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"Tatort"-Kritik Konstanz: Tiefer Blick in die Vergangenheit

Teurer Wein, Steuerbetrug, der Mord an einem Obdachlosen und ein historisches Verbrechen. Passt nicht in einen einzigen Krimi? Doch - dieser Konstanzer "Tatort" war einfach großartig.

Von Annette Berger

Allein mit einer Mumie und jede Menge Wein: Im Konstanzer Untergrund stößt Kommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) auf die Lösung des Falles.

Allein mit einer Mumie und jede Menge Wein: Im Konstanzer Untergrund stößt Kommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) auf die Lösung des Falles.

Historische Rätsel löst man ja zuweilen, indem man unter Parkplätzen buddelt. Das wissen wir spätestens, seitdem die 500 Jahre alten Gebeine des englischen Königs Richard III vor gut eineinhalb Jahren an einem solchen Ort in Leicester ausgegraben wurden.

Im Falle des neuen Konstanzer "Tatort" mit dem Titel "Chateau Mort" liegt die Lösung des Falles unter einem Parkhaus. Nun, die Knochen, die hier gefunden werden, sind nicht ganz so alt, etwa eineinhalb Jahrhunderte. Aber immerhin. Und - anders als bei dem guten alten Richard, der eben einfach nur ein halbes Jahrtausend unter eben jenem Parkplatz vor sich hin rottete, sind um das Konstanzer Parkhaus-Skelett noch ein paar Rotweinflaschen drapiert. Sie stammen aus der Zeit der badischen Revolution von 1848 - und sind heute ein Vermögen wert.

Perlmann allein im Parkhaus

In dem Skelettfund gegen Ende des Krimis kulminiert der neue Bodensee-"Tatort". Sonst ernten die Folgen mit Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und ihrem Kollegen Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) ja nicht immer die besten Kritiken - aber dieser "Tatort" war einfach ein Genuss. Komplex wie ein guter Wein und ebenso genießbar.

A propos genießen. Es ist der spröde Perlmann, eben jener Ermittler, der sonst jeder Versuchung widersteht, der das Skelett nebst Wein unter dem Parkhaus findet. Und was macht der Kommissar dort an diesem historischen Tatort, dort wo 1848 ein junger Mann lebendig eingemauert wurde? Er genehmigt sich erstmal einen. Was soll man auch sonst tun, wenn man sich mit vergammelten Knochen und altem Rotwein aus Versehen im Konstanzer Untergrund einschließt und keinen Handyempfang hat. Kollegin Blum befreit ihren Kollegen etwas später - aber da ist Perlmann schon blau.

Geld anlegen in der Schweiz

Diese Stelle ist nicht die erste, an der das Geschehen ironisch durchbrochen wird. Der neue Konstanz-"Tatort" nach dem Drehbuch von Stefan Dähnert und unter der Regie von Marc Rensing wagt sich an mehrere schwere Themen, mit denen die Krimimacher leicht hätten einen Flop landen können. Doch sie schaffen es, eine historische Handlung, nämlich die badische Revolution, mit einem Mord in der Neuzeit zu verbinden. Sogar die Ehre der Schweiz steht zeitweise - etwas pathetisch -auf dem Spiel, denn es geht auch um Wirtschaftskriminalität, die hier wacker bekämpft wird. Dennoch: "Chateau Mort" bleibt von Anfang bis zum Ende spannend, das Geschehen wirkt nie künstlich.

Der Krimi beginnt mit einer Wasserleiche. Der Obdachlose Enrico Schmitz wird tot am Ufer des Bodensees gefunden: Er hat im Rucksack eine Flasche Wein bei sich, die sehr alt aussieht und intakt ist. Liegt hier das Mordmotiv? Ist die Flasche Wein wertvoll?

Blum und Perlmann geben letztere Frage an den Schweizer Weinpapst Hans Lichius (Felix von Manteuffel) weiter, der das Getränk aus dem Rucksack der Wasserleiche als völlig unspektakulär, sprich: als wertlos, einstuft. Doch da irrt dieser Weinkenner - beziehungsweise er lügt.

Denn Lichius verfolgt ganz eigene Interessen. Berühmt als der Entdecker des "Hochzeitsweines" der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) verkauft er jenes Getränk flaschenweise für sechsstellige Beträge über ein dubioses Auktionshaus. Das Geschäftsmodell von Weinpapst Lichius ist simpel: Er stuft Wein als wertvoll ein und verdient dann an dessen Verkauf. Leider ist sein Droste-Hülshoff-Wein eine Fälschung. Es wäre also dumm, würde das echte Getränk auftauchen, eben das, welches unter dem Parkhaus lagert.

Mit Wein lässt sich nicht nur Geld verdienen - er ist auch eine tolle Anlage. Klar, dass deutsche Steuerflüchtlinge schon auf diesen Sachwert gestoßen sind und sich die eine oder andere Bouteille zulegen. Hinter diesen Wirtschaftskriminellen ist Blums Schweizer Kollege Mattheo Lüthi (Roland Koch) her. Lüthi kommt mit seiner unorthodox-raubeinigen Art ein bisschen wie ein Schweizer Schimanski rüber - und Kommissarin Blum ist ein bisschen verliebt.

Lesen bildet

Und während sich Blum in Lüthi verknallt, entwickelt sich Perlmann zum Streber. Der Ermittler vergräbt sich in der Konstanzer Uni-Bibliothek und liest jene Literatur, die auch das Mordopfer zuletzt ausgeliehen hatte. Es geht um die Dichterin Droste-Hülshoff, ihre letzten Lebensjahre in Meersburg am Bodensee, ihre geplatzte Hochzeit - und um den Hochzeitswein. So langsam dämmert es Perlmann, wo der echte Hochzeitswein versteckt ist - und macht sich auf zum Parkhaus.

Trotz der mehreren Handlungsstränge ist "Château Mort" spannend erzählt, die Slapstick-Momente, beispielsweise eine Weinprobe mit Weinpapst Lichius und den Ermittlern, lockern das Geschehen auf und sind nicht peinlich. Schade eigentlich, dass das Team Blum und Perlmann Ende 2016 aufhören soll.

Annette Berger