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TV Geschichte: Action in kurzen Hosen

Ergreifende Siege, haspelnde Moderatoren - nie ist Sport schöner als vom Sofa aus gesehen

Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Tor! Tor! Tor!" Auf ewig werden die Worte Herbert Zimmermanns symbolisch für den Sport im Fernsehen stehen - für Ekstase, große Siege, Wohnzimmer im Freudenaufruhr. Und längst ist vergessen, dass Zimmermann Radioreporter war. Aber so war das früher: Live-Bilder gab es erst mal gar nicht, und auch später gab es so selten Fußball im Fernsehen, dass man seine Frau fast immer überzeugen konnte, dieses Spiel nun aber wirklich gucken zu müssen. Heute dagegen gibt es zu viele Spiele, und alle sind irgendwie wichtig.

Andererseits hat uns die Einführung der Spartensender DSF und Eurosport schöne Möglichkeiten eröffnet, den Abend zu verbringen, wenn die Frauen im Bett sind: Wer jemals nachts um zwölf den professionellen Holzhackern zugeschaut hat, mag davon nicht mehr lassen. Selten so viel über japanische Kultur gelernt wie bei den ausgedehnten Übertragungen, in denen man keuchenden Sumo-Ringern bei der Arbeit zusieht. Und den ehrlichsten Reporter gibt es auch bei Eurosport: den großen Box-Erklärer Werner Kastor, der die billig zusammengekauften Rummelkämpfe seines Senders gern mal mit Kommentaren abwatscht wie: "Also mit Boxen hat das heute Abend mal wieder gar nichts zu tun."

Apropos Reporter. Natürlich fehlt ein Urgestein wie der Brummbär Bruno Moravetz, der während Olympia 1980 beim 15-Kilometer-Skilanglauf verzweifelt nach einem deutschen Läufer namens Behle rief, den die US-Kameras irgendwie vergessen hatten. Aber wer jüngst Ernst Huberty beim Rentner-Einsatz als Fußballkommentator lauschte, fühlte sich zunächst an seinen berühmten Satz erinnert: "Smith, ein Name den man sich merken muss." Und dann an trübe "Sportschau"Zeiten, in denen Reporter mit dem Temperament von Wanderdünen eine Stimmung wie beim Schachspiel verbreiteten.

Geben wir's zu: Wir haben uns an das Marktgeschrei der neuen Fußballverkäufer gewöhnt. Zumal es ja immer noch was zu lachen gibt: Das Kabarettisten-Duett Delling und Netzer beispielsweise. Oder die Herren Jauch und Reif, die sich bei einem Spiel zwischen Dortmund und Madrid einem umgefallenen Tor gegenüber sahen und den Reporter-Albtraum von einer Stunde Null-Action in eine Sternstunde verwandelten: "Diesem Spiel würde ein Tor wirklich gut tun." Nein, nein, Sportschauer haben?s gut. Auch weil die ehernen Regeln unseres Spiels ja gleich bleiben: Ein Spiel dauert selten genau 90 Minuten. Der Bessere gewinnt nicht und schon gar nicht immer. Und wichtig ist in Wirklichkeit gar nicht im Fernsehen. Sondern aufm Platz. Stephan Draf

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