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Gescheiterte Gewinner: Oscar - Segen oder Fluch?

Nach dem Gewinn des Oscars war die Karriere vorbei: Immer mehr Hollywood-Schauspieler beklagen den Fluch der Oscars. Die Liste der Heimgesuchten ist lang: Halle Berry, Helen Hunt, Adrien Brody. Den großen Reibach scheinen nur noch die Studios zu machen.

Von Frank Siering, L.A.

Geena Davis glaubt an ihn, Cuba Gooding Jr. sowieso und selbst Halle Berry meint, da könnte was dran sein: Existiert er wirklich, der ominöse Oscar-Fluch? Alle drei Hollywood-Stars haben eine der Goldtrophäen zuhause stehen. Ihren Karrieren hat der Gewinn der Statue dennoch nicht geholfen, im Gegenteil: Davis, Gooding Jr. und auch Berry taumeln seit einiger Zeit in eher schlechten Filmen über die Leinwand, halten sich mit Werbekampagnen und Auftritten in Talkshows im Gespräch. Große Rollen sind nicht in Sicht.

Die Liste der vergessenen Oscar-Champions kann mühelos fortgesetzt werden: Helen Hunt, Roberto Benigni, Whoopi Goldberg - selbst Gwyneth Paltrow sind in Hollywood längst zu Ersatzspielern degradiert worden. Hunt, sie gewann 1997 in der Kategorie "Beste Schauspielerin" für den Film "Besser geht's nicht", hing das Filmemachen wegen mangelnder Angebote kurzerhand sogar ganz an den Nagel und tauschte es gegen das Mutterdasein ein. Paltrow sagt über den Gewinn ihres Oscars ("Shakespeare in Love") heute: "Ich wurde über Nacht zu der Schauspielerin, die keiner mehr sehen wollte."

Davon kann auch Adrien Brody ein Lied singen. Nach seinem Gewinn für "Der Pianist" blieben die Angebote auf einmal aus. Brody musste als Pepsi-Ikone über den TV-Bildschirm tanzen und ließ seinem Frust anschließend freien Lauf: "Natuerlich ist es enttäuschend, wenn Du nach einem solchen Gewinn nicht die Rollen bekommst, die du dir eigentlich gewünscht hast." Halle Berry musste eine ähnliche Erfahrung machen. Nach dem Oscar ("Monster's Ball") kamen kaum brauchbare Offerten. Der Film "Catwoman" war ein Disaster an der Kinokasse und brachte ihr eine Nominierung für die "Razzies", die schlechtesten schauspielerischen Leistungen des Jahres, ein. Statt Filmrollen nahm sie der Kosmetik-Riese Revlon unter Vertrag.

Gewinner von 2007 sind die großen Verlierer

Selbst die Gewinner vom vergangenen Jahr, Forest Whitaker ("Der letzte König von Schottland"), Jennifer Hudson ("Dreamgirls") und Alan Arkin ("Little Miss Sunshine") haben nach ihrem Oscar-Triumph nicht allzu viel auf die Beine gestellt. Whitaker ist gerade in dem sehr durchschnittlichen Krimi "Vantage Point" zu sehen - eine Nebenrolle, die Hauptrolle spielt Dennis Quaid. Wenn der Oscar also kein Glück bringt, warum jagt die Hollywood-Prominenz dem Gold besetzten Glatzkopf dennoch jedes Jahr aufs Neue hinterher? Wieso geben Filmstudios Millionen von Dollars aus, um ihre Stars und ihre Filme zur Nominierung für einen Academy Award zu treiben, wenn am Ende nicht Glamour, sondern nur Asche auf dem Haupt bleibt?

Eine der Antworten liefert Randy Nelson, Professor für Betriebswirtschaft am Colby College in Maine. Zusammen mit einer Gruppe von Studenten hat der Akademiker versucht, einen Oscar-Gewinn zu quantifizieren. In der Studie wurden zehn Jahre lang Oscar-Erfolge untersucht. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Nominierung zum "Besten Film" im Durchschnitt zusätzliche 5.5 Millionen Dollar Umsatz an der Kinokasse pro Woche bringt. Noch mehr Geld schwemmt in die Kassen der Studios, wenn der nominierte Film dann auch tatsächlich gewinnt. "Das bringt weitere 14.7 Millionen Dollar an Kinokartenumsatz pro Woche", sagt Nelson. Das Branchenblatt "Variety" schätzt sogar, dass die Summe noch höher liegt: zusätzliche 28 Millionen Dollar an Umsatz. Bestes Beispiel ist der Film "Shakespeare in Love". Ursprünglich hatte der Streifen 36.2 Millionen Dollar Profit gemacht. Nach den 13 Nominierungen und dem Gewinn für den Besten Film stieg der Kinoumsatz auf mehr als 100 Millionen Dollar. "Die Leute glauben, dass sie den Film sehen müssen, weil er einen Oscar gewonnen hat", sagt Nelson.

Übertragung der Zeremonie bringt 40 Millionen Dollar

Auch die Übertragung der Oscar-Zeremonie ist ein lohnendes Geschäft. Rund 80 Millionen Amerikaner werden am 24.Februar wieder einschalten, wenn George Clooney, Johnny Depp, Ellen Page und Cate Blanchett um die Gunst der Oscars buhlen. Die Anzeigenpreise für Werbespots erzielen astronomische Summen. Kein Wunder also, dass es sich der US-Fernsehsender ABC, eine Disney-Tochter, rund 20 Millionen Dollar kosten lässt, die dreistündige Oscar-Show auf seinen zehn Schwester-Sendern übertragen zu dürfen. Im vergangenen Jahr kassierte ABC für 30 Werbesekunden 1,5 Millionen Dollar und nahm insgesamt 70 Millionen Dollar ein. Profit für die Walt Disney Company: 20 Millionen Dollar.

Der Fluch des Oscars scheint also zumindest für die Studios und die TV-Sender nicht zu gelten. Aber was ist mit den Schauspielern? "Sie fügen sich ihrem Schicksal", sagt Bob Strauss, Kinokritiker der "Los Angeles Daily News". "Das Ego ist immer größer als die Angst, dass der Oscar als Makel an einem hängen bleibt." Natürlich gibt es auch die großen Ausnahmen: Tom Hanks, Jack Nicholson, Julia Roberts und auch Nicole Kidman scheinen dem Oscar-Fluch regelmäßig zu entkommen. Ihre Gagen belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbereichen. "Sie sind die großen Ausnahmen in der Entertainment-Welt", sagt Kritiker Strauss. Sie werden in Hollywood als so genannte "Box Office Guarantees" geführt. Eine Art Garantieschein zum Gelddrucken für Warner, Sony und Co. Einen positiven Nebeneffekt scheint der Gewinn eines Oscars auf jeden Fall zu haben: Oscar-Gewinner leben in der Regel vier Jahre länger als ihre ungekürten Kollegen. Das hat eine Studie der Universität von Toronto ergeben. Verfasser Donald Redelmeier, Professor der Medizin, sagt: "Der Gewinn des Oscars gibt den Schauspielern eine innere Ruhe und Gelassenheit, die das ganze Leben beeinflussen kann."