Roberto Benigni Interview mit Roberto Benigni

Das Leben ist hart für Italiens Star-Komiker Roberto Benigni: Sein "Pinocchio" wird verrissen, seine politische Haltung angezweifelt.

Schon die Mamma rief Sie "Pinocchio", später war es Altmeister Fellini, der "Pinocchietto" sagte, wenn er Benigni meinte: War Ihr Monumentalwerk über die freche Langnase unvermeidlich?

Die Figur war wie eine Obsession, von der ich mich durch den Film endlich befreit habe. Ich war wie schwanger mit Pinocchio. Jetzt ist das Kind geboren - und schauen Sie, was für ein hübsches Baby!

Viele halten es für eine teure Missgeburt: Mit 47 Millionen Euro Kosten ist "Pinocchio" der teuerste Film, der je in Italien gedreht wurde - und danach in den USA dramatisch floppte. Haben Sie sich da aus lauter Liebe zu Ihrem Alter Ego verrannt?

Im Leben bin ich Pinocchio, aber nicht im Film. Im Übrigen wurde der Film in den USA miserabel geschnitten und schlecht synchronisiert. Das hat ihm geschadet. Wie schwer wog Federico Fellinis Vermächtnis beim "Pinocchio"-Projekt? Es war ein gemeinsamer Traum. Ich sollte Fellinis Pinocchio sein, aber er wollte einen Albtraum aus ihm machen. Ich dagegen sehe in Pinocchio Lebensfreude, Fantasie, Poesie, Freiheit...

US-Kritiker befanden, Sie hätten den Film besser mit dem Maestro beerdigen sollen.

Filmkritiker sind immer ein bisschen gewalttätig. Die weiden sich an meinem verletzbaren Film-Baby, das noch an der Nabelschnur seines Schöpfers hängt, von dem jeder erwartet, er legt wieder einen Erfolg hin wie "Das Leben ist schön".

Ist Ihre "Oscar"-gekrönte KZ-Tragikomödie nicht die Ausnahme, die eine einfache Wahrheit bestätigt: Benigni ist im Grunde nur für Italiener verständlich?

Ich bin stolz auf diese Andersartigkeit, denn sie macht den kulturellen Reichtum unserer Gesellschaft aus. Jedenfalls habe ich nie auf den US-Markt geschielt: Mein Pinocchio ist eine Antifigur zum Disney-Pinocchio, den die Amerikaner so lieben.

Ihr Freund und Drehbuchautor Vincenzo Cerami sagt, die linksgerichtete Kritikerkamarilla in Italien hege politische Rachegelüste gegenüber dem neuerdings eher wortkargen Ex-Genossen Roberto.

Es stimmt schon, dass ich mich seit einiger Zeit eher heraushalte aus der Tagespolitik. Aber das ist ein Zeichen wachsender politischer Reife. Ich will mich nicht mehr von bestimmten Leuten zu bestimmten Statements "erpressen" lassen. Als Künstler habe ich eher eine moralische Aufgabe, nämlich den Menschen Schönheit, Poesie, Gefühle zu vermitteln. Darin liegt die stärkste revolutionäre Kraft.

Früher haben Sie den legendären KP-Chef Enrico Berlinguer unter dem Jubel der Massen in Ihren Armen geschaukelt. Heute, da der Autokrat Berlusconi systematisch alle Macht an sich reißt, wird Ihr Fehlen bei den Protestzügen schmerzlich vermisst.

Muss ich denn jedes Mal beweisen, dass ich auch mit von der Partie bin? Ich bin Künstler, kein Politiker, es gibt in Italien keinen einzigen Künstler, dessen politischer Standort eindeutiger ist als meiner.

Viele zweifeln da inzwischen und mutmaßen, Benigni hält sich raus, weil er selbst Teil des Systems Berlusconi geworden ist - etwa, weil dessen Filmvertrieb Medusa Ihren "Pinocchio" in die Kinos bringt.

Ich glaube eher, es ist gerade Mode, auf mir herumzuhacken. Das mit Berlusconis Verleih etwa: Das sind dumme, scheinheilige Angriffe. Denn dann dürfen Sie in Italien auch keinen Supermarkt mehr betreten oder etwas publizieren, weil ja fast überall eine Firma des Cavaliere dahinter steckt. Und Sie sollten sich kein Fußballspiel im Fernsehen ansehen, es könnte ja auf einem Berlusconi-Kanal laufen!

Schöne Beispiele für den berechtigten Protest gegen das Machtmonopol Ihres Regierungschefs, oder?

Man kann es natürlich mit Gandhi halten: Man akzeptiert in Italien gar nichts mehr und wechselt das Land. Die meisten aber bleiben, und wenn der Premier dann per Gesetz das Delikt Steuerbetrug abschafft, wird das öffentlich als "unmoralisch" gebrandmarkte Gesetz fröhlich selbst angewendet. Genauso fröhlich wird jeden Abend Berlusconis Canale 5 geguckt. Aber wehe, Benigni lässt seinen Film von diesem Herrn vertreiben! Nein, das ist zutiefst scheinheilig. Die Italiener haben diesen Mann mit demokratischer Mehrheit gewählt. Ich muss ihre Meinung respektieren - oder das Land verlassen.

Benigni geriere sich wie eine Diva, ist in Italien zu lesen: lässt sich von Bodyguards abschotten und seinen Film von McDonald's sponsern.

Es war mein US-Verleih Miramax, der den Vertrag mit McDonald's abgeschlossen hat, nicht ich. Aber was soll das? Bei McDonald's essen die Armen, die Farbigen, kinderreiche Familien. Ein Hamburger kostet fast nichts, die Läden sind blitzsauber. Auch die Sache mit den Leibwächtern ist Unsinn: Ich fahre mit dem Auto durch Rom wie früher. Mein Leben liegt wie immer offen vor den Augen aller!

Sie haben "Pinocchio" Ihren "autobiografischsten" Film genannt. Am Ende wird aus dem anarchistischen Kasper ein braver, angepasster Bub.

Die Bedeutung der Szene ist anders: Die wilde, ungehorsame Seite von uns, die kann niemand zähmen, die wird immer ein Teil von uns bleiben, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind. Das gilt vor allem für einen Künstler. Alles andere wäre sein Tod.

Interview: Daniela Horvath print

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