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84. Academy Awards: Oscars 2012 - vive le cinéma

Die 84. Oscar-Verleihung war voll guter Filme, guter Entscheidungen und guter Laune. Skandale hatten keine Chance. Das muss auch George Clooney zu schätzen wissen.

Von Sophie Albers

Er hat sich wirklich alle Mühe gegeben: die Uniform, die schlechtgelaunten weiblichen Bodyguards, das Drohvideo, die Urne mit "Kim Jong Ils Asche". Aber nicht einmal der Klischee-Zerschmetterer Sacha Baron Cohen ("Borat") konnte den 84. Oscars etwas anhaben. Weil es nichts zu zerschmettern gab, und offensichtlich auch niemandem nach Zerschmettern zumute war. Die Gala lief so rund, war so offen und entspannt, dass die Preise geradewegs nach Frankreich rollten. Die "Freedom Fries" scheinen ein für alle mal vergessen.

Star der Academy Awards 2012 ist der moderne Stummfilm "The Artist" des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius. Mit fünf Oscars und dem Abräumen aller Königskategorien hat die Hommage an die schwarz-weiße Ära des Kinos die "größte Show Amerikas" beherrscht. Bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller. Es war sicher kein Zufall, dass man George Clooneys Gesicht nicht zu sehen bekam, als Jean Dujardin seinen Goldjungen abholte. Und auch Martin Scorsese blieb außerhalb des Bildausschnitts, als Hazanavicius auf die Bühne ging.

"The Dictator" ohne Untertanen

Scorseses fantastisches Märchen "Hugo Cabret" hat zwar auch fünf Oscars gewonnen, aber eben in den Nebenkategorien wie visuelle Effekte und Tonschnitt. Die Frische, die unbedingte gute Laune, die freundliche Nostalgie, die Perfektion von "The Artist" haben der Academy eben doch mehr entsprochen als die tragische Geschichte eines Waisenjungen, der einen vergessenen Filmemacher aufspürt. Was soll man dagegen sagen?! Auch Meryl Streep will niemand ihren ersten Oscar ("The Iron Lady")seit 30 Jahren streitig machen. Es ist ihr dritter seit 1983, als sie für ihren packenden Auftritt in dem Holocaustdrama "Sophie's Choice" ausgezeichnet wurde. Trotz inzwischen 17 Oscar-Nominierungen ist Streep jedoch so bodennah, dass man ihr jeden Sprung in der Stimme während ihrer Dankesrede glaubte. Die Frau ist einfach ein empathisches Wunder. Und auch die Nebendarsteller-Oscars für Christopher Plummer in der sensiblen Coming-Out-Tragikomödie "Beginners" und Octavia Spencer in dem Bürgerrechtsdrama "The Help" sind verdiente Bestätigung.

Während der George-Clooney-Film "The Descendants" für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet wurde, gewann Woody Allen in der Kategorie Originalskript. Weil Woody Allen die Oscars bekanntlich nicht mag, kam er nicht, und Laudatorin Angelina Jolie konnte die Statue gleich wieder mitnehmen. Auch das passierte mit einem unangestrengten Lächeln. Sogar der verzweifelte Pseudo-Gate-Crasher-Versuch von Sacha Baron Cohen wurde wortwörtlich unter den roten Teppich gekehrt.

Der Krasskomiker betreibt seit Wochen Guerilla-Werbung für seinen neuen Film "The Dictator". Als Admiral Aladeen nimmt er die Despoten der Welt auf den stacheligen Arm, wobei er sich vor allem an Gaddafi orientiert zu haben scheint. Als Demokratie-hassender, Amerika-verachtender, goldbehängter Menschenfeind marodiert er derzeit durchs Netz, und wollte auch die Oscar-Gala als Nagelprobe für seine neue Figur - nach "Borat" und "Brüno" - ausnutzen. Da die Academy ihn nach anfänglicher, lauter Ausladung mit zwei Karten bedachte, ist davon auszugehen, dass die PR hier Hand in Hand ging. Doch als Cohen zu diesem Zweck zuerst eine Urne mit der "Asche meines lieben Freundes Kim Jong Il" präsentierte und den Inhalt dann auf einem Journalisten und eben dem Teppich verteilte, wollte sich einfach niemand so richtig aufregen. Warum ätzen, wenn die Sonne scheint.

Schlechte Laune verboten

Ein echter, positiver Aufreger ist dagegen der Gewinner des Oscars für den besten ausländischen Film: Asghar Farhadis Familiendrama "A Separation" (Eine Trennung), das subtil und intensiv davon erzählt, was passiert, wenn man verlassen muss, was man liebt. Farhadi widmete seinen Preis den "Menschen im Iran, die Feindseligkeit ablehnen". Ein schönes Statement - von ihm und der Traumfabrik.

Den Vertretern des deutschen Films bleibt zu wünschen, dass sie das Motto "Dabeisein ist alles" verinnerlicht haben. Denn weder Wim Wenders' Dokumentation über die verstorbene Ausdruckstänzerin Pina Bausch, noch der nominierte Kurzfilm "Raju" über Adoptionen in Indien vom jungen Regisseur Max Zähle haben gewonnen. Erstaunlicherweise keine offensichtliche Eintrübung nirgends. Moderator Billy Crystal war old school gut, das Bühnenbild gelungen, die Filme allesamt ansehnlich, die Präsentationen waren glücklicherweise kurz gehalten.

Angesichts so viel simplen Glücks fühlte man sich am Ende fast angesprochen, als "The Artist"-Regisseur Michel Hazanavicius seinen Kindern via Fernsehen mitteilen wollte, dass es "in Paris jetzt sechs Uhr früh ist. Ihr seid in 30 Sekunden im Bett." Und dort gibt es dann angenehme Träume.