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Terminnot: Berlinale leidet unter Oscar-Stress

Die Vorverlegung der Oscar-Verleihung auf den 29. Februar hat Folgen für die Berlinale. Die großen Stars werden nur kurz, wenn überhaupt nach Berlin kommen.

Wenn am 5. Februar die 54. Berliner Filmfestspiele im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz eröffnet werden, sieht sich der bislang so erfolgreiche Festivalchef Dieter Kosslick mit zwei Problemen konfrontiert: Einmal wird die diesjährige Veranstaltung an dem so glanzvoll gelungenen Vorjahresereignis gemessen werden. Zum anderen sind die Oscar-Nominierungen bereits verkündet worden; früher sorgten diese für zusätzliche Spannung in Berlin.

Die Vorverlegung der Oscar-Verleihung auf den 29. Februar hat weitere Folgen: Denn bereits am 9. Februar, also nur wenige Tage nach dem Berlinale-Auftakt mit dem amerikanischen Bürgerkriegs-Epos "Unterwegs nach Cold Mountain", werden alle Oscar-Nominierten sich in Los Angeles zum traditionellen Diner versammeln. Für den ganz großen Hollywood-Glanz an der Spree - zu Beispiel in Gestalt von Jack Nicholson oder Nicole Kidman - bleibt somit nur kurze Verweildauer gleich zu Beginn. Das hat allerdings auch einen positiven Aspekt: nämlich fast ungeteilte Aufmerksamkeit für die 26 Filme im diesjährigen Wettbewerb um die Goldenen und Silbernen Bären. Sie stammen 2004 aus insgesamt 18 Ländern, viele sind Weltpremieren, zwei sogar Debütfilme.

Oscar-Anwärter laufen außer Konkurrenz

Allein sieben davon stammen aus den USA, drei allerdings werden außer Konkurrenz laufen, darunter die Oscar-Anwärter "Unterwegs nach Cold Mountain" von Anthony Minghella und "Was das Herz begehrt" von Nancy Myers. Das Filmland Frankreich ist einmal mehr mit drei Streifen vertreten, die Namen der Regisseure Eric Rohmer, Patrice Leconte und Cedric Kahn versprechen gewohnte Qualität. Aus Asien gelangten 2004 nur zwei Filme aus Korea und Taiwan in den Wettbewerb, Osteuropa ist dort überhaupt nicht vertreten, Skandinavien dagegen präsent.

Etwas enttäuschend an der deutschen Teilnahme im Wettstreit um die Bären ist die Zahl von nur zwei einheimischen Produktionen: Die im Berliner Szene-Milieu spielende Liebestragödie "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar und das Migrantendrama "Gegen die Wand" des türkischstämmigen Fatih Akin. Beide Filme dürften ferner nicht entfernt die Popularität von "Good Bye, Lenin" erreichen, dem deutschen Glanzstück im Wettbewerb 2003. Bei der Berlinale des Vorjahres begann bekanntlich der Triumphzug der Tragikomödie um den Untergang der DDR, der auch ein Publikumshit und Exportschlager wurde.

Goldener Ehrenbär für engagierten Argentinier

Insgesamt werden auf dem Festival 56 deutsche Produktionen - so viele wie noch nie - gezeigt. Aber Quantität allein wird natürlich nicht reichen, den letztjährigen Höhenflug des deutschen Films fortzusetzen. Warum die in den 20er Jahren handelnde Kriminaltragödie "Was nützt die Liebe in Gedanken" von Achim von Borries, eine poetische Studie mit den beiden deutschen Jungstars Daniel Brühl und August Diehl, nicht im Wettbewerb, sondern in der Panorama-Reihe gezeigt wird, ist schwer zu verstehen. Denn dieser Film könnte mit Sicherheit auch vor einem internationalen Publikum bestehen.

Dieses Publikum muss sich zwischen rund 400 Produktionen aus 80 Ländern bis zum Ende der Berlinale am 15. Februar entscheiden. Die siebenköpfige Jury des Wettbewerbs unter dem Vorsitz der amerikanischen Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Frances McDormand braucht sich zwar nur 23 Filme anzusehen, aber auch das ist in der kurzen Zeit anstrengend genug. Für den politischen Akzent des Festivals sorgt der Goldene Ehrenbär für den argentinischen Filmemacher Fernando Solanas, der am 10. Februar überreicht wird.

Solanas kritische Spiel- und Dokumentarfilme werden ebenso zu sehen sein wie Streifen, die sich mit Südafrika nach der Apartheid auseinandersetzen. Die traditionelle Berlinale-Retrospektive ruft unter dem Titel "New Hollywood 1967 - 1976. Trouble in Wonderland" eine legendäre Epoche der US-Filmgeschichte mit 66 Kinowerken aus diesem Zeitabschnitt in Erinnerung. Wenn die neuen Streifen wenig taugen sollten, wird die Retrospektive gewiss eine noch größere Attraktion werden als sie ohnehin, gespickt mit so vielen modernen Klassikern der Leinwand, zu werden verspricht.

Wolfgang Hübner/AP