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Expertin im Interview Rassismus im US-Kino: Wie Propagandafilm-Strukturen bis heute Vorurteile schüren

Sehen Sie im Video: Rassismus im US-Kino – wie Propagandafilm-Strukturen bis heute Vorurteile schüren.




Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd wird weltweit über Rassismus debattiert. Im Interview mit dem stern spricht die Kulturwissenschaftlerin und Amerikanistin Dr. Lima Sayed über Rassismus und die Darstellung von Afroamerikanern und anderen Minderheiten im US-Kino.


Wenn man die Darstellungen von Afroamerikanern und anderen ethnischen Minderheiten in den Film der 2008 sich anschaut. Das sind die Filme, die ich untersucht habe. Da sieht man: Es sind sehr flache, sehr eindimensionale, in der Regel, nach wie vor stereotypisierte Darstellungen. Auch wenn die Stereotypisierungen nicht mehr so krude sind und so offensichtlich wie noch vor einigen Jahrzehnten. Die Bedeutung von Film und die Bedeutung von Medien in Bezug auf ethnisch andere ist so groß, weil sie ganz, ganz wesentlich dafür ist, wie wir als Menschen uns selbst betrachten und andere betrachten. Der Rassismus heute ist überhaupt nicht so evident, so hässlich, sondern eher politisch korrekt, sehr, sehr seicht und manchmal einfach unbemerkbar. Insbesondere für Menschen, die eben nicht mit einer kritischen Sicht auf Rassismus aufgewachsen sind.


Haben Sie Beispiele für diesen subtilen bzw. unsichtbaren Rassismus?
Wir sehen Filme, in denen weiße Helden überhöht werden, während nicht weißen Figuren, immer Nebenschauplätze, Nebenfiguren und auch eher eine minderwertige Rolle haben. Denken wir mal an Buddy-Filme wie Lethal Weapon. Da ist Danny Glover, der Tollpatschige und Ängstliche, während Mel Gibson, sich quasi in seiner heldenhaften Rolle austoben kann. Und er ist natürlich im Fokus, während Danny Glover immer nur den Hintergrund bildet. Film nimmt maßgeblich Einfluss auf die Art und Weise, wie wir uns und wie wir andere sehen. Wenn wir im Film immer wieder Figuren sehen, die sehr beschränkt, begrenzt, stereotypisiert sind. Das bedeutet dann natürlich auch, dass wir diesen Menschen in der realen Welt auch nicht zugestehen können, dass sie facettenreich oder komplex sind und auch eigenständig.


Welche Erzählstrukturen, Muster oder Stilmittel sind besonders problematisch?
Ein Grundmuster des US-amerikanischen Films ist: Zu Beginn erleben wir eine Idylle, dann kommt ein Angreifer oder eine Problematik von außen. Ein weißer, männlicher Held nimmt sich dessen an, überwindet den Widersacher und stellt dadurch wieder Harmonie her. Das Verrückte ist, diese Struktur ist die Struktur des Propagandafilms. Wir sehen dieses Muster nicht nur im Kriegsfilm, sondern tatsächlich im Actionfilm, im Science-Fiction-Film, teilweise sogar in Romanzen. Ist es immer wieder dieses Muster zutage tritt. Die Frage ist: Warum muss im US-amerikanischen Film immer wieder ein zumeist weißer, männlicher Held überhöht werden?


Wie beeinflusst das Weltgeschehen, z.B. die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Darstellung von Minderheiten im Film?
Wenn man Geschehnisse wie den 11. September auf den US-amerikanischen Film bezieht oder einfach den Einfluss auf Medien, ist zumindest für den US-amerikanischen Film zu beobachten, dass eigentlich seit Anbeginn der Filmgeschichte auch eine Korrelation bestand von realpolitischen Feinden und filmischen Feinden. Im Western war es noch der Indianer oder Native American, der wurde ersetzt vom Nazi, der Nazi wurde durch den russischen Kommunisten ersetzt. Gerade nach dem 11. September gab es eine Explosion von Bildern, die Muslime gleichgesetzt haben mit religiösen Fanatikern, mit Terroristen.


Wie bewerten Sie Filme wie "Green Book", deren Handlung häufig als Überwindung des Rassismus verstanden wird?
Ich glaube, dass ich sehr viele Filme zunächst gesichtet habe und dachte: „Ja klar, schöner Film, Überwindung von Rassismus.“ Bei der genaueren Untersuchung gemerkt habe: „Oh je, ne.“ Wenn wir Filme betrachten, die eine sehr versönliche Sicht auf Rassismus zeigen, dann müssen wir tatsächlich sehr vorsichtig sein. Das eigentliche Problem ist hierbei, dass Rassismus in seiner systemischen Tiefe gar nicht betrachtet wird. Diese Filme zeigen Rassismus aus der Sicht weißer Menschen, die denken: „Ach ja, mal ist Rassismus da, aber in der Regel ja nicht.“ Die Realität ist, dass diese Filme nicht das widerspiegeln, was nicht weiße Menschen unter Rassismus verstehen. Und weiße Figuren werden nie als ethnische Gruppe repräsentiert oder dargestellt. Die müssen sich nicht damit auseinandersetzen, dass sie zu einer Gruppe gehören, stigmatisiert werden, sondern weiße Figuren können sich eben komplett entfalten. Wir müssen Rassismus als etwas systemisches verstehen, was eben nicht durch Freundschaft und eine Liebelei überwunden werden kann, sondern auch nie aufhört.


Wie bewerten Sie Filme wie "Gran Torino", die einen rassistischen Hauptcharakter als Helden darstellen?
Das Verrückte an Gran Torino ist, dass wir mit einem alten, weißen Rassisten sympathisieren und dass auch die Figuren im Film diesen alten, weißen Rassisten zum Helden machen. Und es im Grunde findet eine Assimilation statt, genauso zu werden wie er. Und es wird nicht hinterfragt, was wird eigentlich dafür aufgegeben? Und was ist die andere Sicht auf Rassismus? Und er selbst muss sich gar nicht ändern. Was ganz krass ist in diesem Film: Er darf auch als alter, weißer Rassist eigentlich eine Erlösung seiner eigenen Kriegsschuld erfahren und wird eigentlich am Ende fast heilig gesprochen, indem er als Märtyrer sich selbst opfert und irgendwie blutend auf der Straße liegt. Das ist besonders für die Filme von Clint Eastwood, dass er eigentlich weiße Männlichkeit immer wieder in Frage stellt, um sie dann am Ende wieder zu bestärken.


Was muss sich in Hollywood ändern?
Hollywood alleine kann sich nicht ändern. Die Bevölkerung muss sich ändern. Wir müssen ein viel, viel reflektiertes Bild von Rassismus und tatsächlich auch systemischem Rassismus, Konzepten von Weiß sein haben, um Rassismus in der Tiefe zu verstehen. Erst wenn die Bevölkerung das verstanden hat, wird sich das auch in den Filmen widerspiegeln. Erst wenn die Gesellschaft sich verändert, kann sich Hollywood verändern.
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