Black Hills in South Dakota Kampf um "The Great Sioux Land"

In den Black Hills von South Dakota entschied sich 1876 das Schicksal der Prärie-Indianer. Heute ringen Freizeitindustrie und Lakota um die Zukunft der Region. Die Ureinwohner kämpfen darum, ihr heiliges Land nicht zu verlieren.
Von Stefan Nink

Für einen kurzen Moment verharrt der Zeigefinger in der Luft, dann fällt er wie eine Kriegslanze auf die Karte, die schon ganz verblasst und unleserlich geworden ist nach all den Zeigefingern der letzten Jahre. Wie oft hat er das Leid seines Volkes schon an der Wandkarte markiert? Viel zu viele Male! So oft, dass er sie mit geschlossenen Augen findet, die Grenzlinien, die Umrisse des Reservat, die heiligen Berge. Na und? Er wird es weiterhin tun! Jedem wird er es zeigen, jedem, bis das Unrecht getilgt ist! Edgar Bare Runner stösst erneut zu, der Zeigefinger markiert einzelne Punkte, hier und da und dort oben, und dann fährt er sanft einen Kreis, der die Punkte verbindet: "Das Great Sioux Land. Vertraglich zugesichert. Und die Hügel liegen mittendrin." Der Zeigefinger tippt auf ein kleines Areal. Irgendwer hat die Black Hills wie Berge aus einem Bilderbuch in die Karte gezeichnet. Als seien sie die Idee eines Schulkindes. Als existierten sie nur in der Erinnerung.

Rapid City, South Dakota, drei Tage zuvor. Der Tankwart nickt und malt eine kleine Skizze, hier, auf den Highway 16, dann nach Süden, "have fun!" Es wäre auch ohne Wegbeschreibung nicht schwer, die Black Hills zu finden: Ihre dunkle Silhoette ist so ziemlich die einzige topografische Abwechslung in einem Staat, der sich gerne mit dem Attribut "almost too much sky" schmückt - wenn man mehr als hundert Meilen bis zum Horizont schauen kann und das in alle Richtungen, fällt eine sich plötzlich auftürmende Gebirgskette schon ins Auge. Die Black Hills sind die höchsten Gipfel zwischen den Rockies und den Alpen, 200 auf 100 Kilometer voller Kalksteinkluften und Zackenkämme, die sich im Tertiär gegenseitig ins Dasein geknufft haben. Schon die amerikanischen Ureinwohner fühlten sich von ihnen angezogen, zuerst die Cheyenne, dann die Kiowa, die Pawnees und die Crow, schließlich die Sioux: Sie alle zogen in Richtung jener mit dunklem Tann' bewaldeten Berge.

Heute könnte man auch einfach den Reklametafeln zu folgen, die von Rapid City aus am Straßenrand Spalier stehen. Die Black Hills gehören zu den beliebtesten Freizeitregionen in diesem Teil der USA - was zuerst einmal bedeutet, dass alle zwanzig Meter auf gewaltigen Billboards für die abstrusesten Dinge geworben wird. Für Wachsmuseen etwa, für Wasserparks und Krokodilfarmen oder Freilicht-Passionsspiele. Und natürlich mischt auch die Outdoor-Industrie kräftig mit, die Hiker und Biker, Kajakfahrer und Kanuten mit Angeboten versorgt. Außerdem kommen Goldwäscher und Wild West-Fans und jene 2,5 Millionen Besucher, die jährlich zum Mount Rushmore pilgern, wo Amerika seine Präsidenten in Stein gemeißelt hat. 600 Millionen Dollar Gewinn bringt der Trubel jährlich in die Staatskasse - die Region ist eine Haupteinnahmequelle für South Dakota. Und genau da liegt das Problem.

Die Black Hills sind indianisches Gebiet

Die Black Hills gehören dem Staat nämlich nicht. Zumindest, wenn man den Lakota glaubt, einem Teil der Sioux-Familie, die das Gebiet für sich beanspruchen. Nicht erst seit neulich, sondern seit 1923: Der Streit um die Black Hills ist die längste und erbitterste Auseinandersetzung zwischen den weißen USA und ihren Ureinwohnern. Alle Instanzen der US-amerikanischen Legislatur haben sich mit ihm beschäftigt; längst liegen Vorlagen bei den Vereinten Nationen und dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Nach 60 Jahren juristischen Scharmützeln hat der Supreme Court dem Stamm 1980 zwar eine Entschädigung von 106 Millionen Dollar zugesprochen. Die Lakota aber lehnten ab - und forderten die Berge. Ihr Argument: Die Black Hills seien heilig und damit unverkäuflich, "Wamaka Og'naka I'Cante", der Geburtsort der Sioux (und damit nach Lakota-Auffassung der Menschheit). Ein Argument, gegen das sich 106 Millionen Dollar tatsächlich eher läppisch ausnehmen.

Nun fällt es bei einer Fahrt durch die Black Hills schwer, sich der indianischen Argumentation völlig zu entziehen. Abseits der touristischen Metastasen sieht es hier wirklich so aus, als habe der Große Geist ein landschaftliches Ersatzteillager für den Westen der USA zusammengetragen: wilde Ströme, dichte Wälder, schroffe Klippen und weite Grasebenen, ein Kulissenkaleidoskop wie geschaffen für ein Remake von "Der mit dem Wolf tanzt". Auf den Ebenen des Custer State Parks weiden Büffelherden, immer wieder springen Rehe über die Straße. Und wenn man durch das verzweigte Höhlensystem des Wind Cave National Park kraxelt, aus dessen Tiefen die Lakota vor 10.000 Jahren auf diese Welt hinauf geklettert sein wollen, kann man zumindest nachvollziehen, weshalb sie ihre Ansprüche auf die Black Hills so vehement vertreten.

Kein "Blutgeld" für die Black Hills

Es hatte ja auch alles zugunsten der Sioux ausgesehen, damals, 1868, als die USA ihnen im Vertrag von Fort Laramie ein großes Gebiet zusicherten, wenn sie die weißen Siedler unbehelligt Richtung Westen passieren ließen. Doch dann fand eine Expedition unter General Custer 1875 Gold in den Bergen mitten im Great Sioux Land, und es kam, wie es kommen musste: Tausende Goldsucher strömten in die Black Hills, die Stämme wehrten sich, Custers folgender Feldzug endete jäh auf dem Schlachtfeld am Little Bighorn, Washington ließ die Armee von der Leine, und ein paar Monate später mussten die Prärie-Stämme um Essen und Decken betteln. Die Regierung nutzte die verzweifelte Lage der Indianer und presste ihnen die Black Hills ab. 1876 war "The Great Sioux Land" fast komplett von den Karten verschwunden: Ein paar Flecken Land südöstlich der Black Hills - mehr ist den Sioux nicht geblieben.

"Und das müssen wir ändern!". Edgar Bare Runner nimmt seinen Finger von der Landkarte. Der Sprecher des Tribal Council der Lakota in Pine Ridge ist ein bulliger Mann, dessen weiche Stimme von einer Sekunde auf die andere hart und schneidend werden kann. Gerade zum Beispiel, bei der Frage nach dem Millionen-Angebot des Staates. "Blutgeld!", ruft er, "Eine Beleidigung! Niemals werden wir das akzeptieren! 106 Millionen! Die haben allein für 15 Milliarden Dollar Gold aus den Black Hills geholt!". Er wendet sich ab, als müsse er sich beruhigen. "Wenn wir Lakota heute unsere Zeremonien in den Black Hills abhalten wollen, müssen wir weiße Landbesitzer um Erlaubnis fragen. Wenn wir Euch alle Kirchen und Moscheen und Synagogen schließen würden - was würdet Ihr tun?"

Gigantisches Abbild von "Crazy Horse" in Stein gehauen

Und was ein liebliches, beinahe samtenes Land kann das sein! In sanften Schwüngen führt die Straße durch Täler und über weite Lichtungen, und alle zwei, drei Kurven ändert sich die Szenerie komplett, wird Wald zu Prärie und Schlucht zu Panoramaplateau. Hin und wieder biegt man in die Main Street eines alten Goldgräberstädtchens ein, aber bevor man es richtig realisiert, ist man schon wieder draußen aus Hill City oder Custer. Und irgendwann blickt man in ein steinernes Gesicht am Horizont.

Mitten in den Black Hills entsteht das größte Denkmal, dass je einem Menschen gesetzt wurde: Wenn das Crazy Horse Memorial fertig ist, wird es 170 Meter hoch und 195 Meter lang sein - sämtliche Präsidentenköpfe des benachbarten Mount Rushmore zusammen hätten Platz im Kopf des Pferdes, auf dem Crazy Horse sitzt. Es ist passend für das Ringen um die Black Hills, dass das Denkmal für den berühmten Lakota-Führer das Werk eines Weißen ist: Der Bildhauer Korczak Ziolkowski hat 1948 mit den Arbeiten begonnen, seine Frau Ruth und ihre zehn Kinder führen sie bis heute fort. Knapp sechs Jahrzehnte nach der ersten Sprengung ist das Gesicht vollendet; die nächsten Jahre wird am ausgestreckten Arm gearbeitet, der mitten in die Black Hills zeigt - eine steinerne Umsetzung des Crazy Horse-Zitates "Mein Land ist dort, wo meine Toten begraben liegen". Wann das Denkmal fertig ist? Ruth Ziolkowski, eine sanfte, alte Dame, zuckt mit den Schultern. Sie wolle eigentlich kein Denkmal, sagt sie. Sie wolle nichts weiter, als einen Ort der Versöhnung zu schaffen.

Und dann steht man oben vor dem Antlitz von Crazy Horse und blickt in die Ferne. Die Black Hills liegen im Abendlicht, majestätisch, schweigend, als seien ihnen all diese Bemühungen gleich. Als könne ihnen das alles nichts anhaben. Als wollten sie sagen: Wir waren schon immer da, und wir werden immer da sein. Und vielleicht ist das die einzige Hoffnung für Edgar Bare Runner und die Lakota.


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