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Filmstart "Chiko": Genre mit aller Gewalt

"Chiko" ist ein Gangsterfilm, mit dem der preisgekrönte deutsch-türkische Filmemacher Fatih Akin sein Debüt als Produzent gibt. Eine klassische Straßengeschichte von Drogen und Gewalt - die auch mit etwas weniger Blut ihrem Genre treu geblieben wäre.

Von Bianca Kopsch

Harte Jungs, sexy Miezen, schnelle Autos, Koks, Macht und Gewalt: Hier geht es um Respekt. Durchgesetzt mit Faustrecht. Der türkische Drogendealer Chiko lässt keine Gelegenheit aus, sich mit physischer Brutalität, begleitet von derben Sprüchen, einen respektablen Platz im Drogenmilieu der Hamburger Vorstadt zu erkämpfen: "Jetzt hör mal gut zu, Digger: Du bist raus! Hast Du verstanden, Aldder?!" droht er einem konkurrierenden Dealer, nachdem er ihn überwältigt hat. "Sag Deinem Chef: Chiko macht jetzt den Job!" Zur Erinnerung hält er ihm seinen Unterarm vor die blutende Nase, in den mit fetten Buchstaben sein Name eintätowiert ist. Ein klare Ansage.

Mit Skrupellosigkeit und Ehrgeiz schafft es Chiko bis ganz nach oben: vom kleinen Grasdealer bis zum großen Kokainhändler. Schicke Wohnung, teure Klamotten, weißer Mercedes mit goldenen Radkappen und fesche Geliebte inklusive. Die Geschichte ist soweit nichts Neues, die Klischees sind die altbekannten. Ein Aufstieg wie im klassischen Gangsterfilm, der auch hier vor dem unvermeidlichen Fall kommt.

Irgendwann sind alle Hindernisse überwunden, bis auf eines: Chikos bester Freund. Chiko und Tibet sind gemeinsam aufgewachsen, sie sind wie Brüder. Doch Tibets hitziges Temperament hat Chiko schon viel Ärger eingebracht - und bringt ihn schließlich zu Fall. Es ist der genretypische Konflikt zwischen Ehre und Ehrgeiz, zwischen sozialem Gewissen Freunden und Familie gegenüber und der Gewissheit, nur alleine an der Spitze bestehen zu können. So kommt eine Spirale der Gewalt in Gang, bei der viel Blut fließt. Zu viel.

Auch Kriminelle sehnen sich nach Bürgerlichkeit

Die zahlreichen, ausgedehnten und expliziten Gewaltszenen lenken von etwas ab, das diesen Film auf jeden Fall zu etwas Besonderem macht: Viele der Darsteller und der Crew-Mitglieder haben türkische Wurzeln. Der bekannteste Name auf der Besetzungsliste ist allerdings ein deutscher: Moritz Bleibtreu geht in seiner Rolle als knallharter Drogenboss "Brownie" mit Doppelleben als liebevoller Familienvater sichtlich auf. Den Gegensatz innerhalb seiner Filmfigur findet er nicht nur schauspielerisch reizvoll, sondern auch dramaturgisch überzeugend: "Egal wie kriminell jemand ist", erklärt er im Interview mit stern.de: "Jeder Mensch auf der Erde sehnt sich nach Bürgerlichkeit! Auch alle, die im kriminellen Milieu tätig sind, wollen im tiefsten Herzen ein ganz bürgerliches Leben führen."

Den Slang der Straße noch im Ohr

Chiko-Darsteller Denis Moschitto hat die Wandlung vom Komödienschauspieler, bekannt aus "Kebab Connection" (2004) und "Süperseks" (2004), hin zum brutalen Gangster glaubwürdig vollzogen. Das könnte an seinem persönlichen Hintergrund liegen: Er selbst ist in einem Kölner Arbeiterviertel aufgewachsen, einem sogenannten Problembezirk. Den Slang der Straße hat er noch im Ohr, sagt er, das aufgesetzte, machohafte Gebaren im Vorstadtghetto noch gut im Gedächtnis: "Ich konnte diese Leute früher selbst beobachten", antwortet er auf die Frage, ob es ihm schwergefallen sei, sich in das Drogen- und Gewaltmilieu hineinzuversetzen.

Eine wahre Entdeckung ist der Schauspiellaie Volkan Özcan - im echten Leben Erzieher für kriminelle Jugendliche in Hamburg. Er verkörpert den unberechenbaren Tibet so eindringlich, dass man ihm abnimmt, dass er sich im Seelenleben der Ghettokids auskennt. "Ich bin das genaue Gegenteil von so einem Typen, der auf alles scheißt", kommentiert der sympathische Özcan nach der Filmpremiere auf der diesjährigen Berlinale seinen persönlichen Bezug zur Rolle. Seinen Zöglingen habe es daher gut gefallen, dass ihr vernünftiger Erzieher auch einmal sein kann wie sie - zumindest auf der Leinwand.

Lady Bitch Ray überzeugt als Hure

Auch Reyhan Sahin, die als Sex-Rapperin "Lady Bitch Ray" bisher nur mit einschlägigen Reimen von sich Reden machte, hat in "Chiko" ihren ersten Auftritt als Schauspielerin. Und überzeugt: Sie gibt der türkischen Hure Meryem ein abgebrühtes und zugleich verletzliches Gesicht.

Regisseur Özgür Yildirim ist ein Jugendfreund von Volkan Özcan, auch er kennt das Milieu aus eigener Erfahrung. Absichtlich hat er die Geschichte seines Debütfilms daher im Hamburger Arbeiterviertel Dulsberg angesiedelt, in dem er selbst als Sohn eines Taxifahrers aufgewachsen ist. "Wenn man Chiko sieht, werden vielleicht einige glauben, ich habe eine schreckliche Laufbahn hinter mir. Das ist nicht so. Man muss kein Krimineller sein, um so eine Geschichte zu erzählen. Man muss sich nur für emotionale Figuren und ihre menschlichen Probleme interessieren." Hart, authentisch und nicht verlogen sollte sein Film werden, sagt er. Und: Ein Gangsterfilm, der seinem Genre treu bleibt. Die Härte jedenfalls ist ihm unübersehbar gelungen.

Fatih Akin: "Chiko" ist ein moralischer Film

Dass ausgerechnet Fatih Akin, Deutschlands erfolgreichster junger Regisseur türkischer Herkunft, diesen Film produziert hat und damit sein Debüt als Produzent gibt, liegt irgendwie nahe. Seine Glaubwürdigkeit, was das Straßenmilieu anbelangt, zweifelt spätestens seit seinem preisgekrönten Gewaltdrama "Gegen die Wand" (2004) wohl niemand an. "Chiko" wollte er produzieren, weil Gewalt ein großes gesellschaftliches Thema sei, dessen Reflexion ihn interessiere, sagt er. "Dieser Film hat in keiner Weise ein Ende oder eine Aussage, die Gewalt glorifiziert", bekräftigt Akin. Im Gegenteil: Obwohl die Geschichte vor brutalen Szenen nicht zurückschreckt, sieht er darin einen "moralischen Film".

Tatsächlich hat "Chiko" einen durchaus moralischen Unterton: Jeder bezahlt für das, was er anrichtet. Das Gesetz der Straße kennt keine Gnade. Am Ende erwischt es jeden. Das ist nicht nur typisch für das Gangsterfilmgenre an sich, sondern auch die persönliche Meinung des Regisseurs: "Ich glaube, dass jeder das, was er im Leben tut, auch wieder zurückkriegt. Egal ob im Guten oder im Schlechten."

Ein zerrissener Film über zerrissene Charaktere

Die Glaubwürdigkeit der Geschichte wird jedoch durch immer neue, immer krassere Gewaltszenen nicht etwa untermauert, sondern angeschlagen. Sie schockieren, tun weh - und verdrängen das Feingefühl für das persönliche Drama der Filmcharaktere. Genauso wie die türkischstämmigen jungen Männer im Film hin- und hergerissen sind zwischen krimineller Halbwelt und freundschaftlichem und familiärem Halt, genauso wie sie sich einerseits Anerkennung und Respekt im Drogenmilieu verschaffen und gleichzeitig irgendwie auch gute Menschen sein wollen, die ihre Mutter zur Dialyse fahren, ihrer Tochter einen dicken Briefumschlag mit Geld hinterlegen oder der Geliebten jeden luxuriösen Wunsch von den Augen ablesen: Genauso hin- und hergerissen ist offensichtlich der Film zwischen klassischem Genre und dokumentarischem Anspruch. Er verfolgt scheinbar beides - mit aller Gewalt. Dabei hätte etwas weniger Blut den Gangsterfilm "Chiko" nicht unglaubwürdiger erscheinen lassen - im Gegenteil.