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Oliver Hirschbiegel: "Ohne den erhobenen Zeigefinger"

Mit dem Film "Der Untergang" wagt sich Regisseur Oliver Hirschbiegel an die Aufarbeitung der letzten Stunden des Dritten Reichs. Mit ihm sprach stern.de-Mitarbeiter Frank Schliedermann.

Herr Hirschbiegel, gab es für sie so etwas wie eine politische Motivation, diesen Film zu machen?

Absolut. Aber nicht, um eine politische Haltung einzunehmen. Ich habe das eher als historischen Auftrag empfunden: Der Film musste gemacht werden.

Warum?

Wir Deutschen sind lange sehr schablonisierend mit dem Schrecken des Nazi-Regimes umgegangen. Doch gerade diese Schablone des Schreckens hat den eigentlichen Schrecken aufgeweicht. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit ihm wird dadurch unmöglich gemacht.

Lässt sich die Geschichte des "Dritten Reichs" denn in zwölf Tagen aufarbeiten?

Nein, aber die letzten Tage im Führerbunker beschreiben die Mechanismen, die Zerstörungswut und den Zynismus dieses Regimes in sehr kumulierter Art und Weise. Das Buch von Joachim Fest machte es möglich, diesen vielschichtigen Stoff dramaturgisch in den Griff zu bekommen.

Das Buch "Der Untergang" schildert die Geschehnisse der letzten Tage im Führerbunker. Der Film verfolgt jedoch mehrere parallele Handlungsstränge. Warum haben Sie sich nicht stärker auf die Person Hitlers konzentriert?

Weil wir keinen Film über Hitler machen wollten. Die Idee war, den Komplex "Untergang" als ein Synonym für die Grundhaltung der Deutschen zu erzählen. Diese fast aufreizende Gleichgültigkeit gegenüber Tod und Untergang. Diese typisch Haltung: "Sieg oder Niederlage".

War es daher wichtig, dass der Film von Deutschen gemacht wurde?

Ich denke ja. Nur so konnte es ein sehr deutscher Film werden. Ohne Vorverurteilung, ohne zynisch zu werden und ohne den erhobenen Zeigefinger. Einen derartigen Umgang mit der Geschichte kann uns keiner abnehmen. Das können wir nur selbst in die Hand nehmen.

Wie haben Sie selbst den Geschichtsunterricht erlebt?

Ich fand ihn immer verkürzt und unbefriedigend. Wir haben die Fakten gelernt und abgehakt, immer unter der Prämisse: Das war schlecht. Das darf sich nicht wiederholen. Aber es wurde nie richtig hinterfragt. Im Sinne eines verstehen wollen: Wie war das möglich? Was bestimmt dieses Volk? Und was für eine Zukunft haben wir?

Soll der Film speziell ein jüngeres Publikum ansprechen?

Das nicht. Wir alle haben uns noch nicht genug mit unserer Geschichte auseinandergesetzt. Aber genau das müssen wir tun, um wieder ohne Scheu und seltsamen Beigeschmack sagen zu können: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.

Wie nähert man sich solchen Figuren wie Goebbels oder Himmler?

Natürlich muss man die alten Aufzeichnungen und Filme studieren, um sich ein Bild zu machen. Man liest viel. Aber man kommt auch nicht drum herum, sich in die Ideen und die emotionale Denkweise dieser Menschen hineinzuversetzen, tief in sich hineinzuhorchen und dort nach Deckungsfeldern zu suchen.

Wie geht man damit um?

Als Regisseur arbeite ich stark mit energetischen Zuständen. Und diese Ideologie, mit der man sich über einen so langen Zeitraum beschäftigt, diese Symbole und diese Farben, all das hat eine sehr starke negative Kraft. Da muss man sich jeden Abend kräftig "duschen", indem man noch ein paar Zeilen Kleist liest, oder Bach hört. Man braucht da regelrecht eine Reinigung.

Wie war die Zusammenarbeit mit Bernd Eichinger, der ja auch das Drehbuch geschrieben hat?

Bernd ist ein Autor, der die Ideen eines Regisseurs aufnimmt und daraus eine Szene macht. Ich wollte unbedingt, dass wir den Tod der Goebbels-Kinder zeigen, weil ich fand, dass wir den Weg, den wir eingeschlagen haben, auch zu Ende gehen mussten. Bernd war da erst etwas unsicher. Aber dann hat er die Szene doch geschrieben.

Und wie war die Gewaltenteilung?

Ich hatte mit Bernd den Deal, dass er meine letzte Instanz ist und sich immer die Muster anschaut, um mich auf mögliche Fehler hinzuweisen. Und das hat er auch gemacht, selbst wenn er in Toronto bis 5 Uhr morgens "Resident Evil" gedreht hat. Man kann sagen, dass wir über den Film Freunde geworden sind.

Interview: Frank Schliedermann
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