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"Soul Kitchen": Die letzte Barschlacht des Fatih Akin

Er gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Regisseuren, hat internationale Preise abgeräumt. Jetzt vollzieht Fatih Akin einen Lebenswandel: Er will erwachsen werden und mit seinem neuen Film "Soul Kitchen" vor allem eins: sich verabschieden.

Von Katharina Miklis

Fatih Akin raucht nicht mehr. Und anstatt jede Party mitzunehmen, so wie früher, steht der Hamburger Regisseur heute lieber im Stadtteil Ottensen in seiner Küche und kocht mit Tofu gefüllte Kohlrouladen. Und Fischstäbchen für seinen vierjährigen Sohn. Er ist erwachsen geworden. Sagt er. Oder zumindest ist er so kurz davor, dass er nicht länger warten durfte mit diesem, seinem neuen Film. "Soul Kitchen" heißt er, und es ist ein Heimatfilm geworden.

Eine Liebeserklärung an Hamburg - und der Abschied von seiner Jugend, von seiner wilden Zeit, in der der Sohn türkischer Einwanderer mit Filmen wie "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" etliche Preise wie den Goldenen Bären oder den Drehbuchpreis in Cannes gewann und die Nächte durchfeierte. In "Soul Kitchen" geht es noch einmal um das Feiern, das Trinken, das Tanzen und Essen. Ein letztes Mal, wenn man dem deutsch-türkischen Regisseur glauben darf.

Kneipe als Abenteuerspielplatz und Auffangbecken

Akin erzählt in "Soul Kitchen" seine persönliche Geschichte. Es ist die Geschichte von ein paar jungen Leuten und einer Hamburger Kneipe, die für die Clique zum zweiten Wohnzimmer wurde. Akins Kumpels aus dem wahren Leben spielen mit. Es ist ein Familientreffen: Moritz Bleibtreu, der schon in Akins "Solino" und "Im Juli" die Hauptrolle hatte, ist dabei. Auch Monica Bleibtreu hat ihren letzten großen Auftritt. Akins Buddy Adam Bousdoukos spielt den Deutsch-Griechen Zinos, um dessen Restaurant sich der Film dreht. Auch im wahren Leben hatte Bousdoukos eine Taverne in Hamburg, dort haben Akin und er das Drehbuch ersponnen. Das "Sotiris" in Ottensen war für die Clique um Akin jahrelang Abenteuerspielplatz und Auffangbecken zugleich. Mehr als das, ein Lebensgefühl. Dieses Lebensgefühl wollte Akin in "Soul Kitchen" einfangen. Jetzt, mit 36, wo man es ihm noch abnimmt.

Der Film ist ein Abschied. Der Abschied von "einem gewissen Lebensstil", so Akin, für den er sich jetzt langsam zu alt fühlt. "Ich schließe damit für mich ein Kapitel ab." Das klingt ganz schön altersweise für jemanden, der gerade erst 36 geworden ist. Aber Akin meint es ernst und erzählt von den Dreharbeiten. Wie er durch die Elektroclubs Hamburgs gezogen ist, um für seinen Film zu recherchieren. Wie er sich dort umgeschaut hat und plötzlich gemerkt hat, dass er der Älteste im Raum ist. Peinlich war ihm das. Ihm, der oft im Leben der Jüngste war, mit Ende 20 bereits seinen Durchbruch feierte und sich jetzt plötzlich in diesem Club stehen sieht. Wie ein "alter Sack" habe er sich gefühlt.

Und dann ist da noch die Sache mit den Zigaretten. Seit über zwei Jahren raucht er nicht mehr. Wenn er jetzt in eine Kneipe geht, wo geraucht wird, könne er danach zwei Tage nicht sprechen. Von lauter Musik bekomme er ein Fiepen in den Ohren und nach einer durchzechten Nacht, so erklärt er, braucht er jetzt viel länger, um sich zu regenerien. Früher habe er das alles bis zum Exzess zelebriert. Ausgehen, Leute beobachten... "Die Barschlachten da draußen haben ihre Spuren hinterlassen", so Akin. "Ich bin älter geworden. Aber das ist okay".

Hommage an die Heimatstadt Hamburg

"Soul Kitchen" hat in Venedig bereits den Spezialpreis der Jury gewonnen. Es ist die erste Komödie von Akin. Er, der nach seinen preisgekrönten Filmen auf ernste Themen festgelegt war, wollte nicht der Sklave seines Erfolges werden. Außerdem spürte er nach dem plötzlichen Tod seines Freundes Andreas Thiel, dem Mitbegründer von Akins Produktionsfirma Corazón, vor drei Jahren eine "Sehnsucht nach Fröhlichkeit". Trotzdem wirft der Film auch einen melancholischen Blick zurück. Nicht nur auf Akins wilde Jahre, sondern auch auf das Gesicht einer Stadt, die sich verändert. Jede Szene ist eine zärtliche Hommage an Orte in Hamburg, die es nicht mehr lange geben wird: das Mandarin Kasino an der Reeperbahn, die Astrastube an der Sternbrücke, die mit der Brückensanierung abgerissen wird, oder der Club im alten Karstadt-Gebäude in Altona, wo Akin seine erste Schallplatte gekauft hat. Akins Anti-Gentrifizierungs-Romantik zieht sich wie ein Faden durch den Film.

"Ich war Hamburg diesen Film schuldig", sagt der Regisseur, der inzwischen auch schon in Hollywood gearbeitet hat. "Ich bin hier geboren, mein Kind ist hier geboren. Ich fühle mich der Stadt verbunden." Ein bisschen quält Akin das schlechte Gewissen: "Für mich sind Städte wie Beziehungen zu Frauen. Ich habe die letzten Jahre viel geflirtet. Mit Istanbul, New York... Jetzt ist Hamburg dran", sinniert er und schaut über die Dächer der Stadt. Früher hätte er sich jetzt eine Zigarette angesteckt.