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Regisseur J.J. Abrams: "Eine neue 'Star Trek'-Serie wäre cool"

Er hat "Lost" und "Alias" erfunden, Regie bei "Mission: Impossible 3" geführt und den neuen "Star Trek"-Film gedreht, der an diesem Donnerstag im Kino startet: J.J. Abrams spricht im stern.de-Interview über die Entwicklung des Fernsehens in den vergangenen zehn Jahren, wie man gute Serien zaubert, und warum er "Star Trek" eigentlich gar nicht drehen wollte.

Von Matthias Schmidt

Jeffrey Jacob Abrams, so sein voller Name, ist der schlaue Kopf hinter Serienerfolgen wie dem doppelbödigen Spionagethriller "Alias" und dem Überlebenden-Verwirrspiel "Lost". Nun hat der energische New Yorker, 42, drei Kinder, zwei Emmys, nach den Kino-Gesellenstücken "Mission: Impossible 3" und "Cloverfield" sein Meisterstück abgeliefert: den umjubelten Neustart eines der beliebtesten und zugleich abgehalftertsten Science-Fiction-Dauerbrenner - Raumschiff Enterprise, inzwischen längst nur noch "Star Trek" genannt.

Beim Interview sieht Abrams mit seiner typischen dunklen Hornbrille und den leicht verwuschelten Haaren aus wie der ewige Informatikstudent und lässt sich bereitwillig von einem enthusiasmierten Journalisten-Kollegen umarmen ("Ich musste mich unbedingt persönlich bedanken bei Ihnen für diesen Film"). Danach wird es ernst:

Mr. Abrams, haben Sie sich jemals deutsches Fernsehen angeschaut?

Nicht, dass ich wüsste.

Also kennen Sie auch nicht "Verschollen", die deutsche Version Ihrer Erfolgsserie "Lost"?

Taugt das was?

Nicht wirklich, ziemlich billig gemacht.

Ist das einige Jahre her?

Ja, Herbst 2004.

Ich glaube, jemand hat mir damals einige Bilder davon geschickt.

Sie hatten also damit nichts zu tun. Auch keine Urheberrechtsfragen oder ähnliches?

Nein, aber sehen würde ich das schon gerne mal. Macht bestimmt Spaß.

Wir fragen, weil in Deutschland seit einiger Zeit über die Qualität des Fernsehens gestritten wird. Eine ganze Generation von Zuschauern zwischen 25 und 45, Mittelklasse, gebildet, schaltet nicht mehr ein, sondern leiht sich nur noch DVDs und guckt US-Serien. Was bedeutet für Sie Qualität im Fernsehen?

Interessant, dass Sie das fragen, weil wir uns genau darüber gerade den Kopf zerbrechen bei "Fringe", meiner neuen Serie. Wenn man Fernsehen macht, müssen so viele Elemente stimmen: das Konzept der Episode, die Umsetzung des Drehbuchs, die Besetzung, das Produktionsdesign, die Drehorte, das Licht, die Musik, die Geräusche. Wenn das Drehbuch schlecht ist, sind die Chancen, dass alles funktioniert, gering. Ist es gut, steigen die Chancen, aber es ist immer noch harte Arbeit. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für mich seltsamerweise darin, diesen Faktoren aus dem Weg zu gehen. Bei der Arbeit musst du ausblenden, ob deine Darstellerin zu viel Lippenstift trägt, ob ihre Jacke wirklich blau sein muss, oder ob das Licht zu kontrastarm und die Musik zu laut sind. Es muss sich einfach richtig anfühlen, egal, wie billig es aussieht oder wie dämlich.

Mehr ein Bauch- als ein Kopfgefühl?

Eine Kombination. Die linke und die rechte Seite des Gehirns zusammen. Der logische und der intuitive Teil. Man sagt ja immer, die Figuren und die Struktur einer Geschichte stehen in einer Wechselbeziehung. Für mich entsteht wahre Schönheit, wenn man nicht mehr auseinander halten kann, welches Element das andere inspiriert. Wenn man nicht mehr sagen kann, was zuerst da war: Die Idee oder das Gefühl.

Klingt wie eine Wissenschaft.

Mehr Alchemie. Wissenschaft und Magie.

Sie gelten als begeisterter Hobby-Zauberer.

Wenn ich einen kleinen Münz- oder Kartentrick aufführe, und merke, wie mir die Augen der Zuschauer folgen, weiß ich: Jetzt habe ich sie im Sack. Sobald sie an deine Macht glauben, kannst du machen, was du willst. Bei Filmen ist das ähnlich. Wenn die Leute auf die richtige Stelle achten, wenn du ihre Erwartungen choreographieren kannst, bleibt dir die Freiheit, wie du die Überraschung am Ende servierst. Wie du enthüllst, wo die Münze nun wirklich ist.

Erleben wir momentan das "goldene Zeitalter des Fernsehens"? TV als das Medium, das kreativer, innovativer und komplexer erzählt als Hollywood?

Ein "goldenes Zeitalter" auszurufen, fällt immer schwer, wenn man gerade wie ich mittendrin steckt. Außerdem glaube ich, dass die meisten TV-Serien schon von Natur aus komplizierter sind, weil sie, schlicht gesagt, mehr Zeit haben, um eine Geschichte zu entfalten. Die Handlung muss spannend bleiben, weil man so viele Stunden damit füllen muss. Einziger Nachteil dabei: Fürs Fernsehen arbeiten, bedeutet immer Zeitmangel. Oft konnte ich die Szenen vorher nicht mal proben. Und alles, was ich je fürs TV produziert habe, fühlte sich an wie eine Live-Sendung. So hoch war der Druck! Aber klar: TV hat das Stigma von früher verloren. Was man auch daran sieht, wie viele hochkarätige Film-Schauspieler inzwischen fürs Fernsehen arbeiten.

Warum verschwand dieses Stigma? Seit dem Jahr 2000 eroberten auf einmal so viele, großartige Serien wie "Sopranos", "24", "Six Feet Under" oder eben "Lost" von den USA aus die Welt.

Die Sender hatten kapiert, dass sie viel mehr Geld ausgeben müssen, um heraus zustechen. Eine Folge "Sopranos" kostet vier Millionen Dollar. Und "Lost" steht im Guinness Buch der Rekorde für den teuersten Pilotfilm aller Zeiten: 14 Millionen Dollar.

Und warum trauen sich die Sender gerade jetzt so viel?

Wie gesagt: Man nimmt das viele Geld, um für möglichst große Aufregung zu sorgen. Zahlt sich das bei den Quoten und den Werbespots aus, macht man weiter. Trotz der hohen Kosten. Und plötzlich wird die Ausnahme zur Norm, und es laufen gleichzeitig fünf Serien, die alle vier Millionen pro Folge kosten. Verrückt und ungut für alle.

Schauen Sie denn in Ihrer Freizeit viel fern? Zusammen mit Ihren Kindern?

Ehrlich gesagt: Nein. Und meine Kinder auch nicht. Ich arbeite so viel, schreibe und schneide die ganze Nacht. Zwar nicht am Wochenende, aber wenn meine Frau und ich mal Zeit haben, gucken wir Nachrichten oder Saturday Night Live. Ich vermisse das schon ein wenig, weil angeblich so viele gute Sachen laufen, aber ich warte dann eben auch auf die DVD.

Mit "Star Trek" haben Sie nun einer alten TV-Serie zu einem Leinwand-Comeback verholfen.

Eine neue "Star Trek"-TV-Serie wäre auch eine coole Herausforderung, weil es schon so viele davon gibt. Aber das ist eine Frage der Rechte, und die besitze ich nun mal nicht. Zunächst wollte ich den Film nur produzieren, aber sowohl meine Frau auch als Steven Spielberg, denen ich das Drehbuch gezeigt hatte, meinten: "Da musst du unbedingt Regie führen!" Ich hab sogar noch rumgemotzt: "Aber das ist, nach 'Mission: Impossible 3', schon wieder ein Sequel, die Fortsetzung einer Reihe von Filmen, die auf einer Fernsehshow basieren, in der Leonard Nimoy mitspielt. Will ich wirklich schon wieder einen Leonard-Nimoy-TV-Show-Ableger-Fortsetzungs-Film drehen?" Aber meine Freunde sagten: Du wirst auch Gegenwind bekommen, aber wenn du das richtig machst, wird das umwerfend. Dennoch freue ich mich schon, mal was zu drehen, was nicht auf einer Fernsehshow aus den 70ern beruht.

Die originale "Star Trek"-Serie wurde nach drei Staffeln abgesetzt. Wegen schlechter Quoten.

Waren es drei oder vier Staffeln? Aber ja, sie haben nicht lange durchgehalten. Und ich war auch nie großer Fan.

Warum nicht?

Ich fand einfach keinen emotionalen Zugang. Warum war Kirk der Kapitän? Ich empfand mich nie als Teil der Besatzung. Ich war weder großspurig noch attraktiv genug, um Kirk zu sein. Ich war weder logisch noch geradlinig genug, um Spock zu sein. Ich war weder Scotty noch Sulu, noch Uhura. Heute liebe ich aber den Optimismus der Show. Und die Leidenschaft der Fans. Bei "Alias" und "Lost" haben wir auch Fans, aber das ist überhaupt nichts verglichen mit "Star Trek".

Dennoch ließen Sie die weltweite "Star Trek"-Gemeinde lange im Dunkeln tappen und verrieten wenig über Ihr Projekt.

Wenn man nicht extrem vorsichtig ist, passiert so etwas wie bei "Wolverine". Natürlich sollen die Fans den Film gut heißen, aber nicht unbedingt dessen Entstehungsgeschichte. Bei einer TV-Serie ist das was ganz anderes. Du strahlst eine Folge aus und hörst sofort, was den Leute gefällt und was nicht. Und dann kann man das verwenden und Dinge ändern, die man sonst vielleicht nicht geändert hätte. Im Kino ruiniert zu viel Information in vielerlei Hinsicht die Reinheit der Erfahrung.