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EM-Stadt Bern: Die Wunder an der Aare

Die Schweizer Hauptstadt präsent zur Europameisterschaft ihre zwei Gesichter: eine nagelneue Fußballarena mit integriertem Einkaufzentrum und lockere Gemütlichkeit in sonnigen Altstadtgassen.

Von Marina Kramper

Bern ist neben Zürich, Genf und Basel eine der Schweizer EM-Spielstätten und allen Fußballfans ein Begriff. Die Älteren werden sich noch erinnern, an das Wunder von Bern, an Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954. Die Ungarn waren hoch favorisiert. Deutschland siegte dennoch mit 3:2 durch ein Tor von Rahn in der 84. Minute. Die Jüngeren dürfte das legendäre "Tor, Tor, Tor"-Geheule des heiseren Nachrichtensprechers Herbert Zimmermann durch endlose Wiederholungen aus dem Radio ebenfalls gegenwärtig sein.

Das heutige "Stade de Suisse" wurde 2005 in Wankdorf an genau jener Stelle errichtet, wo Sepp Herberger und seine "elf Freunde sollt ihr sein" das Spiel gegen die übermächtigen Ungarn gewonnen hatten. Viele bezeichneten das Endspiel von Bern als den historischen Neubeginn der Bundesrepublik Deutschland. Seither wohnt ein Geist an diesem Ort.

Vom Stadion zum Wankdorf Center

haben sie die optimale Nutzung für den Multikomplex ermittelt: Außen herum befindet sich ein Einkaufszentrum, zur Not können fußballmüde Gattinnen hier mit der Kreditkarte ausgesetzt werden. Weitere Großereignisse wie Popkonzerte bringen auch junge Menschen in den Vorort. Wohnungen, Büros, Schulen, Fitness- und Gesundheitspraxen bilden gemeinsam das "Wankdorf Center". Bei aller Multifunktionalität und aller Geisterbeschwörung sieht das riesige Gebäude- von außen eher wie ein Parkhaus aus.

Für die drei Vorrunden-Spiele am 9., 13. und 17. Juni werden die Berner und die angereisten Touristen ihr Auto jedenfalls stehen lassen können. Straßenbahnen und Busse transportieren die 32.000 Zuschauer zum Spielort. Die kein Ticket mehr abbekommen haben, können an zwei Public Viewing Zonen die Spiele verfolgen: Am Bundesplatz werden 10.000 Steh- und 1.000 Sitzplätze aufgebaut. Und auch auf dem Waisenhausplatz dürfte Stadionatmosphäre entstehen.

Namenlose "Handwärker" und berühmte Künstler

Touristisch gesehen wirkt Bern für jeden Geldbeutel sehr einladend. Obwohl es sich um die Hauptstadt handelt, ist die Stimmung auf den Strassen nicht steif, sondern locker, bunt und beinahe schon alternativ. An jedem ersten Samstag im Monat findet in Bern der "Handwärker - Märit bim Münster" statt. Auf dem gartenartigen Hochplateau hinter dem Münster verkaufen Händler selbst hergestelltes Kunstgewerbe. Puppen, geschnitzte Tiere und allerlei Handgenähtes muten an, als sei man auf einer Zeitreise ins Mittelalter zurück. Tanya Karrer bietet moderne Schnitte. Die junge Berner Modedesignerin hat aus mehreren Rollen Sweatshirt-Stoff eine feine Kollektion individueller Sportswear zu passablen Preisen entworfen. Darunter auch den Swiss-ness, einen tomatenroten Anzug mit Schweizer Kreuz auf Hose und Oberteil.

Die neuste Attraktion für Kulturtouristen ist das "Zentrum Paul Klee". Der wellenförmige Museumsbau des italienischen Architekten Renzo Piano am Stadtrand präsentiert die größte Sammlung des Malers, Musikers, Dichters und Pädagogen, der die Hälfte seines Lebens in Bern verbrachte.

Eine große Uhr zeigt, wie viele Tage, Stunden und Minuten es noch bis zum Eröffnungsspiel sind. Der Zeitmesser steht unterhalb einer der technischen Sehenswürdigkeiten, der Zytglogge, dem Zeitglockenturm. Dieser schlägt nicht nur die Stunde, sondern zeigt die astrologische Konstellation. Angekündigt wird das Zeitspektakel von einem Ritter und einem krähenden Hahn aus Gold. Erst wenn er die Glocke geschlagen und der Hahn gekräht hat, trollen sich kleine Bären im Kreise.

Dreitausender im Hintergrund

Bern als Hauptstadt versteht es, die Schweizer Regierung stilecht im Parlamentsensemble unterzubringen. Der Flughafen hingegen ist so klein, dass erstmal die Schafe von der Start- und Landebahn getrieben werden müssen, wenn ein Jet einschwebt. So bekommen ausländische Staatsoberhäupter sofort einen guten Einblick in die Prioritäten des Landes. Bern ist überschaubar. Mit seinen gut erhaltenen mittelalterlichen Gassen schmiegt sich der Altstadtkern in die Biegung der Aare und zieht deutlich Grenzen. Es gibt eine Ober- und eine Unterstadt, eine Südstadt und das Mattenviertel.

Oben wohnten früher die reichen und unten die armen Berner. Heute hat es sich angenehm durchmischt. Franchise-Ketten, die in Deutschland das Bild der Innenstädte zwischen Neumünster und Passau vereinheitlichen, sucht man in der Mittelgasse vergeblich. Einige Indienläden verkaufen Schmuck, aber sonst finden sich Buchhandlungen neben Galerien, Schuhläden und Modegeschäften. Das alte Schlachthaus wurde in den neunziger Jahren in ein modernes Theater umgewandelt. In den Kellern zwischen den Erdgeschossgeschäften, die die Stadt seit 1950 günstig vermietet, haben sich neben kleinen Theatern und Puppenbühnen auch Wein- und Blumenläden angesiedelt. Die Ladenbesitzer verschönerten die mittelalterlichen Fassaden mit großen Blumentöpfen, und die Cafés stellen ihre Tische direkt auf die Gasse. Eine Straßenbahn fährt mittendurch, aber der Lärm bleibt erträglich.

Alle großen Häuser Berns, die um die Jahrhundertswende errichtet wurden, sind aus dem gleichen lindgrünen Sandstein der umliegenden Steinbrüche erbaut. So auch der Regierungssitz mit dem anschließenden Fünf-Sterne-Hotel "Bellevue", das hoch über der Aare den Blick bei gutem Wetter auf das Berner Oberland mit seinen schneebedeckten Dreitausendern freigibt. Der Hoteldirektor Urs Bührer, der das "Bellevue" seit April 2007 führt, erzählt von der informellen Atmosphäre seines ersten Hauses am Platz. 1913 eröffnet gehörte es auch architektonisch zum Ensemble des Parlamentsgebäudes. "Die Schweiz hat nicht so viele Paläste wie Deutschland oder Frankreich", so Herr Bührer, "deshalb mussten welche erbaut werden." Im Bellevue, das sich in Staatseigentum befindet, wird Geschichte geschrieben, aber zwischendurch eben auch "Frühstückspolitik". Staatsoberhäupter und Regierungsbeamte kommen zum mittäglichen Brunch auf die Terrasse. Wenn es regnet, dann schnappt sich jeder Brotkorb und Glas und verschwindet nach innen. Wenn das keine gelebte Demokratie ist.

Infos

Schweiz Tourismus

Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt/Main, Tel. 00800-100 200 30 (kostenfrei)
www.myswitzerland.com
www.berninfo.com
www.euro08-bern.ch
www.stadedesuisse.ch

Hotel Bern

Zeughausgasse 9, CH-3011 Bern, Tel. +41 31 329 22 22
www.hotelbern.ch

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