"Crossing The Bridge" Ein Hauch von Rebellion


Fatih Akins neuer Dokumentarfilm ist eine Hommage an Istanbul geworden. Zwischen türkischer Exotik und westlicher Moderne stößt der Regisseur tief ins musikalische Herz der Metropole am Bosporus vor.

Traditionelle türkische Melodien vermischen sich mit wildem Punk, arabische Klänge mit coolem HipHop, kurdische Folklore mit hartem Gitarrenrock aus Seattle: In Istanbul prallen Musikstile mit voller Wucht aufeinander - und befruchten sich gegenseitig. In seinem Dokumentarfilm "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" zeichnet der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin ein faszinierendes musikalisches Porträt der 15-Millionen-Metropole am Bosporus - als Schmelztiegel der musikalischen Kulturen.

Vorangestellt ist dem Film eine Weisheit des chinesischen Philosophen Konfuzius: "Wenn ihr einen Ort besucht und verstehen wollt, welche Kultur dort herrscht, dann hört euch die Musik an, die dort gemacht wird. Ihr werdet alles über diesen Ort erfahren." Nicht der Hamburger Akin selbst, sondern sein deutscher Freund Alexander Hacke, seit über 20 Jahren Bassist der Gruppe Einstürzende Neubauten, soll diese These Realität werden lassen. Er zieht durch die Straßen der Stadt, hat ein mobiles Aufnahmestudio dabei und hält Musikern ein Mikrofon unter die Nase.

Punk im Teehaus

Die Sounds, die er dabei einfängt, sind großartig, überraschend, exotisch, verwirrend und häufig groovend. Es geht Akin - und das macht den Film so interessant - nicht nur um die hippesten Sounds, sondern auch um ihren Ursprung, um den Einfluss der traditionellen türkischen Volksmusik, um die Musik von Minderheiten wie den Kurden oder Sinti und Roma. Dabei ist Hacke unterwegs mit dem Blick des Fremden, der immer wieder neue Entdeckungen macht und manchmal selbst den Bass packt, um mitzujammen.

Zusammen mit der alternativen Band Baba Zula beschallt er von einem Hausboot aus die Stadt mit einer Mischung aus Jazz und orientalischen Sounds. Mit der in der Türkei wie eine Göttin verehrten Sängerin Sezen Aksu spielt er ihre alten Hits aus den 80er Jahren noch einmal ein. Er entdeckt auch die Band Duman, die in bester Seattle-Manier rockt: Dass die Zuhörer toben, liegt auch an den türkischen Texten und daran, dass Rock in der Türkei bis heute der Ruch von Rebellion anhaftet. Mehr auf Punk steht die Formation Replikas, die traditionelle türkische Melodien umarrangiert und neu interpretiert.

Sozialkritik und kurdische Gesänge

Virtuos und in atemberaubender Schnelligkeit rattert der Rapper Ceza seine Texte herunter. Er hat mit den amerikanischen Gangsta-Rapper-Posen jedoch nichts am Hut, sondern übermittelt politische und soziale Botschaften. Die Kurdin Aynur Dogan singt für Hacke in einem türkischen Bad, um der besseren Akustik willen. Dass der Film auch einen politischen Anspruch hat, wird im Interview mit der Künstlerin deutlich: Sie sei froh, auf kurdisch singen zu können. Das ist in der Türkei zwar seit 1990 offiziell erlaubt, Radio- und Fernsehsendern tun sich mit der Veröffentlichung aber immer noch schwer.

Archivbilder lassen die Vergangenheit der Metropole lebendig werden. Zu erfahren ist so auch die Entstehungsgeschichte der türkischen Flagge: Mond und Sterne hätten sich in einem blutüberfluteten Schlachtfeld gespiegelt. Was dem Film fehlt, sind mehr atmosphärische Bilder der Stadt. Viel zu selten sind stimmungsvolle Aufnahmen beispielsweise von Backgammon spielenden alten Männer zu sehen oder von Frauen und Kinder, die Teppiche knüpfen und bürsten. Meist werden Aufnahmen der Musiker in ihren Wohnungen, Kneipen oder Studios gezeigt.

Konfuzius' Weisheit bleibt unentdeckt

Die dem Film voran gestellte, bedeutungsschwangere Konfuzius-Weisheit kann in 90 Minuten nicht in Erfüllung gehen. So muss Hacke am Ende ein Versagen eingestehen: "Ich konnte die Magie dieser Stadt nicht entschlüsseln", sagt er. Aber er habe sich in die Musik verliebt.

Akins vielfach preisgekrönter Spielfilm "Gegen die Wand" war der Auslöser für "Crossing the Bridge". Bei den Dreharbeiten für den Berlinale-Sieger von 2004, die zum Teil in Istanbul gemacht wurden, lernten Hacke und Akin den Sound der Stadt lieben. Sie entschlossen sich, einen Dokumentarfilm darüber zu machen. Seine Weltpremiere feierte er bereits vor wenigen Wochen bei den Filmfestspielen in Cannes: Hier lief er im Wettbewerbsprogramm - allerdings außer Konkurrenz, da Akin Jurymitglied war.

Holger Mehlig/AP AP

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