Steinbrücks Reisen Dicke Hose in Dubai


Paris? London? New York? Geschenkt. Nirgends wird so euphorisch-hemmungslos entwickelt und gebaut wie im Wüstenstaat Dubai. Finanzminister Peer Steinbrück staunte - auch, weil seine Gastgeber die Mehrwertsteuer importieren wollen. Eine Reportage aus der schönen, neuen arabischen Welt.
Von Andreas Hoffmann, Dubai

Martin Berlin steht vor einer Landkarte. Er misst mit Daumen und Zeigefinger eine Strecke ab, die so lang wie ein Lippenstift ist. "Dieses Stück", sagt er, "entspricht etwa der Länge des Strip in Las Vegas." Dazu muss man wissen, dass "der Strip" eine der berühmtesten Amüsiermeilen der Welt ist, doch auf der Landkarte schrumpft die Las-Vegas-Ikone zur Fußnote. Ein Fliegenschiss inmitten Dutzenden von Themenparks, Sportstadien, Golfparks und nachgebauten Märchenschlössern.

Martin Berlin, ein ehemaliger McKinsey-Mann, entwirft heute Zukunft in Dubai. Er trägt eine dieser eckigen Brillen, die den Menschen zum Designer erheben sollen. In seinen Haarspitzen glänzt Gel. Das von ihm geplante neue Mekka der Vergnügungssüchtigen ist 16 Kilometer lang und 20 Kilometer breit: Dubai-Land. 2011 sollen sich die Tore öffnen, Martin Berlin schwelgt bereits in Superlativen: "Wir bauen die größte Einkaufsmall der Welt."

Der Wüstenstaat liebt den Superlativ

Größer. Höher. Weiter. Drunter geht's nicht in Dubai. Der Wüstenstaat von der Größe des Saarlandes liebt den Superlativ. Man kann ein 780 Quadratmeter großes Hotelzimmer für 9000 Euro die Nacht buchen, einen Drink für 5000 Euro bestellen oder in einer Halle Ski laufen, während draußen die Sonne die Luft auf 47 Grad aufheizt. Dubai ist die dicke Hose der arabischen Welt. Jedes Jahr fallen sechs Millionen Touristen ein und lassen elf Milliarden Dollar zurück.

Ein Mythos des 21. Jahrhunderts, der auch Finanzminister Peer Steinbrück angelockt hat. Zum dritten Mal reiste er in das Land, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört, eine der "dynamischsten Regionen der Welt", sagt er. Doch wer ihn abends an der Bar des Kempinski-Hotel trifft, nach vielen Gesprächen mit Politikern, Bankern und Geschäftsleuten, erlebt einen nachdenklichen Peer Steinbrück. "Es kann sein, dass wir hier eine Blase erleben. Es kann aber auch sein, dass diese Blase noch zehn, 15 Jahre andauert."

Glühende Hitze, miese Arbeitsbedingungen

Dass der Mythos bröckeln könnte, zeigt sich jedem, der das klimatisierte Hotel verlässt. Man muss nur Taxi fahren, vielleicht am späten Nachmittag. Der Fahrer quält sich durch einen endlos scheinenden Stau, weil die Stadtplaner nur an Autos gedacht haben und erst jetzt eine S-Bahn bauen. Auf den Baustellen entlang der Straßen plagen sich Inder, Chinesen, Pakistani, Afrikaner. Sie arbeiten in glühender Hitze zu miesen Bedingungen, was schon mancherorts zu Aufständen und Streiks führte, die Sicherheitskräfte niederschlugen.

Westliche Medien berichten über Touristen und Edel-Gastarbeiter, die wegen winziger Mengen Haschisch für vier Jahre im Knast verschwinden, und wer den geplanten Flughafen besichtigt, ahnt ebenfalls die Zukunftsnöte. Am Ende sollen in Dubai so viele Passagiere einschweben wie in Paris, London und Frankfurt zusammen. Dafür aber ist viel Strom nötig, soviel wie derzeit ganz Dubai verschlingt. Und der Energiehunger wächst, weil noch mehr Hochhäuser, noch mehr Straßen, noch mehr Golfplätze wuchern. Die Ölquellen aber, die dafür die Energie liefern, sprudeln spärlicher, derzeit tragen sie nur sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. In Kuwait sind es 60 Prozent.

Viele Chancen für deutsche Firmen

Angesichts Dubais Probleme sieht Steinbrück viele Chancen für deutsche Unternehmer. "Wir kommen in eine Phase, wo der Wohlstand in der Welt neu verteilt wird", sagt er. Es gehe nun darum, von den vielen Investitionen der Ölstaaten etwas abzubekommen. "Dann können die Deutschen weiter in der Championsleague mitspielen", sagt er.

Alfred Tacke lacht. Es ist spät geworden in der Hotelbar. Auf dem Tresen vor ihm perlt ein Glas Mineralwasser, er sinniert über die Reise. Der ehemalige Wirtschaftsstaatssekretär und heutige Vorstandschef des Kraftwerkbauers Evonik Steag gehört mit einem Dutzend Manager und Politiker zu Steinbrücks Delegation. Er erlebte die beeindruckenden Häuserschluchten, hörte die Marketingreden, nun denkt er an den Strom, der den Mythos Dubai am Leben halten soll. "Die werden unsere Kraftwerke brauchen, um ihre Energieprobleme zu lösen", sagt er. Im Geist sieht er die ersten Aufträge vor sich.

Auch Steinbrücks Hilfe ist gefragt. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die damit werben, kaum Steuern zu erheben, erwägen eine Mehrwertsteuer einzuführen. Der zuständige Finanzminister fragte um deutschen Rat, insbesondere wie man eine solche Abgabe organisiert. Einer von Steinbrücks Beratern grinst: "Das ist kein Problem. Mit Steuern kennen wir uns bestens aus."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker