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Hessische Linkspartei: Die Stunde des Dompteurs

Highnoon in Lollar: In diesem kleinen Ort in Mittelhessen entscheidet sich wohl Andrea Ypsilantis politische Zukunft. Denn hier stimmt die hessische Linke auf ihrem Parteitag über die Tolerierung einer rot-grünen Koalition ab. Auf Kurs bringen soll die Genossen ein Dompteur aus Berlin.

Von Tiemo Rink, Lollar

Ein Mann kämpft. Nach zehn Minuten ist er auf Betriebstemperatur, der linke Zeigefinger stochert in der Luft, manchmal droht seine Stimme zu kippen. "Millionen sind stärker als Millionäre. Auf unsere Solidarität kommt es an" ruft Bodo Ramelow in den Saal. Er ist der Dompteur an diesem Abend im mittelhessischen Lollar. Sein Job: Beim Landesparteitag der hessischen Linken die 170 Delegierten auf Kurs bringen und dort halten.

Bundespolitisch ist Lollar eher unwichtig. Zwar soll - wie sich ältere Genossen zuraunen - bereits Willy Brandt hier gesprochen haben, ansonsten fiel der Ort in der Nähe von Giessen nicht weiter auf - bis zu diesem Wochenende. Ob das Projekt Ypsilanti, eine rot-grüne Minderheitsregierung mit Tolerierung durch die Linken beendet ist, noch bevor es richtig angefangen hat, wird davon abhängen, ob sich in Lollar die Realos oder die Fundis durchsetzen.

"Keine Zeit für Streit"

Ramelow setzt an diesem Abend auf Stallgeruch. Eine "Rückkehr zu meinen Wurzeln" sei seine Rede. Schließlich ist der gebürtige Hesse bereits als Jugendlicher "mit dem Mofa durch Lollar geknattert." Seine hessische Herkunft dürfte jedoch nicht der einzige Grund sein, warum ausgerechnet Ramelow als Mitglied des Bundesparteivorstandes das Grußwort zur Eröffnung des Parteitages spricht. Denn der Sozialist gehört zum Realoflügel - und hat große Pläne. Bei der nächsten Landtagswahl will er Ministerpräsident in Thüringen werden. Aktuell liegt die Linkspartei in Thüringen in Umfragen gemeinsam mit der CDU bei rund 30 Prozent, es sieht nicht schlecht aus. Wenn jemand darüber reden kann, wie schön Regierungsverantwortung ist, dann Bodo Ramelow.

"Ich wünschte, ihr hättet die Zeit, miteinander über eine Regierungsbeteiligung zu streiten" gesteht er. Diese Zeit haben die hessischen Linken aber nicht. Stattdessen gehe es um schnelle Entscheidungen. "Ihr steht in der Pflicht. Wir brauchen Hessen als Einstieg in einen Politikwechsel im Bundesrat" beschwört Ramelow die Delegierten. Der Applaus kommt zögerlich und verebbt schnell wieder. Die entscheidende Frage des Parteitages wird sein, ob die hessischen Linken schon bereit sind für den großen Schritt in Sachen Realpolitik.

"Unberechenbare Parteibasis"

Oppositionspartei zu sein hat Vorteile, zumindest gefühlt. Der Leitantrag des bisherigen Landesvorstandes macht das deutlich: "Für eine demokratische Hochschule" oder aber die Forderung nach dem "Ausbau direkter Demokratie in Kommunen, Kreisen und auf Landesebene". Nirgendwo sonst lässt sich so herrlich schwammig formulieren wie in der Opposition.

Dass die hessischen Linken manchmal unberechenbar sind, haben sie vor einem Jahr bereits unter Beweis gestellt. Für den ersten Platz auf der Landesliste kandidierte damals auf Initiative der Berliner Parteiführung der Gewerkschafter Dieter Hooge. Der gemäßigte Ex-DGB-Landesvorsitzende aus Hessen galt als optimaler Kandidat, um Polemiken gegen die "Chaotentruppe" gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Parteibasis jedoch fühlte sich übergangen - und rebellierte. Es kam wie es kommen musste: Unterstützt durch mehrere Kreisverbände trat das ehemalige DKP-Mitglied Pit Metz gegen Dieter Hooge an - und gewann in einer Stichwahl prompt.

"Kampfkandidatur um Landesvorsitz"

Nur zehn Tage später musste Metz wieder zurücktreten. Mit umstrittenen Äußerungen zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan hatte er sich selbst ins Abseits manövriert - und seiner Partei ein PR-Desaster allererster Güte beschert. Ein solches Debakel soll diesmal unbedingt verhindert werden. Auch dafür zuständig: Bodo Ramelow. "Ich kenne Pit Metz schon viel zu lange als guten Freund und aus seiner ausgezeichneten Arbeit im Marburger Stadtparlament, um mich mit ihm zu streiten", so Ramelow. Der Dompteur Ramelow schlägt sich wacker, der Applaus steigert sich. Doch es bleibt eine Zitterpartie.

Was ein linkes Bündnis in Hessen eigentlich noch stoppen könnte, wurde der Grünen-Chef Tarek Al-Wazir vor einigen Tagen gefragt. "Die Wiederkehr von Pit Metz" antwortete er. Ärgerlich für Al-Wazir und wohl auch für Ramelow: Metz plant ein Comeback. Am Samstag wird der 55jährige Marburger und bekennende Kommunist für einen Platz im Landesvorstand kandidieren. Und eine weitere Personaldebatte sorgt für Sprengstoff. Um den Parteivorsitz werden in einer Kampfkandidatur Ferdinand Hareter und Ulrich Wilken antreten. Wilken steht für einen verlässlichen Kurs und wäre wohl Ypsilantis Wunschkandidat. Hareter hingegen ist bisheriger Parteivize gilt als kompromissloser. Wenn die beiden am Samstag gegeneinander antreten wird Ramelow wohl längst wieder in Berlin sein.

Doch an diesem Abend holt er alles raus, was möglich ist. Nach einer knappen halben Stunde Redezeit kommt der Applaus: grob geschätzt vierzig Sekunden. Das ist der aktuelle Kurs für Realpolitik.