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"Tatort"-Kritik: Ein kleiner Junge als Reptilienflüsterer

Vogelspinne, Gürteltier, Schimpanse, Schlangen - der Bodensee-"Tatort" war ein ziemlich tierisches Vergnügen. Richtig wild haben sich aber nur die Vertreter der menschlichen Rasse benommen: Zocker, Schwarzhändler und manisch Eifersüchtige bestimmten die Handlung des Krimis.

Von Kathrin Buchner

Tiere auf allen Kanälen: In Zeiten der Knutomanie gingen bei ProSieben die Pinguine auf ihre Reise, und die Handlung des parallel laufenden "Tatort" wurde einfach mal in eine Zoohandlung verlegt. Der Vollmond scheint über Konstanz, der Besitzer des Ladens liegt mit dem Bauch auf dem Boden - erschossen, in einer Blutlache. Um ihn herum hoppelt ein weißes Kaninchen - wie österlich -, die Terrarien sind zerschlagen, Reptilien kriechen über die Scherben. Männer in dunklen Lieferwagen rufen sich hastig Worte zu, ein kleiner Junge watet im Schlafanzug durch das ausgelaufene Blut seines Vaters.

Manuel (Henry Stange) ist der wahre Held, der "Engel der Nacht", der diesem "Tatort" den Namen gegeben hat. Ein patenter kleiner Junge mit Schiebermütze und Sommersprossen, ohne Furcht vor Vogelspinnen, Schlangen, Löwen, ein Leguan-Flüsterer, der sich mit Reptilien durch Kopfnicken unterhält. Der Fleisch im Supermarkt klaut, damit die versteckten Tiere nicht verhungern. In seinem Bett finden Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und ihr Assistent Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) Blutflecken, an seiner Hand sind Schmauchspuren des Revolvers, mit dem der Zoohändler umgebracht wurde. Der kleine Junge ist Zeuge des Mordes, ohne sich an etwas erinnern zu können, denn er wandelt im Schlaf.

Ein patenter kleiner Junge als Zeuge des Mordes

Das fällt Klara Blum aber nicht sofort auf. Sie, die sich bei ihren Ermittlungen immer auf ihr Bauchgefühl verlässt, weiß instinktiv, dass sie den Mordzeugen in Sicherheit bringen muss. Wie eine Löwin um ihr Junges kämpft sie beim Jugendamt um die Erlaubnis, den traumatisierten Manuel bei sich zu Hause aus der Gefahrenzone zu bringen - vor dem erwachsenen Bruder, einem undurchsichtigen Typ, einem Zocker, der sein Geld im Casino verspielt, Schulden bei dubiosen Hehlern hat und unter Tatverdacht steht. Während die Kommissarin ihre Muttergefühle an Manuel auslebt, sichert sich ihr Assistent Perlmann Daphne, eine Ratte im Käfig aus dem Nachlass des Zoogeschäfts.

Bunte Kulisse aus exotischem Getier

Es ist ein schön konstruiertes Drehbuch von Susanne Schneider, emotional, ohne in Pathos und Gefühlsduseligkeit abzudriften, spannend, ohne altbekannte Verbrecherklischees zu strapazieren, mit vielen Handlungssträngen, die sich ineinander schlängeln, ohne dass die 90 Minuten Spielzeit überfrachtet werden. Die Geschichte treibt ein packendes, aktuelles Thema voran: der illegale Schmuggel von bedrohten Wildtieren, der genau so lukrativ ist wie Drogenhandel und nebenbei der Szenerie exotische Würze verleiht. Nach einer Verfolgungsjagd krabbelt ein Gürteltier unterm Auto hervor. Ein Krokodil kriecht durch einen Garten. Eine Vogelspinne mit Namen Thekla versteckt sich zwischen den Unterhosen im Kleiderschrank des Verdächtigen. In einer Höhle im Wald sitzen ein Schimpanse, ein indischer Löwe und diverse seltene Vögelarten.

Die verstoßene Frau greift zur Waffe

Vor der Kulisse aus exotischem Getier werden menschliche Triebe gezeigt: Der Ehemann, der bedrohte Tierarten schmuggelt, um seiner krebskranken Frau beste Behandlungsmethoden ermöglichen zu können. Der Sohn, der bereit ist, sogar den kleinen Bruder zu opfern, um seine Spielsucht zu finanzieren. Die Haushälterin, die seit 15 Jahren an der unerfüllten Liebe zu ihrem Chef leidet, von ihm ständig zurückgewiesen und so schlecht behandelt wird, dass sie schließlich zur Waffe greift. Eine Kommissarin, die ihre Mutterinstinkte entdeckt. "Deswegen ist die Welt so, wie sie ist. Weil wir alle unsere Gründe haben", sagt Klara Blum philosophisch.

Assistent Perlmann hat am Ende einen Verlust zu beklagen. Daphne, die Käfig-Ratte, vertreibt ihm nur kurze Zeit die Einsamkeit in seinem Single-Appartement. Sie stirbt an Altersschwäche. "Darf man eigentlich das, woran man hängt, nie behalten?", fragt er, während er mit Klara auf einer Bank sitzt. Vor ihnen der blaue Bodensee - nicht mal eine Möwe ist zu sehen.