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Ralph Fiennes: Eigensinn und Sinnlichkeit

Wir könnten jetzt schreiben: Er feiert mit dem Polit-Drama "Der ewige Gärtner" ein famoses Comeback. Doch das passiert nur Stars - ein Wort, das der englische Schauspieler als Beleidigung auffasst.

Ein kalter, grauer Wintertag in der polnischen Industriestadt Lodz: Ralph Fiennes steht in seiner Hotelsuite kerzengerade auf dem Kopf, atmet tief ein und aus, dehnt die Glieder, versucht mit Yogaübungen die Müdigkeit aus seinen Knochen zu bekommen. Erst am Morgen ist er mit dem Nachtflug aus Amerika eingetroffen. Am nächsten Tag muss er zurück nach New York, dort dreht er gerade einen Film mit Susan Sarandon. In zwei Stunden soll er das hiesige Filmfestival eröffnen, einen Preis für herausragende schauspielerische Leistungen in Empfang nehmen, eine Rede halten.

Nach einer halben Stunde richtet er sich langsam auf, rollt seine blaue Yogamatte zusammen und sinkt erschöpft auf ein Sofa. Er ist barfuß, trägt ein graues T-Shirt und eine ausgewaschene Gymnastikhose. Fiennes sieht aus, als hätte er drei Nächte durchgearbeitet; Ringe unter den Augen, kaum Farbe im Gesicht. "Es war ein verrücktes Jahr", sagt er mit einem tiefen Seufzer. "Mein Vater ist ganz plötzlich gestorben. Ich habe mehrere Filme gemacht, Drehbücher gelesen, sehr viel Theater gespielt." Klingt nicht gerade nach einem entspannten Yogi-Leben im Hier und Jetzt. "Nein." Stille. Fiennes überlegt, schaut auf den Boden, als suche er nach den richtigen Worten. Langes Schweigen zwischen den Sätzen.

Er ist ein ungewöhnlicher

Gesprächspartner, und man weiß nie, ob er den nachdenklichen, introvertierten Star nur spielt, mit der gleichen Perfektion, mit der er seine Rollen auf der Bühne und im Film verkörpert, oder ob er wirklich so ist. Aber Fiennes gehört zu den ganz wenigen Stars, die, selbst wenn ein neuer Film mit ihnen herauskommt, so wenig Interviews wie möglich geben. Fragen nach seinem Privatleben beantwortet er nur mit einem kühlen, abweisenden Blick. Es gibt keine Homestorys mit ihm, über die Beziehung zu seiner 18 Jahre älteren Freundin, der britischen Schauspielerin Francesca Annis, spricht er nicht. Trotzdem - oder gerade deswegen - kosten ihn Interviews Zeit und Kraft. Er nimmt Fragen ernst, statt sich in Floskeln zu flüchten: "Ich würde gern ein ausgeglicheneres Leben führen", sagt er schließlich. "Ich weiß nur nicht, wie." Er sei nun mal ein Workaholic, habe keine Kinder, die seine Zeit in Anspruch nähmen. Das erlaubt ihm ein Arbeitspensum bis an den Rand der Erschöpfung.

Fünf Filme mit ihm kommen in diesen Monaten in die Kinos, darunter "Der ewige Gärtner", in den USA bereits sehr erfolgreich, ein Polit-Thriller nach dem Roman von John Le Carré. Darin spielt Fiennes den wenig ambitionierten britischen Diplomaten Justin Quayle, eine Rolle, die ihn vom ersten Lesen des Drehbuches an begeisterte. Und er ist so gut wie noch nie. Die Szene, in der sein Herz bricht, als er erfährt, dass seine Frau ermordet worden ist, bleibt dem Zuschauer lange im Gedächtnis. Statt zu weinen und zu schreien, bewegt er sich kaum. Fast eine Minute verharrt die Kamera auf seinem Gesicht. Es wird eine Nuance blasser, ein Zucken um die Mundwinkel, ein flackernder Blick - das erzählt mehr von seinem Schmerz als jeder Aufschrei.

Amerikanische Kritiker

feiern seine Leistung als grandioses Comeback, denn Fiennes war vor zehn Jahren schon einmal auf dem Weg zum Superstar. Nach seinen beiden Oscar-Nominierungen für "Schindlers Liste" (1994) und "Der englische Patient" (1997) galt er als "the next big thing" in Hollywood, "der nächste Marlon Brando". Robert Redford schwärmte von "der düsteren, getriebenen Kraft unter jener perfekten Hülle". Steven Spielberg war fasziniert vom "sexuell Bösen", das Fiennes als Lagerkommandant Amon Göth in "Schindlers Liste" so gut dargestellt hatte. Aber Fiennes verweigerte sich. Er wollte nicht nach Los Angeles ziehen und den Gesetzen des US-Showbiz gehorchen. "Ich bin Schauspieler geworden, weil ich das Theater liebe", sagt er. "Weil mich dunkle und widersprüchliche Helden faszinieren. Weil ich in den Rollen etwas ausleben kann, von dem ich nicht wusste, dass es in mir steckt. Ich bin das nicht geworden, um berühmt zu werden."

Das behauptet so oder ähnlich fast jeder Filmstar, der etwas auf sich hält. Wer gibt schon gern zu, nur für Ruhm und Geld vor der Kamera zu stehen? Aber Fiennes hat in den vergangenen zehn Jahren mehrmals bewiesen, dass er es ernst meint. Statt eines der Millionenangebote aus Hollywood anzunehmen, zog er sich nach dem Triumph von "Der englische Patient" nach England zurück. Glänzte im Theater in Ibsen- und Shakespeare-Inszenierungen, tingelte durch die Provinz, statt in glamourösen Filmen um Julia Roberts zu werben. Nur einmal wurde er schwach: 2002 spielte er in "Manhattan Love Story", einer romantischen Komödie, einen US-Senator und Liebhaber von Jennifer Lopez. Da irrt er so steif durch den Film, als habe er sich verlaufen. Eine so grandiose Fehlbesetzung, dass es ihm noch heute unangenehm ist, auch nur darauf angesprochen zu werden.

Nein, Hollywood und Ralph Fiennes, das war von Beginn an ein Missverständnis, daran werden auch der Erfolg und mögliche Oscar-Nominierungen für "Der ewige Gärtner" nichts ändern. Dazu ist er zu unabhängig und zu eigensinnig, hat zu viel von seiner Mutter gelernt.

Ralph Fiennes ist das älteste von sechs Kindern, sein Vater war ein Landarbeiter, der sich selbst zum Fotografen ausbildete, seine Mutter Schriftstellerin. Sie war es, die dem achtjährigen Sohn Platten mit Shakespeares Stücken schenkte, die ihn zum ersten Mal mit ins Theater nahm. Die ihn vor allem lehrte, an sich selbst zu glauben, und ihm vorlebte, dass Erfolg nichts mit Ruhm zu tun hat. "Ich bin kein Mann für Hollywood", sagt er und spricht nun laut und deutlich und ohne lange Pausen. "Was immer man braucht, um dort ein Star zu sein, ich habe es nicht."

Jan-Philipp Sendker / print