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"Tatort"-Kritik: Die Schweinereien der Polizeischüler

Eine junge Frau liegt erstickt in einem Müllcontainer, ein Junkie bekommt eine Überdosis Crystal Meth eingeflößt, und Hauptkommissar Kai Perlmann gerät unter Mordverdacht. Im Bodensee-Tatort "Im Sog des Bösen" profiliert sich Klara Blum als knallharte Strategin, die einen abtrünnigen Kollegen verfolgt.

Von Kathrin Buchner

Zum Showdown kommt es nicht im staubigen Präriesand einer Westernstadt, sondern in einer dunklen Vernehmungszelle des Konstanzer Polizeipräsidiums. Doch trägt die "Tatort"-Folge "Im Sog des Bösen" durchaus Züge eines klassischen Westerns mit Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) als Rächerin der Entrechteten. Sie hat Unvoreingenommenheit als oberste Maxime mit Löffeln gegessen und verfolgt gnadenlos vermeintliche Schurken in den eigenen Reihen.

In diesem Fall handelt es sich um Kollege Kai Perlmann (Sebastian Bezzel), eigentlich frisch gebackener Hauptkommissar am Bodensee. Doch seine Affäre mit einer Partydrogenkonsumentin wird Schnösel-Perlmann zum Verhängnis: Als Constanza (Lea Dräger) tot in der Mülltonne gefunden wird, ist er der Letzte, der sie lebend zu Gesicht bekommen hat. Er belügt Kollegin Blum über die Art der Beziehung. Pikanterweise finden sich Fotos, die sie nackt in Perlmanns Wohnung zeigen, auf dem Handy des Opfers, sowie Essensmarken der Konstanzer Polizeikantine im Container.

Als ob das nicht schon genug Indizien wären, die gegen den Lügen-Kommissar sprechen, ist Perlmann auch noch als Erster am nächsten Tatort, der Wohnung von Constanzas Freund. Dem stadtbekannten Junkie wurde eine Überdosis der gefährlichen Designerdroge Crystal Meth eingeflößt. Auf eigene Faust spioniert Perlmann die kriminellen Kumpels des Junkies aus, während Klara Blum gegen den eigenen Kollegen ermittelt.

Sündenfall des Schnösel-Kommissars

Regisseur Didi Danquart inszeniert den vermeintlichen Sündenfall des Hauptkommissars in konventioneller Schwarz-Weiß-Malerei. Auf der einen Seite sind die Gewinner mit der dicken Yacht und dem eigenen Club, auf der anderen Seite die Verlierer, die Hausmeister spielen und der Sucht verfallen sind. Düstere Drogenhölle gegen schicke Designerwohnung. Im Hintergrund läuft der Song von Beck "I'm a loser baby, so why don't you kill me".

Blums Ehrgeiz in den Ermittlungen gegen Perlmann wird befeuert durch zwei Polizeischüler, den blutarmen Klassenstreber Karl Mackert (Oliver Urbanski) und den feierfreudigen Faulenzer Moritz Fleiner (Hanno Koffler), denen sie reichlich Fachwissen einhämmert. Täterzone, Zeugenermittlungskonzept, Verfahrensfehler - wie im Stakkatotakt prasselt auf den Zuschauer polizeilicher Fachjargon. Irgendwann geht einem die überkorrekte Ermittlung von Dorfsheriff Blum genauso auf den Keks wie die Chefschleimereien der als lebende Klischees gezeichneten Schülertypen. Man fühlt mit den Polizeikollegen mit, die gegen die sturköpfige Kommissarin rebellieren und aus Solidarität gesammelt zum für Perlmann angeordneten Speicheltest antreten.

Schwuler Streber liebt den Staatsanwalt

Immerhin, der Showdown ist sportlich und nicht ohne Süffisanz. Blum erweist sich als kongeniale Strategin, wie sie den verdächtigen Perlmann ins Fegefeuer schickt und messerscharf ins Verhör nimmt, das sich als Scheingefecht erweist. Der vermeintliche Hauptschauplatz ist eigentlich nur Nebenbühne, die lediglich dazu dient, den protokollierenden Musterschüler gefügig zu machen, bis er auspackt. Der Streber entpuppt sich als schwul und hat eine Liebelei mit dem Staatsanwalt, der eigentliche Fiesling ist Faulenzer Moritz, der die tote Frau auf dem Gewissen hat.

Am Ende beißt Klara Blum in eine Zitrone. "Sie nimmt das Bittere im Geschmack", sagt sie und kippt ihren Espresso hinterher. Das hätte man diesem Krimi auch gewünscht, so ein Entsäuerungsmittel, das die Bitterstoffe dieser allzu moralinsauren "Tatort"-Folge entzogen hätte. "Im Sog des Bösen" ist nämlich zur Schulstunde in Sachen Polizeiarbeit geraten mit Kommissarin Blum als Gouvernante und kleinkarierter Korinthenkackerin, die ein Hohelied auf Unvoreingenommenheit anstimmt, das trotz der spannenden Handlung einen ziemlich schalen Nachgeschmack hinterlässt - auch wenn sich der aufgewirbelte Staub am beschaulichen Bodensee längst wieder gelegt hat.