Tod von Monica Bleibtreu Der späte Star


Erst spät und beinahe unwillig wurde sie zum Star und mit Preisen überhäuft. In der Nacht zum Donnerstag, kurz nach ihrem 65. Geburtstag, ist die große Schauspielerin Monica Bleibtreu, Mutter von Moritz Bleibtreu, nach langem Krebsleiden in Hamburg gestorben.
Von Helge Hopp

Die Möglichkeit der Verwandlung schätzte sie sehr, neugierig war sie auf jede Reise zu einer anderen, einer neuen Figur. Als Kind war sie wild und immer eine Spur zu laut - auf der Bühne konnte sie sich austoben, da gab es Applaus statt der elterlichen Ermahnungen. Die Schauspielerei war ihr "eines der schönsten Verstecke, die es überhaupt gibt".

So strahlte Monica Bleibtreu, 1944 in Wien mitten in eine Theatersippe hineingeboren, am dortigen Max-Reinhardt-Seminar ausgebildet, stets eine immense, unermüdliche Lust an der Suche aus, freudig ging sie immer noch einen konsequenten letzten Schritt auf die fremde Person zu, die sie verkörpern sollte. Dass sie für ihre Rolle als Katia Mann in Heinrich Breloers Familiensaga "Die Manns" (2001) mit Preisen überschüttet wurde, nahm sie daher mit feiner ironischer Verwunderung, weil sie doch "eigentlich nur dasaß und Verständnis zeigte".

Lange Jahre zählte für sie fast nur das Theater. Sie arbeitete als Ensemblemitglied an den bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen: Wiener Burgtheater, Münchner Kammerspiele, in Berlin an der Freien Volksbühne, der Schaubühne und dem Schiller-Theater, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Zu ihren Lieblingsautoren zählten Thomas Bernhard und Karl Valentin, bei allen Unterschieden auch zwei Vertreter jenes von ihr favorisierten Hintersinns, der jederzeit ins Tragische kippen kann. Das eigene Selbstbewusstsein kam spät, aber gewaltig. "Ich bin mir lange hinterhergelaufen", hat sie über Phasen des Zweifels gesagt, "ich wusste nicht, was ich will, vom Leben und von mir selbst."

Mit Wonne veredelte sie Harmlosigkeiten

Eine grundlegende Vitalität zeichnete ihre Figuren aus, ein Hang zu praktischen Lösungen. Diese Frauen konnten ungeheuer kratzbürstig sein, aber dann wieder voller Seele, traurig auch - nur völlig durchschaubar, das waren sie nie. Die "große Verstellerin", wie sie sich sah, zeigte ebenso tiefe Verlassenheit, Doppelbödigkeiten, Verbitterung und messerscharfe Nuancierungen mit großer Verlässlichkeit. Für Klamauk wie die Hexe Walpurgia im ersten "Bibi Blocksberg"-Film war sie sehr wohl auch zu haben, mit Wonne veredelte sie solche Harmlosigkeiten.

Die Regisseure genossen ihre Freude und Professionalität, sie selbst bekannte, sie habe den eigenen Erfolg erst spät schätzen gelernt - und dank der Hilfestellung ihres Sohnes und Kollegen Moritz, mit dem sie in "Lola rennt" zusammen spielte. Vor den alten Frauen hatte sie keine Scheu, sie spielte sie gern, oft und immer mehr mit einer gewissen Verschmitztheit, die das Kämpferische und Harsche abfederte. In Erinnerung bleiben aus den letzten Jahren ihr grandioses Beinahe-Solo als todgeweihte Krebskranke in "Marias letzte Reise" und ihre bitter verhärtete Klavierlehrerin Traude Krüger in "Vier Minuten" an der Seite der jungen Hannah Herzsprung.

Die passionierte Kaffeehaus-Besucherin Monica Bleibtreu pendelte lustvoll zwischen Hamburg und Wien, zwischen Theaterarbeit - gern am Hamburger St. Pauli Theater, wo sie zu einer Art Schutzheiligen wurde - und den lukrativeren Kino- und TV-Rollen. Erst vor ein paar Tagen war sie im Fernsehfilm "Ein starker Abgang" zu sehen. Da dressierte sie als strenge Ernährungsberaterin einen trotzigen Schriftsteller, von Bruno Ganz gespielt, und sie tat es so liebenswürdig stur und raffiniert, dass man ihr den Spaß an diesem Geschenk zu ihrem 65. Geburtstag (am 4. Mai) ansehen konnte. Dass es auch ein Abschiedsgeschenk war, konnte man da noch nicht wissen. Auf die Frage, ob sie Angst vor dem Tod habe, antwortete sie vor knapp drei Jahren: "Ich schiebe den Tod so vor mir her und vergesse gern meine Endlichkeit." Schmerzen und Siechtum fürchte sie vor allem, Abhängigkeit von anderen - "aber wenn die Sonne untergeht, geht sie unter".


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