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"Victoria" von Sebastian Schipper: Ohne Schnitt durch die Nacht

Es ist der gewaltigste Film, den das deutsche Kino seit langem hervorgebracht hat. In "Victoria" erzählt Sebastian Schipper die Geschichte eines Banküberfalls in Berlin - in 140 Minuten ohne Schnitt.

Von Carsten Heidböhmer

Eine harmlose Partynacht läuft aus dem Ruder und mündet in einen Banküberfall

Eine harmlose Partynacht läuft aus dem Ruder und mündet in einen Banküberfall

Dieser Film war die große Überraschung der Berlinale 2015: Auf der Pressekonferenz gab es minutenlangen Applaus von den anwesenden Journalisten, es wurde sogar von dem Goldenen Bären gemunkelt. Am Ende wurde es immerhin ein Silberner Bär für den Kameramann Sturla Brandth Grøvlen. Eine Entscheidung, die gar nicht anders möglich war. Denn der Film ist in einer einzigen Einstellung gedreht worden. 140 Minuten ohne jeden Schnitt. Ein irrer Kraftakt für die Schauspieler, aber ganz besonders für Grøvlen, der mit seiner Kamera mehr als zwei Stunden lang in Bewegung war, seinen Protagonisten immer auf den Fersen blieb und die gewaltigen Ereignisse einfing. So etwas hat es in dieser Konsequenz und Radikalität noch nicht gegeben.

Der Mann, der dieses gewaltige Projekt angestoßen hat, ist der deutsche Regisseur Sebastian Schipper, seit "Absolute Giganten" ein Spezialist für Jungsfreundschaften und durchmachte Nächte. Auch "Victoria" spielt in den Stunden, da der Tag anbricht, erzählt aber weit mehr als bloß von ausgelassener Jugendlichkeit. Es geht um einen Bankraub mitten in Berlin.

Nun ist es schon immer so gewesen, dass Filmkritiker Festivalbesucher Experimente mögen, weil sie neue Wege beschreiten, die Filmsprache erweitern und kommenden Generationen von Regisseuren neue Möglichkeiten an die Hand geben. Für die Zuschauer ist das jedoch zumeist kein gutes Zeichen: In den seltensten Fällen ergeben derartige Experimente für sich einen guten Film. Schon Alfred Hitchcock arbeitete daran, einen Film in einer Einstellung zu drehen. Weil die Filmrollen 1948 nur zehn Minuten aufzeichnen konnten, musste er verdeckte Schnitte machen. Dem Film ist leider das Bestreben anzumerken, filmtechnisch etwas Neues auszuprobieren - "Cocktail für eine Leiche" gehört zu den schwächeren Werken in Hitchcocks Oeuvre.

Euphorie schlägt in Panik um

Genau das ist aber das Wunderbare an "Victoria": Dem Film haftet nichts Experimentelles an, er kommt im Gegenteil wahnsinnig kraftvoll und mitreißend daher. Es beginnt gegen 4 Uhr morgens in einer Berliner Techno-Disco, wo die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) vier Berliner Jungs kennenlernt (Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit und Max Mauff). Alle sind beschwingt und ausgelassen, natürlich ist auch Alkohol im Spiel, man ist jung und genießt das Leben. Wie schon in "Absolute Giganten" fängt Schipper diese jugendliche Unbeschwertheit wunderbar ein. Doch dann kippt diese Stimmung plötzlich, die Jungen werden in einen Bankraub verwickelt, Victoria lässt sich überreden, das Fluchtauto zu fahren. Und schon sind wir mittendrin in einem packenden Genre-Film, in dem der Zuschauer in Echtzeit Planung und Durchführung des Raubs verfolgt - immer begleitet von Sturla Brandth Grøvlens fiebriger Handkamera. Wie hier Ausgelassenheit in Angst, Euphorie in Panik umschlägt, alles durch die Echtzeit-Handlung motiviert, ist meisterhaft.

Insgesamt drei Mal ließ Sebastian Schipper seine Schauspieler und den Kameramann die Tortur der 140 Minuten durcharbeiten. Eine irre Konzentrationsarbeit: Passiert auch nur ein Fehler, ist die ganze Arbeit umsonst gewesen. Nach jedem Take sahen sich alle Beteiligten das Ergebnis an und verbesserten die Geschichte. Der dritte Take saß dann. Diesen Film zu sehen, sagte Schipper auf der Berlinale, sei für ihn ein bewegender Moment gewesen.

Doch wie kommt man auf die Idee, so ein Wahnsinnsvorhaben umzusetzen? "Wir hatten eine hirnrissige Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein", sagte der Regisseur. Einen Goldenen Bären hat ihm diese hirnrissige Idee nicht eingebracht. Dafür hat er die Herzen der Festivalbesucher gewonnen und auch die Herzen der Kinogänger. Arte hat den Film nun auch den TV-Zuschauern näher gebracht.

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