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Regisseurin Katja von Garnier im Interview: "Ich glaube nicht an Rumschreien"

Eine Herzensangelegenheit: Die Regisseurin Katja von Garnier spricht anlässlich des Abenteuerfilms "Ostwind 2" über die Kraft der Tiere, über Frauenfilme und die Arbeit in den USA.

Von Frauke Hunfeld

Die Regisseurin Katja von Garnier posiert bei der Premiere zu "Ostwind 2" für die Fotografen.

Die Regisseurin Katja von Garnier posiert bei der Premiere zu "Ostwind 2" für die Fotografen.

Frau von Garnier, Ihr neuer Film "Ostwind 2" schildert die Freundschaft eines Pferdes, das Außenseiter ist, zu einem Mädchen, das seinen Platz im Leben sucht. Bei Millionen weiblicher Pferdefans in Deutschland: Ist das die Chronik eines berechenbaren Erfolges?
Der Film war eine Herzensangelegenheit. Ich habe nichts erwartet, und mit nichts gerechnet. Ich habe selber Pferde und mich mit dem partnerschaftlichen Zusammensein mit Pferden beschäftigt. Das war der Grund warum ich "Ostwind" und jetzt "Ostwind 2" gemacht habe. Pferde bringen uns unserer Seele näher. Ganz klare Sache.

Warum gerade Pferde?


Warum, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es so ist. Ich denke, dass in jeder Beziehung zu einem Tier etwas Besonderes steckt – eine Aufgabe, eine Heilung. Jedes Tier hat seine Energie, die es mitbringt. Pferde repräsentieren Kraft, Freiheit und Schönheit. In der Begegnung mit Pferden kann man viel über sich selbst lernen.

Was zum Beispiel?


Über die eigene Fähigkeit ein Anführer zu sein, zum Beispiel. Pferde laufen nicht irgendjemandem hinterher. Das hat nichts mit Gewalt ausüben zu tun. Du musst vertrauenswürdig sein, es hat mit Körpersprache zu tun. Du musst wissen, wo das Wasser ist, und wo das saftigste Gras.

Vertrauen in Beziehungen ist auch Thema Ihres Films.


Die Beziehung zwischen dem Mädchen und dem Pferd beruht auf Vertrauen, auf Freiwilligkeit, auf einer starken Verbindung, die keine Worte braucht, einer Magie. Auf Freiheit und Loslassen-Können. Das ist es, was man sich oft von menschlichen Beziehungen wünscht. Bindung und Freiheit ist kein Widerspruch.

"Der Kümmer-Muskel wird trainiert"

Warum sind Pferde so ein Mädchen- und Frauen-Ding?
Ich kann es nur vermuten. Es hat was mit Emotionalität zu tun? Ein Pferd ist kein Sportgerät. Sehnsucht nach Kraft und Stärke? Vielleicht auch mit dem "sich-Kümmern"? Der Kümmer-Muskel wird trainiert. Ich kenne aber inzwischen auch viele Männer, die sich gerne kümmern. Meiner zum Beispiel.

Beziehungen und Freundschaften spielen nicht nur in Ihren Filmen, sondern auch in Ihrer Karriere eine große Rolle.


Ich habe ein paar intensive, gewachsene Bindungen. In den "Ostwind"-Filmen sind Leute dabei, die schon in meinem allerersten Film wichtig waren. Das ist ein Traum. Die Produzentin ist meine Freundin seit der Filmhochschule. Wir sind wie Schwestern. Nina Kronjäger ist wieder dabei, die in meinem ersten Film "Abgeschminkt" eine Hauptrolle gespielt hat, genau wie Max Tidof.

Hannes Jaenicke, mit dem Sie ein paar Jahre liiert waren, hat sich öffentlich beklagt, wie sehr er unter der Trennung gelitten hat.


Hat er? Hab ich nicht gelesen. Oder hab ich vergessen.

"Diese Frau hat Brad Pitt geklaut", hieß es später über Sie und den amerikanischen Superstar. Haben Sie das auch nicht gelesen?


Dazu sag ich nichts.

"Ostwind" war 2013 nach sechs Jahren der erste Spielfilm der einstigen deutschen Regie-Hoffnung von Garnier …


… in Deutschland.

Es hieß: Katja von Garnier ist weg vom Fenster. Nach ihrem fulminanten Start mit "Abgeschminkt" ist sie nach Amerika gegangen und es hat nicht gereicht.


Und jetzt isse wieder da.

Warum die lange Pause?
Na, ich hab unter anderem mein zweites Kind bekommen. Mein Mann ist auch Regisseur. Mit zwei Kindern muss man sich aufteilen. Und ich hab mir immer viel Zeit gelassen. Weil immer viel von mir steckt in so einem Projekt. Und weil ich mit einem Film intensiv ein oder zwei Jahre meines Lebens verbringe. Da sollte man sorgfältig aussuchen. Was ich in Amerika gemacht habe, haben hier viele nicht mitbekommen. "Alice Paul – Der Weg ins Licht" ist immer noch der Film, auf den ich mit am stolzesten bin. Es ist ein Film über zwei junge Frauen, die das Wahlrecht für Frauen erkämpft haben. 23 Millionen Dollar Budget. Ich habe mit Angelica Huston und Hilary Swank gedreht. Huston hat für ihre Rolle den Golden Globe bekommen. Hier war das nicht so richtig ein Thema.

Der Film ist in Deutschland nicht in die Kinos gekommen.


Nein. Das hat Rechte-Gründe. Das war eine Produktion des Pay-TV-Senders HBO. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ein Projekt gefunden hatte, in dem ich meine Handschrift zeigen konnte. Ich wollte nicht im Hollywoodsystem abgerieben werden. Ich hab mehrere Sachen abgesagt. Was ich teilweise auch bereut habe.

Brauchten Sie kein Geld?


Wie meinen Sie das?

Darf man das nicht fragen? Das Leben in Los Angeles ist teuer. Irgendwann kann man sich ja keine Zeit mehr lassen, das Richtige zu finden.


Auf jeden Fall. Auch ich muss leben. Auch ich muss essen, wie Sie sehen (Sie schiebt sich demonstrativ einen Löffel Hühnersalat in den Mund). Also, ich würde hier jetzt ungern meinen Kontostand diskutieren, aber es ist natürlich ein großes Thema. Manchmal hat es schon gequietscht. Aber ich war nie an dem Punkt, an dem ich etwas machen musste, nur weil ich dringend Geld brauchte.

"Frauen dürfen nicht wütend sein"

Vier Jahre nach "Abgeschminkt" haben Sie 1997 "Bandits" gemacht, eine deutsche Produktion mit Katja Riemann über vier Gefängnis – Ausbrecherinnen. Der kam bei der Kritik relativ schlecht an.
Kann man so sagen. Ohne "relativ". Jetzt erinnert sich daran niemand mehr, weil es dem Publikum letztendlich egal war, und der Film trotzdem ein Riesenerfolg. Das hat mich damals wahnsinnig verletzt. Weil ich das Gefühl hatte, wir haben etwas Neues gemacht, etwas Besonderes. Die Kritik in den USA hat das auch so gesehen. Ich wurde ja wegen "Bandits" nach Amerika geholt. Und in Deutschland …

… wurde das unter anderem als "Visueller Durchfall" bezeichnet. Und Sie als "Lieblings-Girlie deutscher Filmfunktionäre", das sich am falschen Thema versucht hat.


Gott sei Dank weiß ich die Einzelheiten nicht mehr alle. Es war jedenfalls sehr persönlich. Ich weiß nur noch das Grundgefühl. Es kam mir vor wie ein Rachefeldzug. Aber ich wusste gar nicht, warum.

Haben Sie inzwischen eine Erklärung gefunden?


Es war weniger wegen des Films, glaube ich. Die Frauenfiguren waren rebellisch und wütend. Ich denke, das hat manche seltsam unangenehm berührt. Männer dürfen nicht weinen, Frauen dürfen nicht wütend sein. Darüber sind wir sicher auch gestolpert. Der Musikvideo-Stil war (noch) ein No-Go. Später, bei "Lola rennt", einem meiner Lieblingsfilme übrigens, war man dann ganz begeistert: Wow, wie ein Musikvideo! War vielleicht ein bisschen zu früh für uns.

Hanna Binke spielt die Mika in "Ostwind 2". Der Film lief am 14.05. an und lockte schon am ersten Kinowochenende 300.000 Pferdefans in die Kinos.

Hanna Binke spielt die Mika in "Ostwind 2". Der Film lief am 14.05. an und lockte schon am ersten Kinowochenende 300.000 Pferdefans in die Kinos.

Werden Frauen von der Kritik denn anders behandelt?
Wenn sie sich bestimmte Dinge rausnehmen, vielleicht ja. Männern werden dafür andere Sachen nicht zugestanden. Emotionalität zum Beispiel. Und die Unterschätzung von Gefühlen geht mir total auf den Senkel. Gedanken werden idealisiert, Gefühle werden abgewertet. Das fängt schon in der Schule an. Man lernt eine Menge Fakten. Man lernt wenig über Gefühle. Dabei bestimmen Gefühle unser Leben. Und Kino ist Emotion.

Gibt es etwas typisch Deutsches an Ihrem Kino?


Ich hoffe nicht (Sie denkt einen Moment nach). Nee, warte mal. Das ist so ein Klischee: deutsch gleich uncool, langatmig, überfrachtet, unlustig. Das will man alles nicht sein. Aber das ist ja auch nicht mehr so. Deutsch an "Ostwind" ist zum Beispiel diese fast mythische Waldlandschaft mit hundert Jahre alten Eichen, die dem Film ein ganz besonderes Gefühl gibt. Übrigens in Hessen gedreht, wo Grimms Märchen erschaffen wurden. Das muss der Wald sein, wo Hänsel und Gretel ausgesetzt wurden.

"Ich erzähle gerne kraftvolle Frauen-Charaktere"

"Abgeschminkt" war ein Frauenfilm, "Alice Paul – Der Weg ins Licht" mit Angelica Houston war ein Frauenfilm, "Ostwind" ist ein Mädchenfilm – sind Sie Feministin?
Hm. Sagen wir mal so: Irgendwie schon. Aber ich mag das Label nicht, es klingt staubig und humorlos. Der Begriff ist nicht sonderlich positiv besetzt. Komischerweise. Ich fühle mich zu Frauenthemen hingezogen, ich erzähle gerne kraftvolle Frauen-Charaktere. Es sind auch meine Sehnsüchte.

Gibt es besondere Qualitäten und Sichtweisen von Regisseurinnen im Kino?


Ich glaube, dass die einzelnen Menschen soviel mehr unterscheidet als ihr Geschlecht, dass uns das Nachdenken darüber nicht wirklich weiterbringt.

Was halten Sie von der Forderung einer Quote für Regisseurinnen?


Prinzipiell soll derjenige den Job machen, der der Beste für den jeweiligen Film ist – egal ob Mann oder Frau. Dass Frauen da oft ausgegrenzt werden, darf nicht sein. Ob eine Quote die Lösung ist? Ehrlich gesagt: weiß ich noch nicht. So weit bin ich noch nicht.

Filmregie ist ein sehr hierarchisch funktionierendes Arbeitsfeld, und die Regie gibt die Kommandos. Frauen werden immer noch eher als freundlich und kompromissbereit gedacht, statt als autoritär oder diktatorisch.


Ich glaube nicht an Rumschreien. Ich versuche für eine gute Atmosphäre am Set zu sorgen.

Gute Stimmung am Set gleich Scheißfilm, das ist so eine Weisheit der Branche.


Totaler Quatsch! Es ist wie beim Umgang mit Pferden, da schließt sich der Kreis: Was Du nicht freiwillig kriegst, das kriegst du nicht. Du musst Dich verständlich machen, vermitteln, was du haben willst, und dazu musst du es erstmal selber wissen. Das ist die Voraussetzung. Du musst ein vertrauenswürdiger Anführer sein und wissen, wo das Wasser ist und das ganz grüne Gras und der ganz tolle Film. Du musst eine Atmosphäre schaffen, in der man gerne ist, denn was man gerne macht, dass macht man gut.