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Kritik an der ARD: Schleichwerbung beim "Tatort"?

Im Ländle liebt man schnelle Luxuswagen und zeigt das auch gerne: In den "Tatort"-Folgen aus Stuttgart und Konstanz werden Autos der Marken Mercedes und Porsche stets auffallend gut in Szene gesetzt. Hat die ARD ein neues Schleichwerbungsproblem?

Von Kathrin Buchner

Es schien einer dieser ganz normalen Tatort-Krimis zu sein, der da am vergangenen Sonntag in der ARD lief. In "Herz aus Eis" versuchten Kommissarin Klara Blum und ihr Assistent Kai Perlmann einen Mordfall in einem Elite-Internat aufzuklären. Ermittlungsalltag eben.

Ungewöhnlich war jedoch, wie viel Zeit Blum und Perlmann während der "Tatort"-Folge in ihrem Dienstwagen, einem schicken neuen Mercedes der C-Klasse, verbrachten. So unter anderem auch bei einem Fahrtraining, bei dem der Daimler seine guten Bremseigenschaften demonstrieren durfte - was aber nichts weiter mit dem Krimi-Inhalt zu tun hatte.

Schon ein paar Einstellungen zuvor war ein rasantes Manöver gezeigt worden, bei dem Perlmann einem Traktor auswich. Kaum zwingend für den Handlungsverlauf, aber sehr vorteilhaft für das Auto. Diverse Sequenzen mit dem Dienstkombi, stets schön in Szene gesetzt, folgten, wie der von stern.de erstellte Zusammenschnitt aus "Herz aus Eis" hier zeigt.

Die Häufung der hübschen Einstellungen mit dem Wagen aus Untertürkheim war zuerst dem Medien-Blog "off the record" aufgefallen: "Mercedes macht im 'Tatort' bella figura" betitelte das Blog seine Geschichte über die auffallende Präsentation der Karossen. Genüsslich verwies man darauf, dass die Fahrtrainingszene sogar auf dem Mercedes-eigenen Testgelände gedreht wurde - und dass beim Anblick des "Tatorts" wohl "in der Stuttgarter PR-Abteilung von Daimler (...) vor Freude die Sektkorken geknallt haben" dürften. Zwar belegte "off the record" seine Vorwürfe nicht mit Beweisen - doch vor allem im Internet macht seitdem der Vorwurf der Schleichwerbung bei der ARD die Runde.

Auf Nachfrage von stern.de dementiert der SWR, der diesen "Tatort" produziert hat, entsprechende Vorwürfe. Fahrtraining gehöre genauso zum Alltag der Kriminalpolizei wie Schießtraining. Die Szene sei sehr wohl entscheidend für die Handlung, denn sie würde Kommissarin Klara Blum auf sympathische Weise charakterisieren: Es sei ihr wichtiger, der neuen Spur nachzugehen, als das Training zu beenden, erklärt Sprecherin Annette Gilcher. Die Darstellung des Dienstfahrzeuges stünde dabei im Hintergrund. Außerdem seien noch Wagen von anderen Automarken gezeigt worden. "All das hat mit einer gezielten werblichen Darstellung nun wirklich nichts zu tun", so Gilcher.

Auch Mercedes dementiert. Man stelle für Dreharbeiten auf Anfrage von Produktionsfirmen Fahrzeuge "kostenfrei im branchenüblichen Umfang" zur Verfügung. Dies sei auch in diesem Fall geschehen. "Zu keinem Zeitpunkt haben wir Einfluss auf die redaktionelle Darstellung und Dispositionsfreiheit der ARD genommen", sagt Sprecherin Melanie Graf. Und auch bei der Produktionsgesellschaft Maran Film in Baden-Baden, die die "Tatort"-Folgen im Auftrag des SWR erstellt, sieht man keinen Zusammenhang zwischen dem Dreh bei Mercedes und der Präsentation von Mercedes-Autos. Um lange Anfahrten zu vermeiden, habe der Szenenbildner den Baden-Baden nächstgelegenen Drehort gesucht, so Sabine Tettenborn, Geschäftsführerin von Maran Film. Eine Verpflichtung zur medialen Verwertung der Fahrzeuge werde dabei aber nicht eingegangen.

Kaum ein Krimi ohne Autos

Keine Verbrecherjagd auf der Leinwand findet ohne schnelle Autos statt. Was wäre Magnum ohne seinen Ferrari, der frühe James Bond ohne seinen Aston Martin oder die bayerische Polizeiwache Isar 12 ohne ihren BMW. Ermittler verbringen eben einen großen Teil ihrer Arbeit damit, im Dienstwagen zwischen Tatort, Zeugenbefragung und Schreibtisch zu pendeln. Und Verdächtige türmen eher im Straßenflitzer denn in der Straßenbahn.

Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zur besonderen Sorgfalt im Umgang mit der Platzierung von Markenartikeln in seinen Produktionen verpflichtet - gerade nach dem Schleichwerbeskandal von 2005. Damals rollten in der ARD etliche Köpfe, nachdem Fälle von sogenanntem "Product Placement" in der Vorabendserie "Marienhof" durch die Produktionsfirma Bavaria Film bekannt wurden. Als Reaktion beschlossen die ARD-Verantwortlichen unter anderem, eine Programmbeobachtungsstelle einzurichten.

Auch ein Porsche wird gern mal in Szene gesetzt

Man fragt sich allerdings schon, wann diese Beobachtungsstelle denn nun Alarm schlägt. Wie gerne der SWR in seine "Tatort"-Krimis heimische Luxuswagen in Szene setzt, ist mehr als auffällig: In der Folge "Tödliche Tarnung", die kommenden Sonntag in der ARD ausgestrahlt wird, darf der Stuttgarter Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) im heißgeliebten Privat-Porsche seines Kollegen Lannert mal kräftig auf die Tube drücken. Immer wieder hält die Kamera auf das schnittig geschnittene Heck des Flitzers mit dem markanten Porsche-Schriftzug.

In einer späteren Szene sieht man die Polizei-Crew auf Ausflugsfahrt im roten Mercedes-Cabrio, offensichtlich ein Privatwagen. "Es wird genau darauf geachtet, dass keine einseitige Bevorzugung bestimmter Automarken erfolgt. Diese Vorgaben gelten für sämtliche Autofirmen", heißt es in einer Erklärung von Maran Film auf die Frage von stern.de, nach welchen Kriterien die Autos ausgewählt würden.

Gegen Ende hat noch mal ein Mercedes-Modell der C-Klasse seinen großen Auftritt: Wieder wird ein Geistesblitz der Ermittler im Daimler-Dienstwagen inszeniert, und der Kommissar darf eine 180-Grad-Drehung mit quietschenden Reifen hinlegen. Wo vorher der Wagen mit dem markanten Stern klar von vorne gezeigt wurden, ist dann auch noch die Modellbezeichnung am Heck deutlich zu sehen.

Der SWR setzt allerdings selbst einen Kontrapunkt: Der Ludwigshafener "Tatort"-Kommissar Mario Kopper, Kollege von Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal, ist bekennender Automobil-Fan und darf gerne in etwas älteren Fahrzeugen von vorwiegend italienischen Herstellers zu den Ermittlungen brausen - doch das ist eher eine kleine Kompensation angesichts der breiten Zurschaustellung von Daimler-Dienstwagen im Schwabenland. Will man bei der ARD in Zeiten von Finanzkrise und sinkenden Umsätzen der heimischen Automobilindustrie deren Image womöglich aufpolieren, wo immer es geht?