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Schrebergarten-Doku: Jenseits der Gartenzwergklischees

Der Schrebergarten ist seit jeher Inbegriff des deutschen Spießertums. Eine türkische Regisseurin zeigt sich davon sehr angetan - und porträtiert die Laubenkultur in einem Dokumentarfilm.

"Spießig" war das erste deutsche Wort, das die türkische Filmregisseurin Cagla Zencirci in Berlin lernte. Schrebergärten, sagten viele Hauptstädter abschätzig, seien einfach nur spießig. Doch Zencirci ließ sich nicht beirren. Für sie waren Kleingarten-Kolonien etwas so unerwartet Deutsches, dass sie nun einen Berlinale-Dokumentarfilm darüber dreht. Für den Nachwuchsfilmpreis Berlin Today Award könnte daraus eine Art Sozialstudie aus ungewohnter Perspektive werden. Denn statt gepflegtem Spießertum fand Zencirci hinter Büschen und Hecken ein Laubenleben jenseits des Gartenzwerg-Klischees.

Schrebergärten sind deutsche Geschichte

In der Gartenkolonie "Am Fuchsberg" in Biesdorf-Süd übertönt das Rauschen der S-Bahn das Vogelgezwitscher. Die Schrebergärten hier sind fest in Ostberliner Hand. Seit den 70er Jahren sind viele Nachbarn miteinander alt geworden. Sie schätzen die Ruhe. Nur in Harald und Hilde Morgensterns Garten ist an diesem Morgen alles anders. Sprachen schwirren durcheinander, Türkisch, Französisch, Englisch, Deutsch. Die Berlinale-Filmcrew ist am Werk und wird von den Hobby-Gärtnern zwischen Apfel- und Pflaumenbäumen hindurch neugierig beobachtet. Ein Film? Hier? Eine türkische Regisseurin?

Harald und Hilde Morgenstern gehen auf die 85 zu. Ihren ersten Garten hatten sie kurz nach dem Krieg. "Aus der Not heraus, es gab ja nichts", erinnert sich Hilde Morgenstern. Nach dem Umzug nach Berlin in den 50er Jahre hat sie wieder auf einen Garten bestanden. Es gab immer noch nicht viel. Heute flüstert sie mit stolzem Blick auf ihren Mann in die Kamera: "Er mäht den Rasen noch immer mit der Hand. Das ist doch auch gesund!"

Es sind diese kleinen Alltagsgeschichten, die Zencirci reizen. "Ich habe diese Schrebergarten-Kultur bisher nur in Deutschland erlebt", sagt sie. Die 30-jährige Regisseurin ist in Ankara aufgewachsen, lebt in Paris. Auf ihrem Lebensplan stehen noch Stationen wie Tokio oder Rom. In Berlin, beim Talent-Campus der Berlinale, ist ihr Blick nicht am Brandenburger Tor, sondern an einer Laube nahe der S-Bahn hängen geblieben. Hier entstand die Idee für einen Film über kleine Gärten in der größten deutschen Stadt.

"Junge Filmemacher aus dem Ausland kommen mit einem fremden Blick nach Deutschland. Das macht die Ideen so charmant", sagt Christiane Steiner, die das Filmteam mit betreut. Es gab schon Filme über die Currywurst oder angenervte Engel auf der Siegessäule - eine ungewohnte Mischung war es immer. Der Gewinner erhält mit dem Preis eine Eintrittskarte zu internationalen Filmfestivals in der Hand.

Offene Schrebergartengemeinschaft

Zencircis roter Film-Faden ist die türkische Landschafts-Architektin Belemir Dalokay. Sie ist nach einer Woche Schrebergarten-Tour durch Berlin so begeistert, dass sie in Ankara am liebsten Kolonien nach deutschem Vorbild gründen würde. Dalokay, Mitte 40, sitzt im Garten der Morgensterns, probiert frisches Apfelmus und philosophiert über die Deutschen. "In der Stadt habe ich immer das Gefühl, ihnen nicht nahe zu kommen. In ihren Gärten bin ich sofort willkommen", sagt sie.

Die Filmcrew hat viele solcher Eindrücke eingefangen. Einen Schotten, der in Berlin einen Garten pachtete und gute Freunde fand: seine türkischen Nachbarn jenseits des Zauns. Es gibt auch eine pensionierte Lehrerin, die Kinder der Kolonie Pflanzennamen lehrt, ganz gleich, ob sie Gameboy spielen oder nicht. "Das ist doch erstaunlich", sagt Dalokay. "In dem Film geht es nicht nur um Gärten. Es geht um das vielfältige soziale Leben, das damit verbunden ist."

Beim Bundesverband Deutscher Gartenfreunde verwundern solche Erkenntnisse nicht. Die vier Millionen organisierten Kleingarten-Freunde, heißt es in einer Studie, bekommen weiter Zuwachs. Junge Städter, die abends auf den Szenemeilen unterwegs sind, pachten für das Wochenende neuerdings einen Garten. Dazu haben inzwischen bundesweit mehr als 300.000 Ausländer die grünen Oasen für sich entdeckt. Es mag Sprachprobleme geben und Diskussionen über die strengen Regeln in den Kolonien - doch es funktioniert.

Ulrike von Leszcynski/DPA / DPA
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