Terry Gilliam "Früher war ich besser"


Die Produktion seines grotesken Märchenabenteuers "Brothers Grimm" war ein Albtraum. Aber das ist Regisseur Terry Gilliam gewohnt. Der Ex-Monty-Python und Kino-Visionär verrät dem stern, wie deprimierend es ist, ein Träumer zu sein.

Herr Gilliam, erzählen Sie bitte von dem Baum.

Sie meinen den Baum, der meine beiden Helden Wilhelm und Jacob Grimm angreift? Die teuerste Szene im ganzen Film. Wir hatten einen riesigen Kunstbaum gebaut mit einem Kran und beweglichen Ästen, es sah toll aus. Musste ich leider herausschneiden, es passte einfach nicht.

Es kann Sie nicht erstaunen, dass Sie als ebenso großer Visionär wie Geldvernichter gelten.

Zum Glück wollen immer wieder Stars mit mir arbeiten, sonst bekäme ich nie einen Film finanziert! Hollywood und ich, wir hatten noch nie dasselbe Ziel. Ich bin in Los Angeles aufgewachsen, vielleicht finde ich die Stadt deswegen so grauenhaft. Sie ist geschichtslos und ignorant, und das Filmgeschäft ist so idiotisch organisiert wie keine andere Industrie auf diesem Planeten.

Als Sie nach fünf gescheiterten Anläufen nun mit der Hollywood-Produktion "Brothers Grimm" endlich wieder einen Film zu Ende drehen konnten - kam Ihnen das selbst wie ein Märchen vor?

Sagen wir es so: Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Die Dreharbeiten waren das nackte Grauen.

Möchten Sie das ausführen?

Ich habe mich immer mit einem Maler verglichen, der bereit ist loszulegen, und dann werden ihm einfach drei Farben weggenommen - so, nun versuch mal was Hübsches. Aber so ist es beim Filmemachen immer, es fängt toll an, und dann geht's bergab. Ich glaube, bei allen meinen Filmen ging es mir so. Jeden Abend komme ich ausgelaugt nach Hause, wie ein depressiver Marathonläufer.

Klingt, als hätten Sie viel Spaß bei der Arbeit.

Alle Leute in diesem Geschäft behaupten immer, Filmen mache ihnen Spaß. Mir nicht. Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, dass etwas Gutes zu machen sehr, sehr schwierig ist. Und wenn es wider Erwarten gut läuft, werde ich sofort nervös, weil ja etwas Schlimmes passieren könnte. Im Grunde ist es wie Kinder haben. Als 1976 meine erste Tochter auf die Welt kam, fühlte ich mich das erste Mal in meinem Leben verletzlich. Durch Kinder entwickelt man plötzlich Ängste, die einem bis dahin völlig fremd sind - dass sie sich wehtun oder dir genommen werden. Manchmal bin ich stinksauer auf meine Kinder, dass sie mich so schwach machen! Deshalb bemühe ich mich, meine Filme nicht mehr zu sehr zu lieben.

Aus Selbstschutz.

Ja, genau. Das ist etwas feige, aber manchmal nötig. Ich habe auch aufgehört, Kritiken zu lesen, weil das jedes Mal wehtut. Ich sage mir: Es gibt genug Leute, die mögen, was ich mache. Scheiß auf den Rest! Das ist mein Credo.

Ihre Produzenten, das bekannt diktatorische Brüderpaar Bob und Harvey Weinstein, mochten zum Beispiel die ursprüngliche Hauptdarstellerin und Ihren Kameramann gar nicht - und feuerten beide.

Die Weinsteins sind sehr aggressiv. Wie ich. Und wie ich meinen sie, dass sie immer Recht haben. Als gleich in den ersten Wochen der Dreharbeiten der Ärger begann, ahnte ich allerdings: Wenn ich anfange zu kämpfen, werden sie nur stärker. Sie fressen die Leidenschaft und Energie ihrer Gegner nämlich einfach auf. Daher sagte ich mir: Ich rede einfach nicht mehr mit denen.

Macht Harmonie Sie kreativ?

Im Gegenteil! Ich habe ein Ferienhaus in Italien, dort ist es so hübsch und ruhig, dass mir nicht die klitzekleinste Idee kommt. Ich sitze einfach in der Sonne und bin glücklich. Meine Fantasie braucht immer etwas, auf das sie heftig reagieren kann. Das Leben in der Stadt etwa inspiriert mich, weil ich mich ständig aufrege oder deprimieren lasse.

Was deprimiert Sie denn?

Dass man in der Zeitung nur noch liest, was etwas kostet, nicht, was es wert ist. Hurrikan "Katrina" - wie viele Milliarden Dollar verschlungen? Wir sind besessen von der Überzeugung, dass wir alles erfassen und erklären können. Das macht mich verrückt. Deshalb faszinieren mich Märchen: Ich liebe den Einbruch des Wunderbaren in die Welt der Logik.

Brauchen Kinder Märchen?

Aber unbedingt! Und zwar je härter, desto besser. Diese modernen Kinderbücher - entsetzlich. Alles so süß, so lieb, so nett. Ich kenne Mütter, die keine Märchen vorlesen, weil sich die Kinder nicht fürchten sollen. Dabei geht es doch genau darum: die Kinder vertraut zu machen mit den Gefahren in der Welt. Klar bekommen sie manchmal Albträume davon. Aber eines Tages wird auf die lieben Kleinen das Leben losgelassen, da sollten sie besser vorbereitet sein.

In "Brothers Grimm" tauchen nicht nur bekannte Märchenfiguren auf, sondern auch Anspielungen auf "Harry Potter" oder Horrorfilme. Lassen Sie sich von Kollegen inspirieren?

Nein! Ich gehe nicht oft ins Kino. Ich will gar nicht wissen, was es schon alles gibt, denn dann wäre ich nie in der Lage, meine Einfälle für originell zu halten. Ich habe erst, nachdem ich "Brazil" gedreht habe, den Roman "1984" gelesen - und gemerkt, wie viel ich daraus gestohlen habe! Außerdem: Ich bin heutzutage gar nicht mehr sonderlich inspiriert. Früher war ich besser.

Weil Sie es müde sind, ständig für Ihre Ideen und Träume zu kämpfen?

Eher, weil ich weiß, wie schwierig alles ist. Oft habe ich nicht mal Lust, überhaupt etwas Neues zu schreiben, weil es ohnehin nicht verwirklicht wird. Sind Sie glücklich? Nicht, wenn ich viel Zeit mit mir verbringe. Ich muss raus, mit anderen Menschen zusammen sein. Die geben mir Energie, und wir können zusammen lachen. Wenn ich zu Hause bin, lese ich Bücher, um vor mir selbst zu fliehen. Ich versuche das eigentlich ständig: vor mir zu fliehen.

Das klingt nicht gerade nach einem donnernden Selbstbewusstsein.

Oh, ganz falsch: Ich bin mit einem Riesen-Ego geboren worden, das mir immer sagt, dass ich ganz wunderbar bin. Mein Ego ist entsetzlich dumm. Ich versuche es loszuwerden, aber das ist schwer.

Sind Sie gern der Chef?

Die Leute denken immer, dass ich weiß, was ich tue. Dabei stehe ich oft da und denke: Scheiße, was jetzt? Deshalb sage ich zu meiner Crew: Wenn ihr eine bessere Idee habt, nehmen wir die! Ich arbeite am liebsten immer mit denselben Leuten zusammen, weil die schon wissen, wie schlecht ich bin.

Wie gehen Sie damit um, dass Ihre Träume ständig beschnitten und beschädigt werden?

Heute sage ich: Ist doch schön, das nimmt mir die Verantwortung. Außerdem habe ich festgestellt, dass mir einige meiner besten Ideen aus der Not kamen, weil ich nicht machen konnte, was ich wollte. Vielleicht brauche ich dieses Hickhack.

Je größer die Krise, desto besser der Film?

Nein, bestimmt nicht. Man vergeudet deprimierend viel Zeit mit dieser Streiterei. Bei "Brothers Grimm" fand der große Kampf im Juni vergangenen Jahres statt. Das Studio mochte die Rohfassung nicht. Und zum ersten Mal zog ich nicht in die Schlacht. Sondern ging weg.

Um in Kanada den Kinderfilm "Tideland" zu drehen. Hatten die Weinsteins kein Problem damit, dass Sie sich für sechs Monate verdrückten?

Oh nein. Sie fragten andere Regisseure, ob sie meinen Film beenden könnten.

Hat Sie das schockiert?

Ich wusste überhaupt nicht, was ich davon halten sollte. Ich war mir nur sicher, dass kein namhafter Regisseur meinen - an sich fertigen - Film übernehmen würde. Aber daran dachten sie nicht. Sie waren so arrogant. Sie meinten, sie brauchten nur mit dem Finger zu schnippen, und schon kommen alle an. Ein halbes Jahr später meinten sie dann: Mach ihn halt fertig, wie du meinst. Es war das erste Mal, dass ich durch Nichtkämpfen gewonnen habe. Lag wohl an meiner Altersweisheit.

Treffen Sie ab und zu Ihre alten Freunde von Monty Python?

Michael Palin und Terry Jones wohnen beide nur fünf Minuten von mir entfernt in London. Wir sehen uns häufiger. Wir waren auch damals vertrauter miteinander als mit den anderen beiden, John Cleese und Eric Idle. Das liegt daran, dass wir drei normal groß sind, im Gegensatz zu diesen beiden langen Freaks.

Wollen Sie noch mal zusammenarbeiten?

Wir reden darüber, aber es wird nie was daraus. Es ist halt lange her, und wir haben uns alle verändert. Trotzdem gehören wir zusammen. Wir sind eine Familie. Eine zugegeben komische Familie.

Interview: Christine Kruttschnitt
Mitarbeit: Bernd Teichmann

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