Sydney Pollack Hollywoods großer Unbekannter


Als Regisseur landete er Kassenerfolge wie "Tootsie" oder "Die Firma". Für "Jenseits von Afrika" erhielt er sogar den Oscar. Auch als Schauspieler brillierte er in zahlreichen hochkarätigen Filmen. Im Alter von 73 Jahren ist Sydney Pollack gestorben - und vielen Kinogängern ein Unbekannter geblieben.
Von Sascha Rettig

Sydney Pollack? Wer war das nochmal? Und wie sieht der überhaupt aus? Ja, das mit dem Wiedererkennungswert ist bei Pollack durchaus eine schwierige Sache. Auch wenn der Amerikaner sein Leben lang so etwas wie eine unsichtbare Hollywoodgröße und ein bekannter Unbekannter war, kennt fast jeder seine Filme. Mit Klassikern wie "Jenseits von Afrika" schrieb er sich einerseits in die Filmgeschichte ein, erlebte andererseits aber auch Bruchlandungen mit Flops wie "Havanna" (1990), seinem Ausflug in die Zeit der kubanischen Revolution mit Robert Redford als verliebtem Pokerspieler. Eine prägnante Marke ist er über die fünf Jahrzehnte seiner Karriere nicht geworden. Er hatte keine unmittelbare Unverwechselbarkeit wie herumfuchtelnde Neurotiker mit schwarzer Kastenbrille oder rapide quasselnde, obsessive Filmgenies. Dennoch hinterließ Pollack überall deutliche Spuren - als Regisseur, als Produzent und bis zuletzt als Schauspieler.

Seine Filme waren dabei immer auch ein wenig altes Hollywoodkino, bei dem sich Kunst, Kommerz und beeindruckende Besetzungslisten nicht zwangsläufig ausschlossen. Viele Stars schätzten seine Art, Regie zu führen, so sehr, dass jeder seiner Filme auch immer eine Anhäufung großer Namen bedeutete: Dustin Hoffmann gehört ebenso wie Burt Lancaster, Barbra Streisand, Jane Fonda, Al Pacino. Allein sieben Mal stand Robert Redford für ihn vor der Kamera, mit dem er seit 1962 eng befreundet war. Die Person Pollack allerdings blieb weitestgehend unauffällig; Das große Füttern der Boulevardpresse mit Skandalgeschichten und ehekriegerischen Schlammschlachten blieb in all den Jahrzehnten aus. Stattdessen war er immer mit derselben Frau verheiratet, schon seit 1958. Nach außen hin wirkte das genauso stabil und kontinuierlich wie seine Karriere.

Kein eigener Stempel

Sein Stil? War eigentlich keiner, den man wiedererkennen konnte. Er hatte keinen Stempel, den er seinen Filmen aufdrückte; die eigene Handschrift verschwand in seiner Vielseitigkeit. Aus der Schwäche machte er so eine Stärke und bewegte sich seit seinem Regiedebüt "Stimme am Telefon" (1965), das er später selbst als "furchtbar" bezeichnete, unvorhersehbar durch unterschiedlichste Genres: Er drehte dramatisches Schmachtkino und brisante (Polit-)Thriller, mit denen er immer wieder versuchte, mit dem Finger die politischen Wunden der USA anzutippen. In "Die drei Tage des Condor" (1975) etwa hinterfragte er die Rolle des Geheimdienstes CIA. In der John-Grisham-Adaption "Die Firma" legte sich Tom Cruise mit einer Anwaltskanzlei und der dahinter stehenden Mafia an. 2005 erzählte er mit Sean Penn und Nicole Kidman in "Die Dolmetscherin" von einer Verschwörung bei den Vereinten Nationen - und war der erste Regisseur, der im UN-Komplex in New York seine Kamera aufstellen durfte.

Bei einem seiner raren Ausflüge in komisches Terrain drehte Pollack 1982 "Tootsie". Dustin Hoffman war darin ein erfolgloser Schauspieler, der sich einen roten Fummel überzog, um als Frau den Part in einer Fernsehserie zu bekommen. Allerdings gerieten sich der Regisseur und sein Hauptdarsteller in Stöckelschuhen bei dem Projekt in die Haare: Hoffman wollte mehr Komödie, Pollack hingegen Tootsies komplizierte Beziehung zu einer Frau (Jessica Lange) ins Zentrum rücken. Völlig durchsetzen konnte er sich nicht, doch dieser Blickwinkel ist typisch für die Werke des Sohns russisch-jüdischer Einwanderer. Oft hatten seine Filme einen melodramatischen Kern und fühlten mit den schwierigen Beziehungen, die unter keinem guten Stern standen.

Oscar-Regen für "Jenseits von Afrika"

Das bekannteste Beispiel dafür und vielleicht auch der Zenit seiner Karriere war die Tania-Blixen-Geschichte "Jenseits von Afrika", die er als gepflegt sentimentales Breitwandkino im postkolonialen Afrika und mit Meryl Streep und Robert Redford als Liebende inszenierte. Nach mehreren Anläufen bekam er dafür endlich den Oscar. "Jenseits von Afrika" wurde siebenfach ausgezeichnet; Pollack selbst bekam die Trophäe als bester Regisseur und für den besten Film.

Seine Umtriebigkeit beschränkte sich aber nicht nur auf den Regiejob. Pollack produzierte (unter anderem Anthony Minghellas Filme wie "Der talentierte Mr. Ripley") und war Schauspieler im Fernsehen und im Kino. In "Eyes Wide Shut" gab er Tom Cruise Ratschläge. In "Ehemänner und Ehefrauen" betrat er einmalig Woody Allens Kosmos komplizierter Großstadtbeziehungen. Im Fernsehen tauchte er für ein paar Folgen in der Sitcom "Will & Grace" auf und spielte kürzlich in der Comedy-Drama-Serie "Entourage" sich selbst. Zum letzten Mal kann man demnächst in "Verliebt in die Braut" das Gesicht des großen bekannten Unbekannten Hollywoods entdecken. Am Montag ist Sydney Pollack im Alter von 73 Jahren nach monatelanger Krebskrankheit gestorben.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker