, krank und schwächlich.

Trotzdem hat sich das nach dem Krieg schnell wieder geändert. Wieso lassen die Frauen sich sofort wieder unterdrücken?

Die fünfziger Jahre sind wirklich erstaunlich. Die Frauen wurden in die Heimchenrolle zurückgedrängt. Sie konnten nicht mal über ihre Kriegserlebnisse sprechen. Weil ein Mann mit so einer beschmutzen Frau ja nicht zusammenleben konnte, mussten sie den Mund halten. Es waren die Frauen, die aufgebaut haben. Die Trümmerfrauen. Alle Frauen. Aber sie wussten genau: Wenn sie den Männern jetzt auch noch erzählen: Ihr konntet uns nicht beschützten, dann ist die Moral dahin. Sie wollen den Männern ein gutes Gefühl geben: Ihr seid keine Verlierer. Wir werden das gemeinsam schaffen. Da ist sie schon wieder, die Kraft der Frauen.

Sie haben das Buch "Eine Frau in Berlin" mehrmals gelesen. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Mit dem Buch bin ich dauernd durch die Gegend gerannt. Ich finde, die Anonyma schreibt sehr klar und schonungslos. Dem Buch wird ja Kälte vorgeworfen, aber das kann ich gar nicht nachempfinden. Mich hat besonders interessiert: Was passiert, wenn man Tagebuch schreibt? Man begibt sich ja auf einen Beobachtungsposten, der eine gewisse Distanz zum Geschehen bringt. Einmal schreibt sie sofort nach der Tat: "Grade wurde ich vergewaltigt." Das ist so ein objektivierender Blick auf das, was geschieht. Als erlebte sie das für jemand anderen.

Haben sie selbst mal Tagebuch geschrieben?

Ja. Es hilft, diffuse Gedanken zu konzentrieren und auf den Punkt zu bringen. Man kann dann manche Dinge besser ordnen.

Die Russen sind im Film die Feinde. Wie war die Zusammenarbeit mit den russischen Schauspielern? Wurde über den Zweiten Weltkrieg gesprochen?

Ich war erstaunt, wie wenig man politisch redete. Wir haben uns eher über leichte Sachen unterhalten. Aber einmal sagte einer: "Was meint ihr was mein Großvater damals erlebt hat!" Die haben nicht vergessen, was ihnen von den Deutschen angetan wurde. Die Rote Armee ist ja wirklich durch das eigene verwüstete Land gegangen, bevor sie in Berlin ankam. Begreiflich, dass damals viele mit Hass aufgeladen waren.

Ein Racheakt also?

Vergewaltigung ist ja ein Kriegsmittel. Spaß haben die Soldaten nicht. Es geht um Macht. Es geht um Vernichtung. Es geht um eine Beleidigung der Männer im eroberten Land. Frauen werden hier als Besitz angesehen. Als Beute.

Evgeny Sidikhin spielt Ihren Beschützer. In Russland ist er ein Star. Gab es mit ihm Gespräche über seine Rolle als Major und Liebhaber einer deutschen Frau?

Er hielt sich zurück. Was damals in Berlin vor sich ging am Ende des Zweiten Weltkriegs ist ja in Russland ein Tabuthema. Mit der Aufarbeitung dieser Zeit sind sie dort noch nicht weit. Auch bei uns wurde ja lange nicht darüber gesprochen, was die Wehrmacht getan hat. Aber während hier mittlerweile gefordert wird, sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen, ist das in Russland nicht so. Es war schwierig, darüber zu sprechen.

War es schlimm, monatelang Krieg zu spielen?

Je länger ich mich damit beschäftigt habe, umso absurder erschien mir der Krieg. Was treibt die Menschen? Das ist mir unbegreiflich. Frauen wollen keinen Krieg. Für Männer sind das Ideen, Fakten. Sie haben eine Machtvorstellung und dafür wird gekämpft. Männer sprechen über den Feind und über Flakgeschütze. Nie darüber, wie der Freund erschossen wurde und wie das aussah.

Was war am schwersten zu spielen?

Die permanente Todesangst. Wie äußert die sich körperlich? Man hat ja nicht immer Angst. Der Alltag ist da. Deshalb finde ich es gut im Film, dass die Frauen in diesem zerstörten Berlin auch mal lachen. Dass sie einen Galgenhumor entwickeln, um überhaupt mit der ganzen Situation fertig zu werden.

Der Film endet romantisch und deutet eine Liebesgeschichte zwischen der Anonyma und ihrem Beschützer an. Im Buch ist die Beziehung dagegen wesentlich kühler.

Ich hatte schon das Gefühl, dass die Anonyma vom Major berührt wurde. Sie ist ja eine Preußin, die sich Gefühle überhaupt nicht zugesteht, das hat sie ganz gut im Griff. Aber vielleicht ist doch was passiert. Sie sagt: 'Liebe ist etwas anderes als vor dem Krieg, nicht mehr das, was sie mal war.' Deshalb fand ich die Szene schön, in der sie am Ende zum Major sagt: 'Danke, dass ich Sie kennenlernen durfte.' Sie musste durch ihn ihre Haltung überdenken. Das ist gar nicht schwülstig.

Gefällt Ihnen der Film mit all der Ruinen-Ästhetik, dem ständigen Geschützlärm und Gedonnere?

Das ist Ansichtssache. Ich hätte mir auch einen anderen Film vorstellen können, in dem man mehr davon erfährt, was eine Vergewaltigung mit den Frauen macht. In dem es auch mal einen Moment der Stille gibt.

Hat der Film Sie verändert?

Ja. Aber mit dem Thema Vergewaltigung im Krieg hatte ich mich schon als Jugendliche auseinander gesetzt. Damals habe ich einen Film über ein Lager gesehen, in dem der bosnische Armeechef Ratko Mladic gewütet hatte. Frauen, die das durchgemacht hatten, erzählten die gruseligsten Dinge. Eine war Juristin, hoch gebildet. Mladic war gekommen und hatte sie mitgenommen. Ihr war klar, wohin es jetzt geht. Es war nicht das erste Mal. Und es ging in die Dusche. Sie hasste ihn abgrundtief und sagt zu ihm: Du kannst mich jetzt vergewaltigen. Aber ich werde eiskalt sein. Und dann konnte er es nicht. In diesem Moment habe ich begriffen: Hinter der Kälte liegt eine unglaubliche Verzweiflung. Aber sie hat ihr die Kraft gegeben, kein Opfer mehr zu sein und nahm ihm damit den Boden für seine Tat.

Interview: Anja Lösel