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TV-Kritik zum "Tatort": Der Playboy und der Fluch von Boris

Eine Thirtysomething-Gruppe verprasst ererbtes Geld und reichert langweilige Abende mit perfiden Spielchen an - bis einer stirbt. Wär's doch nur dabei geblieben. Leider gab es auch Polizei-Unterricht.

Von Susanne Baller

Eigentlich hätte "Todesspiel" ein toller Krimi sein können, wenn da nicht diese nervenden Kleinigkeiten gewesen wären. Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und ihr Kollege Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) ermitteln bei diesem Einsatz im Protz-Party-Umfeld: Das Mordopfer ist ein 32-jähriger Millionenerbe, dessen Tagewerk darin bestand, zu feiern und seine nassauernden sogenannten Freunde bis an ihre Grenzen zu provozieren. Als Blum ihn zum ersten Mal sieht, liegt der Mann mit dem verdorbenen Charakter, Benjamin Wolters (Michael Pink), mit zwei Schüssen in der Brust auf dem Teppich seines Wohnzimmers und seine Putzfrau sitzt in der Küche und säuft die Champagnerreste vom Vortag. Das soll lustig sein. Witze erkennt man daran, dass anschließend eine kleine Pause bleibt - als fehlte die Tonspur mit einem Sitcom-Lachen.

Die Clique

"Der letzschte Playboy von Konschtanz ist tot", zitiert Assistentin Beckchen (Justine Hauer) die Tageszeitung. Klara Blum ermittelt im Umfeld, findet dort jedoch keinerlei Unterstützung. Der schmarotzende Beinahe-Castingshow-Star Daniel Gabler (Daniel Roesner), ein schlichtes Gemüt, beantwortet die Frage, ob der Tote Feinde gehabt habe, indem er der Kommissarin das Konstanzer Telefonbuch hinlegt. Alisa (Anna Bederke), gebürtige Bosnierin und frisch aus Berlin an den Bodensee gezogen, kennt die Truppe noch nicht so gut. Marcus Pracht (Torben Liebrecht), Schulfreund des Opfers, Hedgefondsmanager und ein gefühlskalter Zyniker mit Schnöselallüren, schiebt seinen Anwalt vor, der auch Boutiquebesitzerin Nadine (Alexandra Finder) vertritt, weil sie ihm ein Alibi gibt. Außerhalb der Clique kommen noch Wolters' Exfreundin Julia Nobbe (Samantha Richter), die nach einem traumatisierenden Erlebnis in einer psychiatrischen Klinik lebt, und ihr Vater Klaus (Thomas Balou Martin) als Mörder infrage. Motive gibt es reichlich.

Perlmann undercover

Nach Blums erfolglosem Start zieht Perlmann los. Er geht bei Nadine shoppen und beschließt spontan, undercover zu arbeiten. Um seine Tarnung glaubwürdig zu machen, übernimmt er am ersten Abend mit den Verdächtigen eine Champagnerrechnung von mehr als 1000 Euro. Frau Blum ist schockiert. Und da fängt wieder an, was bereits so manchem "Tatort" das Genick gebrochen hat: Der Zuschauer soll etwas lernen. Hier, indem Perlmann am eigenen Portemonnaie erfährt, was ein Beamter so alles darf und was nicht. Denn so einfach geht das nicht, ohne Absprache und Genehmigung verdeckt ermitteln und dann noch hohe Rechnungen einreichen. "Erstattung abgelehnt. 70 Euro maximal." Und: ein Exempel reicht nicht! Auch als Perlmann bei einer Wette Marcus' teure Uhr gewinnt, erklärt ihm Klara Blum, dass er sie nicht behalten darf. Diese Szenen im Büro sollten als Lehrfilm für Polizeischüler eingesetzt werden.

Wenn Beckchen die Videos vom Handy des Toten sichtet, kommt ein wenig Teamgeist in das Gespann, das sich ansonsten mit einseitig gehobener Augenbraue betrachtet: Die Aufzeichnungen davon, wie Wolters seine Freunde traktiert, stößt alle drei ab. Ansonsten sind die Rollen im Kripoteam festzementiert: Klara Blum stets übellaunig, Beckchen benimmt sich wie ein 14-jähriges Groupie und Perlmann "bleibt unter seinen Möglichkeiten", wie der Pathologe in anderem Zusammenhang sagt.

Wer ist Boris?

Dabei hat der Plot Potenzial: Die "Champagner mit Pizza oder Kaviar mit Dosenbier"-Freunde liefern auch dem Zuschauer ein klares Feindbild und bieten Anlass, sich mit der Dekadenz der Erbengeneration auseinanderzusetzen. Bis 15 Minuten vor Schluss bleibt ungewiss, wer Wolters' Mörder war. Dass Alisa zur Waffe griff, um den Tod ihres Bruders Boris zu rächen - so unwahrscheinlich es auch daherkommt, klärt sich erst im Showdown: Boris war einst mit der Gruppe verbandelt und hat das Russisch-Roulette-Aufnahmeritual wörtlich genommen. Statt mit leerer Revolvertrommel anzutreten, hat er das gefakte Spiel durchschaut und eine Kugel hineingeschoben. Für den ultimativen Kick.