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Hannah Herzsprung: Die schöne Lügnerin

Nein, sie wird jetzt nicht abheben. Und nein, sie wird auch nicht über ihre Eltern klagen. Aber ja, sie würde wieder Papier fressen, wenn die Rolle das verlangt. Und ja, Hannah Herzsprung würde auch wieder lügen, um eine Figur spielen zu dürfen wie die Mörderin Jenny in "Vier Minuten". Die Nachwuchs-Schauspielerin im Porträt.

Von Felix Hutt

Schauspielerinnen wie Hannah Herzsprung, jung und ambitioniert, treffen Journalisten zu Interviews gern in Berlin-Mitte, wo sie bei Milchkaffee und Birchermüesli (alternativ: grünem Tee und Frischkäsebagel) erzählen, dass sie gerade aufgestanden sind und man sie besser duze, weil sie sich nicht wie Stars, sondern wie normale Mädchen fühlen, dass in deren Leben nur die richtige Rolle eine wichtige Rolle spielt, auf keinen Fall das Geld oder der Ruhm, dass sie weder Drogen noch Alkohol konsumieren, dafür Privates von Beruflichem strikt trennen, weil es ja nicht um ihre Männer oder Affären geht, sondern um ihre Filme, die sie drehen dürfen, weil es das Schicksal so gut mit ihnen gemeint hat, wofür sie natürlich sehr dankbar sind.

Und so hat auch Hannah Herzsprung, 27, nach Berlin-Mitte geladen, um bei Bircher Müesli und Milchkaffee über die Demut zu sprechen und darüber, dass sie kein Star sei, sich nicht verändern wolle nach all den Preisen und dass sie ihren Regisseuren dankbar sei für deren Vertrauen. Aber irgendwann scheint ihr das selbst ein bisschen zu banal, sie lässt los und ihre Geschichte raus, erzählt von ihrem Nachnamen, der es ihr nicht immer leicht macht, ihrem Vater Bernd, der sie bewusst nicht gefördert hat, und ihrer Rolle als Mörderin Jenny in "Vier Minuten", die ihr Leben verändert hat. Und je länger sie redet, umso klarer wird, dass auch sie eine dieser jungen deutschen Schauspielerinnen mit großen Ambitionen ist - aber noch einiges mehr. "Wenn ich vor der Kamera stehe, dann lege ich die Hannah Herzsprung ab wie einen Mantel, denke nicht mehr an die Realität, sondern bin die, die ich spiele. In diesen Momenten bin ich glücklich", antwortet sie zum Beispiel auf die Frage, wie sie eine verrückte Mörderin so gut hinbekommen habe. Vielleicht ist Hannah Herzsprung ja glücklich, wenn sie ihre Realität von Zeit zu Zeit ablegen kann, weil diese Realität doch auch ein wenig ihre Hypothek ist.

Als Hannah Herzsprung elf Jahre alt ist, wohnt sie mit ihrem Vater, dem Schauspieler Bernd Herzsprung, ihrer Mutter Barbara und ihrer Schwester Sarah in einem Bauernhaus in Sauerlach bei München. Das ZDF dreht dort einen Monat lang eine Serie, und jeden Mittag rennt Hannah mit fliegendem Ranzen aus der Schule zum Set. "Irgendwas ist da in mir passiert, ich spürte, dass ich das auch machen, dass ich unbedingt schauspielern will", sagt Hannah Herzsprung. Also fragt sie ihren Vater, der in Hamburg als Theaterschauspieler seine Karriere begann und später vor allem durch Fernsehrollen bei "Derrick" und in der Serie "SOKO 5113" bekannt wurde, ob er ihr nicht eine Rolle besorgen könne. Antwort Bernd Herzsprung: Sie solle keine Flausen im Kopf haben, sondern gute Schulnoten nach Hause bringen.

Der Nachname Herzsprung erfordert Vorsicht

Hannah geht trotzdem zu Castings, heimlich, und bekommt mit 15 Jahren eine Rolle in der Serie "Aus heiterem Himmel". Ende der Heimlichkeit. Hannah ist nicht volljährig, den Vertrag müssen ihre Eltern unterschreiben. Was sie erst tun, nachdem die Tochter verspricht, ihr Abitur zu machen. Im Jahr darauf passieren Hannah Herzsprung dann zwei Dinge, die ihr Leben nachhaltig beeinflussen: Die Zeitschrift Mädchen veröffentlicht einen Artikel, in dem steht, dass sie nun endlich entjungfert sei. Was nicht dort steht: Es handelt sich bei der Entjungferten um die Figur, die Hannah Herzsprung in der Serie spielt. "Das war mir sehr unangenehm, weil es alle meine Freundinnen gelesen haben. So habe ich schon damals gelernt, lange bevor das Theater um meine Eltern begann, dass ich wegen meines Nachnamens vorsichtig sein muss."

Das war die eine Sache. Die zweite: Hannah Herzsprung trifft die Münchner Schauspielagentin Andrea Lambsdorff, 46, die bis heute ihre Mentorin ist: "Das erste Mal kam Hannah mit ihrer Mutter in die Agentur und war sehr zurückhaltend", erzählt Lambsdorff, "ich habe ihr dann gesagt, dass sie noch mal allein kommen soll. Das tat sie, und sie überzeugte mich, dass sie Schauspielerin werden wollte. Ich hatte ein gutes Bauchgefühl, trotzdem nahm ich Hannah erst mal nicht in den Katalog, ich wollte sie langsam aufbauen." "Hannah war 17 oder 18 Jahre alt, als ich sie in ihrem Internat in der Nähe von London besuchte", erzählt Bernd Herzsprung, der heute 66 ist. Dort habe eine Theateraufführung stattgefunden, für die Hannah alles selbst entwerfen musste, Kostüme, Bühnenbild, dann noch die Dialoge auf Englisch schreiben - und dann stand sie da allein auf der Bühne und hat gespielt. Da habe er, der Vater, gemerkt, dass aus ihr, der Tochter, etwas Besonderes werden könnte, dass sie nicht nur das Talent, sondern anscheinend auch den Willen habe, es zu schaffen in diesem Job, der ein harter ist, und wer konnte das schon besser beurteilen als er?

Über die Auftritte ihrer Eltern spricht Hannah Herzsprung nicht

Es ist ein verregneter Nachmittag in Köln, am Abend spielt Bernd Herzsprung im Theater am Dom die Hauptrolle in der Komödie "Sextett". Momentan laufen seine und die Karriere seiner Tochter in entgegengesetzte Richtungen. Bernd Herzsprung weiß das, jammert aber nicht, dafür ist er zu lang im Geschäft. Er hat das Gespräch nicht gleich zugesagt, seit der Trennung von seiner Frau Barbara, elf Jahre jünger als er, will er sich zurückhalten in der Presse. Monatelang hatten die beiden sich einen öffentlichen Rosenkrieg geliefert. Die Ehe ist mittlerweile geschieden, seine Ex-Frau hat ihren Mädchennamen Engel wieder angenommen und tummelt sich auf dem Oktoberfest, Anfang des Jahres aß sie Insekten im RTL-Dschungelcamp. Bernd Herzsprung seinerseits ließ sich mit einer sehr jungen Frau beim Planschen im Hotelpool fotografieren. Hannah Herzsprung kommentiert das nicht, so wenig wie ihre Schwester Sarah, 29, die in München bei einer Kosmetikfirma arbeitet.

Aber nun soll es ja um Hannah gehen und nicht um ihn, und so erscheint Vater Herzsprung pünktlich beim Italiener in der Innenstadt. Natürlich sei das Ganze an seinen Mädchen nicht spurlos vorübergegangen, sagt Herzsprung, er bedauere es sehr, dass es ihm nicht gelungen sei, die Familie zusammenzuhalten. Dass in der Presse jetzt immer steht, Hannah sei die Tochter von Bernd Herzsprung, "dem aus dem 'Traumschiff'", das ärgere ihn schon. Als eine Journalistin schrieb, er sei neidisch auf den Erfolg seiner Tochter, habe ihn das fuchsteufelswild gemacht, einfach Unfug sei das und unfair, er liebe Hannah und wünsche ihr nur das Beste. "Ich würde mich sehr freuen, wenn wir dieses Jahr wieder Weihnachten zusammen am Tegernsee feiern", sagt Bernd Herzsprung. Tochter Hannah sagt, sie liebe ihre Eltern, die Familie bilde eine Einheit, und nichts sei älter als die Zeitung von gestern. Weihnachten feiert sie dieses Jahr in Berlin, "vielleicht", sagt sie, und dass das auch ganz schön werden könne.

Nach ihrer Rückkehr aus dem englischen Internat studiert Hannah Herzsprung in Wien Publizistik und lebt in einer WG. Im Gegensatz zu ihren Eltern ist sie ein schüchterner, zurückhaltender Mensch, der den Hintergrund schätzt, die Geborgenheit unter ihren Freundinnen, eine, die auf Partys tanzt, ohne dafür betrunken sein zu müssen, die beobachtet und zuhört und daraus Erkenntnisse zieht, für ihre Rollen und fürs Leben. Sie und Andrea Lambsdorff entscheiden sich gegen eine Schauspielschule, dafür bringt Lambsdorff sie mit dem Schausspiellehrer Frank Betzelt, 47, zusammen, der auch mit Maria Furtwängler, Daniel Brühl und Heike Makatsch arbeitet. 2005 dann bekommt Andrea Lambsdorff endlich das Drehbuch in die Hände, das sie wie geschrieben für Hannah Herzsprung findet: "Vier Minuten" von Chris Kraus, die Geschichte der verstörten jungen Mörderin Jenny und einer Gefängnis-Klavierlehrerin, die versucht, sie über das Spiel von ihrem Zerstörungszwang zu befreien.

"Ich wollte diese Rolle unbedingt haben"

"Ich wollte eigentlich ein Erasmus-Jahr in Rom machen", erinnert sich Hannah Herzsprung, "aber dann hat mir Andrea dieses Drehbuch geschickt, und ich wusste: Das ist es! Ich wollte diese Rolle unbedingt haben und wusste, dass ich alles dafür tun würde." Und Hannah Herzsprung tut alles für die Rolle, zieht von Wien nach Berlin, setzt sich bei den Castings eine Perücke auf, um der Jenny aus dem Drehbuch noch ähnlicher zu sehen. Als man sie auffordert, ein Stück Papier zu essen, weil Jenny im Film das tut, schluckt Hannah Herzsprung das Papier, als einziges von 1200 Mädchen, die zum Casting kommen. Als sie gefragt wird, ob sie Klavier spielen kann, sagt sie Ja, dabei kann sie nur den "Flohwalzer". Der Regisseur Chris Kraus gibt ihr die Rolle trotzdem. Hannah Herzsprung wohnt zu der Zeit mit ihrer Freundin Anna Maria Mühe in einer WG in Berlin, aber für Berlin hat sie damals keinen Kopf, akribisch erarbeitet sie sich mit Frank Betzelt die Rolle. Sie weiß, Jenny ist ihre große Chance, dem Laufrad der Serienrollen zu entkommen, sie spürt, dass sie sich mit Jenny auch von ihrem Nachnamen emanzipieren kann.

"Hannah brennt, ihr Wille ist unbeschreiblich", sagt Frank Betzelt, ihr Lehrer, der Herzsprung auch am Telefon berät, wenn sie nicht in Berlin dreht. Ihre Tiefe und ihre Wandlungsfähigkeit seien außergewöhnlich, sagt er, ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Neun Monate dreht Herzsprung etwas außerhalb von Berlin an der Seite von Monica Bleibtreu, die die Klavierlehrerin spielt. Als die Dreharbeiten zu Ende sind, ist auch Hannah Herzsprung am Ende, körperlich und geistig. Betzelt sagt, dass er ihr mittlerweile beigebracht habe, auch wieder aus einer Rolle hinauszufinden, das sei sehr wichtig. "Vier Minuten" startet eine Festivaltournee, wird in Los Angeles und Schanghai gezeigt, bekommt Preise, Applaus und Lob der Kritiker - nur in Deutschland nimmt ihn zunächst niemand wahr.

Popcorn und Weinschorle mit Monica Bleibtreu

Bis er im Herbst 2006 auf dem Filmfest in Hof gezeigt wird. "Ich erinnere mich noch genau", sagt Hannah Herzsprung, "erst zeigten sie 'Das wahre Leben' von Alain Gsponer, in dem ich eine Nebenrolle spiele und auf den ich auch sehr stolz bin. Wir waren alle so aufgeregt." Ihre Eltern, ihre Schwester, ihre Cousine, Hendrik, ihr Freund, mit dem sie damals gerade drei Wochen zusammen ist und der nichts mit dem Filmgeschäft am Hut hat, sie alle sind an diesem Samstagabend in Hof, draußen weht ein Sturm, und drinnen, im Kino, da sitzt sie neben Monica Bleibtreu, die beiden teilen sich einen Popcornbecher voll Weißweinschorle, und kurz vor Filmende müssen sie hinter die Bühne. Hannah Herzsprung weiß, wenn der Vorhang fällt, fällt auch das Urteil des Publikums, so oder so.

"Als Erster stand Bernd Herzsprung neben mir auf und klatschte, er war sehr überrascht und gerührt", sagt Andrea Lambsdorff, und Hannah Herzsprung ergänzt: "Der ganze Saal applaudierte. Anschließend kamen sogar Caroline Link und Dominik Graf zu mir, um zu gratulieren, das war schlicht überwältigend." Nach der Deutschland-Premiere von "Vier Minuten" in Hof rufen die Redaktionen an, wollen Interviews, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nennt Hannah Herzsprung "das Gesicht der Stunde", die "Süddeutsche Zeitung" "eine wirkliche Neuentdeckung". Hannah Herzsprung erhält den Bayerischen und den Deutschen Filmpreis, Modedesigner wollen sie ausstatten, Galas wollen sie über ihre roten Teppiche laufen lassen. Sie dreht mit Ralph Fiennes und Kate Winslet "Der Vorleser", mit Daniel Brühl "Lila, Lila" und spielt die Lotte in Goethes "Werther". Am 10. Dezember kann man sie, wieder ganz anders, als Liesl in "Liesl Karlstadt und Karl Valentin" in der ARD sehen. "Es ist wichtig, dass Hannah nicht in eine Schublade gesteckt wird, sie muss jetzt zeigen, dass sie viele Facetten spielen kann", sagt Andrea Lambsdorff. Hannah Herzsprung sagt, dass ihr eine Rolle etwas geben müsse, sie könne nichts einfach spielen, um damit Geld zu verdienen. "Vier Minuten" habe ihr gezeigt, dass ihr Traum, eine gute Schauspielerin zu werden, in Erfüllung gehen kann.

"Es wird sehr wichtig sein, wie sie damit umgeht, wenn ihr der Wind mal von vorn ins Gesicht bläst", sagt Bernd Herzsprung, die Medien in Deutschland würden die Sterne auch sehr schnell wieder vom Himmel schreiben, und es sei ja schon öfter vorgekommen, dass man herausragende Schauspielerinnen ins Ausland verjagt habe. Herzsprung meint Romy Schneider, das Vorbild und Idol seiner Tochter, die die "Sissi"-Filme liebt, die nichts lieber würde als die Schneider spielen, aber zugibt, dass das eigentlich nicht geht, diese Ausstrahlung sei einfach unerreichbar. Wie würde sie reagieren, wenn sie auf einmal schlechte Kritiken bekäme, wenn ihre Jenny plötzlich als Eintagsfliege gelte? "Ich würde versuchen, es nicht an mich heranzulassen", sagt Hannah Herzsprung, "aber ich bin zu sensibel, als dass es mich kaltließe. Wobei ich ernst gemeinte Kritik akzeptieren kann, ich gehe selbst sehr kritisch mit mir um." Sie mache sehr viel mit sich selbst aus, sagt sie, da ist der Milchkaffee schon lange abgeräumt, im Gegensatz zu vielen Figuren, die sie spiele, sei sie nicht extrovertriert. Und dann bestellt Hannah Herzsprung noch einen doppelten Espresso.