Raumfähre "Discovery" Hitzeschild ist repariert


"Ich halte fest und ziehe. Er kommt sehr einfach heraus. Wunderbar." US-Astronaut Steve Robinson wird in die Raumfahrtgeschichte als erster Astronaut eingehen, der ein Space-Shuttle im Weltall repariert hat.

Mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger seines dicken Weltraumhandschuhs entfernte der 49-Jährige zwei überstehende Füllstreifen zwischen Hitzekacheln. Am Ende sah die Notreparatur so einfach aus wie das Ziehen einer Kreditkarte aus einem Geldautomaten.

Zum ersten Mal in der Geschichte der bemannten Raumfahrt wurde ein Space-Shuttle im All repariert.

Faszinierender Krimi in 360 Kilometern Höhe

Von einem Erfolg dieses nie da gewesenen riskanten Notfalleinsatzes hing nicht nur das Leben von Robinson, sondern das der gesamten siebenköpfigen "Discovery"-Crew ab. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hatte befürchtet, die Unebenheiten der herabhängenden Fugenfüllerstreifen könnten die Aerodynamik der Raumfähre stören und zu einer stärkeren Aufheizung des Schutzschildes beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre führen. Probleme am Hitzeschild hatten 2003 zum Absturz der "Columbia" geführt. Bei dem Unglück starben alle sieben Besatzungsmitglieder.

Das, was sich mehr als eine Stunde lang im Weltall abspielte, glich einem faszinierenden Krimi mit spektakulären Aufnahmen in rund 360 Kilometern über der Erde. Der Einsatz der Nasa-Astronauten wurde live auf der Homepage der Nasa übertragen. Bei einem Misserfolg der Reparatur, die in der Geschichte der Raumfahrt einmalig war, wäre die "Discovery" im All gestrandet.

"Ich bin bereit zu fliegen", sagte Robinson zu Beginn seines mehr als einstündigen Einsatzes. Mit angeschnallten Füßen am Ende eines Roboterarmes der Internationalen Raumstation ISS schwebte er förmlich durch Zeit und Raum bis zur "Discovery". Als erster US-Astronaut betrachtete er aus dem Weltall die wie einen Flickenteppich aussehenden Hitzekacheln am Unterboden seiner Raumfähre. "Es ist wirklich spektakulär. Da gibt es nichts."

Wie in Zeitlupe bewegte sich der Roboterarm

"Steve, wenn du fertig bist, können wir anfangen", sagte eine Stimme aus dem Kontrollzentrum in Houston. "Fertig", antwortete Robinson wie aus einer Schnellschusspistole. Dann begann die Fingerspitzenarbeit, ein Job für Feinmotoriker, der sehr entfernt vergleichbar ist mit einem ferngesteuerten Spielzeugauto, das mit einigen Manövern exakt vor einer Startlinie positioniert werden muss.

Wie in Zeitlupe bewegte sich der Roboterarm mit Robinson zu den beschädigten Stellen an der Außenhaut der Raumfähre. "Einen Fuß (30,5 Zentimeter) herunter", sagte Robinson. "3,2,1 - keine Bewegung mehr." Der erste Anlauf schlug fehl, Robinson war weiter als eine Armlänge von der Außenhaut entfernt. "Steh aufrecht und beuge dich nach vorn", weist die Stimme aus dem Kontrollzentrum den in der Schwerelosigkeit schwebenden Mann zurecht.

Größte Angst war weitere Beschädigung der Hitzekacheln

Robinson hatte eine Kamera am Helm seines Weltraumanzuges. Auch eine weitere Kamera am Roboterarm des Space-Shuttles gab dem Kontrollzentrum in Houston einen klaren Überblick. "Kein Kontakt mit der Raumfähre", sagte die Stimme. "Mein Ziel ist es, die Hitzekacheln überhaupt nicht zu berühren", versprach Robinson. Er werde die hervorstehenden Füllstreifen nur "ganz, ganz behutsam berühren".

Eine der größten Ängste der Nasa war, dass Hitzekacheln bei der Notreparatur gerade dort zerstört werden könnten, wo sie am nötigsten gebraucht werden - an dem besonders hohen Temperaturen ausgesetzten Unterboden des Shuttles. Dies wäre genauso lebensgefährlich geworden wie die beiden hervorstehenden Füllstreifen. Nasa-Techniker befürchteten, dass sich an den Streifen Turbulenzen bilden und sich als Folge die Hitzekacheln zu stark erhitzen könnten - deshalb mussten die Füllstreifen entfernt werden.

Am Ende sah die Reparatur einfacher aus als erwartet, aber für Robinson war sie kein Weltraumspaziergang. Auf den Astronauten lauerten vielfältige Gefahren, sagte der stellvertretende Programmdirektor Wayne Hale vor Beginn des "historischen Einsatzes". Sein Weltraumanzug könnte beispielsweise beschädigt werden. Darüber hinaus gebe es extrem heiße und kalte Stellen und scharfe Kanten am Shuttle.

Der Ärger mit der US-Raumfähre "Discovery" riss auch vor dem Ausstieg ins All nicht ab. Nach den Problemen mit zwei Füllstreifen zwischen Hitzekacheln macht der US-Weltraumbehörde Nasa jetzt ein beschädigtes Teilstück zum Hitzeschutz in der Nähe eines Fensters zu schaffen. Der Knick in dem Teil sei wahrscheinlich durch ein losgelöstes Schaumstoffteil beim Start entstanden, sagte der stellvertretende Programmdirektor Wayne Hale am Dienstag in Houston. Bis Donnerstag solle für das vorerst letzte Problem am Shuttle eine Lösung gefunden werden. Dagegen scheinen die Sorgen über mögliche Beschädigungen an den Flügelkanten der Raumfähre unbegründet.

Die kritische Reparatur

Hans Dahne, DPA DPA

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