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Wedel-Affäre : Regisseur Sebastian Schipper: "Wedel ist ein Narzisst, wie Trump es auch ist"

In einem Interview äußert sich Erfolgsregisseur Sebastian Schipper über #metoo, Dieter Wedel und das leidige Thema Hexenjagd - und er ist dabei so reflektiert wie bisher nur wenige. 

Sebastian Schipper

Der Regisseur Sebastian Schipper hat mit "Spiegel Online" über die Affäre Dieter Wedel gesprochen. Und er vertritt eine klare Meinung. 

Picture Alliance

Die Anschuldigungen diverser Frauen gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel haben die Metoo-Debatte auch hierzulande ins Rollen gebracht. Wedel selbst bestreitet sämtliche Vorwürfe. Doch endlich wird auch in Deutschland öffentlich darüber gesprochen, wie sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch in Zukunft verhindert und wie Opfer besser geschützt werden können. Trotzdem gibt es immer noch solche, denen die anhaltende Diskussion um das Thema scheinbar zu viel wird. Ulrich Tukur zum Beispiel, dem Dieter Wedel leid tut. Das äußerte Tukur in einem vielbeachteten Interview mit dem "Spiegel". Oder Michael Haneke - Regisseur von "Das weiße Band", der im österreichischen "Kurier" von einer Hexenjagd spricht. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer öfter gebraucht wird - der aber die Bedeutung der aktuellen Debatte meist völlig außer Acht lässt. 

Sebastian Schipper über Dieter Wedel: "Der ist eine gefährliche Witzfigur"

Doch einer macht mit seiner reflektierten Aussage zum Thema Hoffnung: Sebastian Schipper, der mit seinen Filmen "Absolute Giganten" und "Victoria" als Regisseur Erfolge feierte, spricht im Interview mit "Spiegel Online" über seine Erfahrungen mit Wedel. Und Schipper reagiert auch auf seinen Filmkollegen. "Ich kenne Ulrich Tukur nur vom Hallosagen und unterstelle ihm, dass er ein kluger und sensibler Mann ist", sagt Schipper. "Das Interview war jedoch an Ignoranz, Dickhäutigkeit und unangebrachter Flapsigkeit kaum zu übertreffen", fährt er fort. Schipper selbst drehte in seinem Leben zwei Mal mit Dieter Wedel. Beide Male als Schauspieler. Am Set von "Der König von St. Pauli" erlebte er Wedel zum ersten Mal. Heute zieht er einen interessanten Vergleich. "Der ist eine gefährliche Witzfigur. Leider komme ich um das Beispiel nicht herum: Wedel ist ein Narzisst, wie Trump es auch ist", erzählt Schipper. "Was er gesagt hat, war nie wirklich witzig, charmant oder klug. Du hast aber gemerkt, dass er unbedingt so rüberkommen wollte, deshalb entfaltete es eine Art von Dringlichkeit. Gleichzeitig wusstest du, dass er viel Macht hat - und deshalb war klar, dass du besser bei seinen Witzen mitlachst."

Angeblich erfuhr Schipper von einer Kollegin, dass Wedel sie drangsaliere

Dass es für manche Frauen angeblich nicht bei dem Druck geblieben war, über Wedels Witze zu lachen, hat Schipper selbst beobachten können. "[Ich] erlebte, wie eine Schauspielkollegin täglich, ständig und vor allen Leuten - vor dem Take, nach dem Take, fertiggemacht wurde", erzählt der 49-Jährige. Bei den Dreharbeiten zu "Die Affäre Semmeling" berichtete ihm eine Kollegin von einem Vorfall. "Sie hat mir erzählt, dass Wedel nach einer guten ersten Zusammenarbeit bei den Proben zu der "Affäre Semmeling" aufdringlich wurde. Als sie ihn zurückwies, fing er an, ihr das Leben zur Hölle zu machen", erinnert er sich. 

Auf die Frage, warum er nicht eingegriffen habe, gibt Schipper ehrlich zu: "weil ich Angst hatte. Ich hatte damals keinen Namen, keinen Status, kein Gewicht." Das Schweigen der Anderen wurde in den vergangenen Wochen viel diskutiert. Warum habe nie jemand etwas gesagt - selbst dann nicht, wenn die Frauen sich an die Produktionen wandten? "Da herrschte ein Verhalten, das ich mit der Omertà, der Schweigepflicht in der Mafia, vergleichen würde", erzählt Schipper. 

Schipper ist sich seiner Privilegien als Mann bewusst

Und auch auf Michael Hanekes Hexenjagd-Kommentar findet Schipper eine richtige Antwort. "Damit bringt er ja zum Ausdruck, das Wesentliche an der Debatte um Missbrauch von Frauen sei, dass Männern Unrecht getan werde. Das ist an Groteskheit kaum zu überbieten", sagt er. "Was wir Männer zu lernen haben, ist: Diese Welt ist in ganz großen Teilen auf uns ausgerichtet. Was für ein unglaubliches Privileg das bedeutet, dass wir per se keine Angst haben müssen, dass man uns vergewaltigt, dass man uns lächerlich macht." Er fordert außerdem, dass sich Männer untereinander über Sexismus und Missbrauch unterhalten sollten, "statt den Themenkomplex sexuelle Belästigung zu kapern". So durchdacht wie der Regisseur äußerten sich bislang wenige (Männer) zur Causa Wedel. Es wäre wünschenswert, dass ihm noch weitere folgen.

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