Bundesliga-Konferenz im Radio Adrenalin über den Äther


Tor in Hamburg! Elfmeter in München! Für viele Fußball-Fans ist die Bundesliga-Konferenz im Radio Kult. Immer samstags ab 15.30 Uhr melden sich stimmgewaltige Sprecher live aus den Stadien. Einer der markantesten heißt Rolf Rainer Gecks - die "Stimme des Nordens" vom NDR.
Von Kai Behrmann

Samstagnachmittag, 14.15 Uhr. Der Tabellenletzte der Fußball-Bundesliga ist zu Gast in Hamburg. Ivica Grlic, Christian Tiffert, Tom Starke - nach und nach steigen die Spieler des MSV Duisburg aus dem Mannschaftsbus und verschwinden in den Katakomben der Arena im Volkspark. Rolf Rainer Gecks steht hinter einer Absperrung. Er schaut den Profis tief in die Augen, studiert Mimik und Gestik, saugt Stimmung und Atmosphäre auf.

Die Gastgeber sind schon da. Mit Kopfhörern im Ohr und dem Stadionmagazin in der Hand schlendern die Stars des Hamburger SV durch den Tunnel hinaus in die Arena. Platzbegehung vor noch fast leeren Rängen. Früher wäre der Radioreporter des Norddeutschen Rundfunks (NDR) ihnen gefolgt. Ein Plausch mit dem Trainer, dazu den Duft des Rasens einatmen. "Heute ist das leider nicht mehr möglich", seufzt der 49-Jährige. Statt eines blauen Leibchens trägt er einen grünen Strickpulli. Seit der Bezahlsender Premiere die Bundesliga überträgt, herrscht eine strenge Kleiderordnung, die den Zugang für Journalisten zum Spielfeldrand regelt.

Täglicher Plausch mit den WM-Stars

Das stetig wachsende Medieninteresse am Fußball geht auf Kosten der Nähe zu den Protagonisten. Als Gecks 1990 in Italien erstmals bei einer Weltmeisterschaft im Einsatz war, gehörten regelmäßige Vieraugen-Gespräche mit Matthäus, Klinsmann und Kollegen zur Tagesordnung. "Während des gesamten Turniers habe ich mit jedem Spieler mindestens vier Mal so zusammen gesessen", erinnert sich Gecks.

"Stimme des Nordens"

Neben Kollegen wie Manfred Breuckmann oder früher Günther Koch zählt Gecks zu den prägenden Stimmen der Bundesliga-Konferenz, die Woche für Woche immer samstags ab 15.30 Uhr bis zu fünf Millionen Hörer vor die Radiogeräte locken. Seine stimmungsvollen Schilderungen aus den Stadien haben ihm außer zahlreichen Auszeichnungen, unter anderem den "Herbert Zimmermann Preis" für die Übertragung des WM-Finals 2002 Deutschland gegen Brasilien gemeinsam mit Jens-Jörg Rieck vom Südwestrundfunk (SWR), auch den Titel "Stimme des Nordens" eingebracht. Hörfunk-Reporter ist Gecks seit 1979. Angefangen hat er während seiner Studienzeit in München beim Bayrischen Rundfunk. Zum NDR wechselte der gebürtige Niedersachse 1988.

14.20 Uhr. Gecks steigt in den Fahrstuhl, fährt in die oberste Etage der HSV-Arena. Sein Platz ist die Sprecherkabine. Ein kleiner Raum, fast unter dem Dach der Arena, gut 100 Meter Luftlinie entfernt vom Rasen. Mittlerweile machen sich dort die beiden Torhüter Frank Rost und Tom Starke warm. Gecks setzt seinen Kopfhörer auf und sichtet einen Stapel Papiere, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Auf einem weißen DIN A4-Blatt hat er die heutige Aufstellung der beiden Mannschaften notiert. Die Spielernamen ergänzt er jetzt mit letzten Informationen. Rückennummer, Alter, Saisonspiele, Tore. Akribisch bereitet sich Gecks vor. "Schon als Kind habe ich Fußball-Almanachen verschlungen", sagt er.

"Maicon, Willi, Lamey. Keine Zungenbrecher dabei"

Dann klingelt sein Mobiltelefon. Das Funkhaus gibt durch, wann er das erste Mal in der Bundesliga-Konferenz zugeschaltet wird. "Erst Bremen, klar. Dann ich an zweiter Stelle, zwei Minuten. In Ordnung", wiederholt Gecks die Anweisung und legt auf. Der Ablauf der Sendung ist minutiös geplant.

Im Hintergrund läuft leise das NDR2-Programm. Moderator Uwe Bahn ist schon auf Sendung. An der Seite von Gecks bereitet sich Christopher Klein auf seinen ersten Einsatz am Mikrofon vor. Gemeinsam gehen die beiden noch mal die Namen der Akteure durch. "Maicon, Willi, Lamey. Keine Zungenbrecher dabei", gibt Gecks Entwarnung. Nur bei dem Rumänen Tararache droht Stolpergefahr. Auch wenn Gecks bereits seit über zwei Jahrzehnten hinter dem Mikrofon sitzt, von Welt- und Europameisterschaften berichtet hat, steigt vor jeder Partie die Anspannung.

Der Anpfiff rückt näher. Die Sekunden verrinnen auf dem Digitalwecker, der vor Gecks steht. 15.29 Uhr. Die Einmarschhymne ertönt, die Spieler schreiten auf den Platz. Gecks schenkt sich einen Schluck Wasser ein, ölt die Stimmbänder.

Tipps vom Radio-Profi für den Reporter-Nachwuchs

Den ersten Einsatz überlässt er jedoch seinem jungen Kollegen. "Der HSV empfängt den MSV Duisburg, die Zebras, den Tabellenletzten, zu einem von der Papierform her klarem Spiel", meldet dieser sich ruhig und unaufgeregt, während die beiden Kapitäne Rafael van der Vaart und Ivica Grlic am Mittelkreis zur Platzwahl bereit stehen. Nervosität merkt man der Stimme des 26-jährigen Reporter-Nachwuchses nicht an. Das erste Fazit fällt anschließend dementsprechend positiv aus. "Gut gemacht", lobt Gecks. Nur zwei Anmerkungen hat er. "Statt HSH Nordbank Arena sagen wir Arena im Volkspark", korrigiert der Radio-Profi. "Und 'von rechts nach links' ist Fernsehsprache." Gecks hat gerade ausgesprochen, da meldet sich die Sendeleitung. Die Stadiongeräusche sind zu leise. Gecks schiebt den Atmo-Regler hoch und spricht dabei weiter. "So in Ordnung?", fragt er. Ja.

Dann ist Gecks das erste Mal an der Reihe. Aufregendes hat er aber noch nicht zu berichten. "Beim Stande von Null zu Null gibt es nichts Neues vom HSV", schließt er seinen Abruf. Daran ändert sich auch im weiteren Verlauf der ersten Spielhälfte nichts mehr. "Tor in Bochum, Anschlusstreffer in Bremen!" - während seine Kollegen ihm kurz vor dem Halbzeitpfiff reihenweise ins Wort fallen, kann Gecks aus Hamburg nichts zur Unterhaltung beitragen. Er schüttelt den Kopf. Pause. Kurz durchpusten. Gecks holt sich einen Kaffee. Sein Adrenalinpegel sollte in den zweiten 45 Minuten aber noch steigen.

Kurze Einblendungen, mehr Tempo

Um 16.39 Uhr ist es soweit. "Tor in Hamburg!", schreit Gecks. Der Außenseiter Duisburg geht durch Ivica Grlic beim Favoriten in Führung. In der Schlussphase wird es hektisch. Hamburg drängt auf den Ausgleich, die Nerven liegen blank. An der Außenlinie kommt es zu einem Getümmel. Die Zuschauer vor seiner Kabine springen auf, verdecken ihm die Sicht. "Ich bin zu klein", stöhnt Gecks. Er steigt auf seinen Stuhl und setzt sein Fernglas an. Dann hat er die Situation erkannt. "Gelb für Demel und Maicon. Da hat der Hamburger aber noch mal Glück gehabt", schildert er den Radiohörern die tumultartigen Szenen aus dem Volkspark. Bevor Gecks richtig in Fahrt kommt, muss er aber auch schon wieder abgeben.

45 Sekunden, länger sind die Einblendungen heutzutage kaum. Früher war das anders. "Fünf Minuten waren normal, drei Minuten schon Durchschnitt und kurze Einblendungen dauerten zwei Minuten", erzählt Gecks und fügt erklärend hinzu: "Die schnellen Wechsel sollen der Sendung mehr Tempo verleihen." Das Handwerk ist jedoch das gleiche geblieben. "Ein Reporter muss die Fähigkeit haben, die Dinge so zu erzählen, dass der Hörer sich ein Bild machen kann", sagt Gecks. Ein erfahrener Kollege habe ihm zu Beginn seiner Karriere mit auf den Weg gegeben: "Du musst mit Worten Bilder malen und anschaulich schildern."

Sympathiebekundungen sind erlaubt

Daran hält sich Gecks auch heute. Aus seiner Sympathie für den Hamburger SV macht er dabei keinen Hehl. "In der Bundesliga ist das mein Lieblingsklub", gibt Gecks zu. An diesem Nachmittag hat er leider bis zum Schlusspfiff nichts Positives mehr über die Stevens-Elf zu berichten. "Der große Vorteil ist jedoch", sagt Gecks, "dass man bei schlechten Spielen die Enttäuschung aussprechen kann und sie nicht in sich hinein fressen muss". Während der Großteil der 55.000 Zuschauer frustriert das Stadion verlässt, räumt Gecks seine Papiere zusammen. Er ist emotional bereits wieder im Gleichwicht und freut sich schon auf das nächste Spiel. Gecks liebt seinen Beruf. "Früher saßen meine Schwester und mein Bruder am Wochenende bei Fußballübertragungen immer um das Radio herum und sind fast hineingekrochen", erinnert er sich. Die Faszination für das Medium Radio hat damals auch ihn gepackt - und bis heute nicht mehr losgelassen.


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