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Filmstart "Müll im Garten Eden": Gut gemeint

Ein Dorf in der Türkei wehrt sich gegen eine Mülldeponie. Regisseur Fatih Akin zeigt den Kampf der Dorfbewohner als David-gegen-Goliath-Geschichte. Leider bleiben dabei die Fakten auf der Strecke.

Fatih Akin im Videofragebogen: Von Vorbildern, Heimat und Franzbrötchen

Eigentlich sollte es eine private Reise in die eigene Vergangenheit werden: Fatih Akin fuhr vor einigen Jahren in einen kleinen Ort an der türkischen Schwarzmeerküste. Das war einst die Heimat seiner Großeltern, und Akin wollte die Wurzeln seiner Familie erkunden. Doch dabei blieb es nicht. Denn als der Regisseur erfuhr, dass dort eine riesige Mülldeponie gebaut werden sollte, schloss er sich dem Widerstand der Dorfbewohner an - und drehte über den Kampf der Menschen einen Film: "Müll im Garten Eden".

Akin, der in Hamburg lebt, zog es schon vorher zum Filmedrehen in die Türkei. Bereits in der Dokumentation "Crossing The Bridge - The Sound of Istanbul" fing der 39-Jährige das musikalische Leben der Stadt ein und realisierte dort etwas später auch Teile seines Familiendramas "Auf der anderen Seite". Nun folgt "Müll im Garten Eden", eine Langzeitdokumentation, die gleichzeitig auch ein sehr persönliches Werk von Akin ist.

Auf den ersten Blick wirkt Çamburnu wie ein kleines Paradies: Das Dorf an einem Hang nahe dem Schwarzen Meer ist umgeben von satt-grünen Teeplantagen. Doch schnell wird in "Müll im Garten Eden" klar, dass das mit der Deponie nicht gut gehen kann. Eine große Grube, die scheinbar nur mit etwas löchriger Folie ausgelegt ist - das sieht nicht aus wie die angemessene Basis für Tausende Tonnen Müll. Tatsächlich sifft schon ein paar Wochen nach Eröffnung stinkende Brühe den Hang herunter, Abwasserrohre sind geplatzt, ein stechender Gestank liegt über der Gegend und die Müllmengen ziehen unzählige Krähen und streunende Hunde an. Eine Katastrophe für die Dorfbewohner.

Beobachter aus der Ferne

An sich zwar unfassbar, aber Akin ("Soul Kitchen", "Gegen die Wand"Gegen die Wand) greift mit seinem Film doch zu kurz. Er führt einige Dorfbewohner als Protagonisten ein, gibt ihnen und ihren Geschichten aber nicht genügend Raum. Wie gerne würde man mehr über sie erfahren. Über ihre Sorgen, ihr Leben mit der Müllhalde, den damit einhergehenden persönlichen Veränderungen und Konsequenzen.

Vor allem aber bleibt Akin Beobachter aus der Ferne, ohne einzuordnen. Ist das Grundwasser tatsächlich verseucht? Drohen den Menschen gesundheitliche Gefahren? Wenn ja, welche? Gegen welche Richtlinien verstoßen die Betreiber genau? Das alles bleibt in dem über fünf Jahre gedrehten Werk offen. Denn anders als es wohl Dokumentarfilmer Michael Moore ("Fahrenheit 9/11") getan hätte, unterstützt Akin den Protest nicht mit Messungen, Zahlen oder anderen harten Fakten. Stattdessen verlässt er sich - ohne weitere Recherche - ganz auf seine Bilder und vergibt damit letztendlich eine Chance, sich mehr Gehör zu verschaffen.

Aliki Nassoufis, DPA / DPA