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65. Deutscher Filmpreis: Ein fast zahmer Til Schweiger und ein Preisregen für "Victoria"

Der 65. Deutsche Filmpreis gehörte dem jungen, hippen Kino. Gleich sechs Lolas gab es für den Berlin-Thriller "Victoria". Til Schweiger gab sich an diesem Abend versöhnlich. Ausgeteilt hat er trotzdem.

Til Schweiger freut sich mit einer Lola in der Hand beim Deutschen Filmpreis

Der Publikumspreis gehört ihm: Til Schweiger freut sich über eine Lola für "Honig im Kopf"

Die Verleihung des Deutschen Filmpreises am Freitagabend in Berlin war ein Siegeszug des jungen, hippen Kinos. Auf der Party hinterher hieß es sogar des "Berlin Mitte"-Kinos. Statt Vergangenheitsbewältigung wie im beeindruckenden Auschwitz-Prozess-Drama "Im Labyrinth des Schweigens" oder Hirschbiegels Hitler-Attentäter-Film "Elser" gab es Techno und das ewige Jetzt wie im Gewinner des Abends: "Victoria". Sebastian Schippers Filmexperiment, ein ohne einen einzigen Schnitt gedrehter Echtzeit-Berlin-Thriller, gewann gleich sechs Gold-Lolas. Darunter die Lola für den besten Film des Jahres und die beiden Darsteller-Preise. Kein Wunder also, dass Schipper auf der Bühne im Berliner Palais am Funkturm vor Freude einen Luftsprung machte.

Auch die als beste Schauspieler geehrten "Victoria"-Darsteller Laia Costa und Frederick Lau konnten ihr Glück kaum fassen. Lau bedankte sich mit zittriger Stimme, Costa eroberte noch mal alle im Sturm. Die beiden spielen in "Victoria" zwei Jugendliche, die sich in einer atemlosen Berliner Nacht ineinander verlieben und in ein mörderisches Verbrechen gezogen werden.

Auch in den Kategorien Regie, Filmmusik und Kamera gingen die Preise an "Victoria". Eher überraschend war die Silberne Lola in der Kategorie bester Spielfilm für Edward Bergers Drama "Jack" über zwei vernachlässigte Kinder. Die Bronze-Lola holte die tiefschwarz-zynische Unternehmensberater-Satire "Zeit der Kannibalen" von Johannes Naber.

Siegerfilm "Victoria" soll bei mehreren Filmfestivals abgelehnt worden sein. Die Berlinale griff zu und zeigte im Februar die umjubelte Weltpremiere. Bei der Bären-Verleihung gab es allerdings "nur" den Kamera-Preis.

Bei der fürs Fernsehen aufgezeichneten Lola-Gala begann und endete ansonsten alles mit Jan-Josef Liefers, der sich als verkleidetes Riesen-Hotdog zum Würstchen machte. Der Schauspieler beklagte spaßeshalber, er sei nach seiner letzten Filmpreis-Moderation nur noch als Werbefigur unterwegs.

Selbst Til Schweiger war aufgeregt

Die Lola für die Beste Nebendarstellerin ging an Nina Kunzendorf für ihre Rolle im Nachkriegs-Drama "Phoenix". Der Schweizer Joel Basman nahm die Trophäe für seine intensiv-furiose Nebenrolle in dem beeindruckenden Drama "Wir sind jung. Wir sind stark" über die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 entgegen.

Und schließlich begrub Til Schweiger vorerst seinen Streit mit der Filmakademie, als er für seine Alzheimer-Tragikomödie "Honig im Kopf" seine erste Lola entgegennahm - den undotierten Preis für den "besucherstärksten Film". In seiner Dankesrede teilte er aber trotzdem noch mal aus: gegen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die zuletzt beklagt hatte, dass es zu wenig mutige Regisseure gebe - wie Werner Herzog oder Wim Wenders. Sie solle sich doch mal vorstellen, so Schweiger, wenn Politikern von heute pauschal vorgeworfen würde, sie seien heute auch nicht mehr so mutig wie einst Strauss, Wehner oder Brandt. Deutschland habe viele mutige Filmemacher, sagte Schweiger - und erntete stürmischen Applaus.


mka/DPA