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Meryl Streep und Jean Dujardin Sieger der Herzen


Sie die Bescheidene, er der Underdog: Meryl Streep und Jean Dujardin sind die besten Schauspieler des Jahres. Warum sich selbst Nicht-Fans mit ihnen freuen dürfen.
Von Jens Maier

Sie startet ihre Dankesrede mit einem Scherz: "Ich hör' die Zuschauer zuhause schon stöhnen. Jetzt hat die noch einen Oscar bekommen", sagt Meryl Streep am Sonntagabend, nachdem sie gerade die dritte Trophäe ihrer Laufbahn in die Hand gedrückt bekommen hat. Nicht mal jetzt kostet sie ihren großen Triumph aus. Wirkt bei ihrer Dankesrede bescheiden, ja fast wehmütig.

Ganz anders der große Franzose mit dem festen Blick. Er kostet seinen Erfolg aus, führt einen Freudentanz auf der Bühne auf. "Jean wer?", bekommt er in Hollywood bislang als Antwort auf seinen Namen entgegen gerufen. Doch jetzt ist alles anders. Jean Dujardin, der für "The Artist" als bester Schauspieler ausgezeichnet wird, reckt wie ein Napoleon seinen Oscar in die Höhe. "I love your country", haucht er mit Akzent ins Mikrofon. Ein Franzose im US-amerikanischen Kinoolymp.

Meryl Streep und Jean Dujardin - so heißen die besten Schauspieler des Kinojahres 2011/2012. Sie eine weltweit bekannte Schauspielerin, die sich ihre Rollen längst nach Lust und Laune aussucht, er außerhalb Frankreichs ein Nobody, dem wegen seiner buschigen Augenbrauen keine große Kinokarriere vorhergesagt worden war. Unterschiedlicher könnten die Preisträger nicht sein. Und doch, eines eint sie: Sie sind die Sieger der Herzen.

Streep überzeugt in Dramen und Komödien

Mit Gefühl und Intelligenz fasziniert Streep ihr Publikum schon seit fast 40 Jahren. Mit ihrem zweiten Ehemann ist sie seit fast 35 Jahren skandalfrei verbunden, ihrem Maskenbildner hält sie seit 30 Jahren die Treue. Mit dem dritten Oscar in der Hand spricht Meryl Streep über das, was ihr am wichtigsten ist: "Freundschaft". Dabei kommen ihr die Tränen. Und fast klingt es ein bisschen nach Abschied, als sie im Moment der größten Ehre sagt, dass sie wahrscheinlich "nicht noch einmal hier oben stehen" wird.

Dabei weiß man nie, welche Überraschungen die 62 Jahre alte Mutter von vier Kindern ihrem Publikum noch bereiten wird. Denn Streeps künstlerische Vielfalt ist verblüffend. Ob Action oder Thriller, Psychodrama oder Komödie, Gesellschaftspanorama oder Musical - die Frau, die nie in das gängige Hollywood-Schönheitsideal passte, fesselt mit einer nahezu unglaublichen Bandbreite.

Ihren ersten Oscar erhält sie 1979 für ihre Leistung in dem realistischen Scheidungsdrama "Kramer gegen Kramer", vier Jahre danach gibt es den Preis für ihre Interpretation eines Nazi-Opfers in "Sophies Entscheidung", nun der Oscar für ihre Verkörperung von Margaret Thatcher. Dazwischen liegen Werke wie der Fernseh-Mehrteiler "Holocaust", die Liebesdramen "Jenseits von Afrika" und "Die Brücken am Fluss". Rasiermesserscharfe Bosheit zeigt sie in "Der Teufel trägt Prada", in "Mamma Mia!" begeistert sie als singende Latzhosenträgerin.

Dujardin ist der neue Belmondo

Während Streep auf eine erfolgreiche Hollywoodkarriere zurückblicken kann, steht ihm der Durchbruch im US-Filmgewerbe erst jetzt bevor: Jean Dujardin ist in Frankreich ein Star. In Theatercafés fängt er an zu schauspielern, bevor er seine eigene Truppe Nous C Nous gründet. Den Durchbruch bringt ihm 1999 die französische Fernsehserie "Un gars et une fille" mit Sketchen zum Verhältnis zwischen Mann und Frau. Dort spielt er an der Seite der Schauspielerin Alexandra Lamy, die er 2009 heiratet.

Es folgen mehrere Filmkomödien, von denen "Brice de Nice" 2005 die bekannteste ist. 4,3 Millionen Franzosen schauen sich den Film um einen begeisterten Surfer an, der in Deutschland unter dem Titel "Cool Waves" läuft. 2006 arbeitet Dujardin für die James-Bond-Parodie "OSS 117" erstmals mit Michael Hazanavicius zusammen, dem Regisseur von "The Artist". Der Schauspieler setzt zwar eher auf leichte Unterhaltung, spielt aber auch ernste Rollen wie 2010 in "Le bruit des glaçons", der die Krebserkrankung eines Schriftstellers behandelt, und im Beziehungsdrama "Un balcon sur la mer".

Durch seine verwegen-verschmitzte Art wird Dujardin in Frankreich gerne mit Jean-Paul Belmondo verglichen. Wie der Altstar ist auch Dujardin, der nur gebrochen Englisch spricht, durch und durch Franzose und kann sich keinen Umzug in die USA vorstellen. "Ich bin zu sehr Pariser. Ich denke, die Franzosen wären sauer, wenn ich gehen würde", sagt er dem US-Magazin "GQ".

Warum jeder Dujardin und Streep ihre Preise gönnt

Was die beiden nun so sympathisch macht? Bei Streep ist es die Balance aus Perfektion und Koketterie mit der selbigen. Jeder ahnt, wie verbissen sie jeden einzelnen Wesenszug der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher studiert haben muss, um sie so perfekt auf der Leinwand zu verkörpern. Doch auf der Bühne bleibt sie cool und unverkrampft, macht Scherze nicht über andere Leute, sondern auf ihre Kosten. Und vor allem: Trotz ihrer künstlerischen Strahlkraft, ihrer schauspielerischen Perfektion und Detailversessenheit, beherrscht sie die Kunst, ihre Schauspielkollegen niemals an die Wand zu spielen.

Bei Dujardin ist es das Unverbrauchte, das Frische, das die Amerikaner lieben. Und vor allem verkörpert er perfekt den amerikanischen Traum. Er wird Hauptdarsteller eines Stummfilms, an den zunächst niemand so recht glauben mag, der aber unaufhörlich seinen Siegeszug in der Kinogeschichte antritt. Und am Ende triumphiert dieser Nobody sogar über Kinolegenden wie Brad Pitt und George Clooney.

So gibt es wohl niemanden in ganz Hollywood, in der ganzen Filmbranche, und ja, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, der diesen beiden ihre Preise nicht gönnen würde.

mit Material von DPA

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