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Venedig-Tagebuch: Von Sonnenmilch und Autogrammen

Wenn sich Journalisten ihrem Idol gegenübersehen, weicht Professionalität einem "Ein Autogramm, bitte". Das hat auch unser Mann in Venedig erlebt. Ach ja, Filme hat er auch gesehen - sogar sehr bemerkenswerte.

Von Bernd Teichmann

Es ist jedes Jahr das Gleiche. Kurz bevor es nach Cannes oder Venedig geht, raunt es aus dem Freundeskreis: "Ey, super, den ganzen Tag Film gucken und am Strand abhängen. Viel Spaß und erhol Dich schön." Sehr nett, danke. Auch an Orten, wo die Sonne scheint, wird mitunter gearbeitet. Vor der Berlinale hört man solche Sätze nicht, aber die riecht ja auch nicht nach Sonnenmilch. Nein, kein Jammern auf hohem Niveau jetzt, aber dieser Mythos musste mal eben aus der Welt geschafft werden. Unsere Gesichtsfarbe sieht anschließend nicht viel gesünder aus.

Zweite Legende: Filmjournalisten sind allesamt abgebrühte Routiniers, die alles schon gesehen und alle schon getroffen haben und den Glamour von Festivals eher als lästige Begleiterscheinung ertragen. Wer das glaubt, sollte mal eine der Pressekonferenzen besuchen, die mit großen Namen besetzt ist. Als im vergangenen Jahr George Clooney mit "Good Night, And Good Luck" am Start war, mutierte ein Großteil der Kollegenschaft zu einer Horde ferngesteuerter Teenager. Kaum hatte der Moderator die halbe Frage-und-Antwort-Stunde beendet, stürzte die halbe Kinoweltpresse ans Podium und balgte sich um Autogramme, Fotos oder einen Händedruck von "Georgie". Das ungeschriebene Gesetz, wonach Kritiker und Publikum in unterschiedlichen Universen leben, löst sich hier in Luft auf: Jeder ist ein Fan.

Jubel für Helen Mirren

Ähnliche Szenen spielten sich auch am Samstag ab, wobei das Objekt der Begierde nicht unbedingt zu den schillerndsten, wohl aber zu den ehrwürdigsten Vertreterinnen des Gewerbes zählt. Schon zu Beginn der Pressekonferenz zum britischen Wettbewerbsbeitrag "The Queen" war Helen Mirren wie eine Erlöserin mit jubelndem Applaus empfangen worden - eine Verneigung vor ihrer fantastischen Vorstellung der Queen Elizabeth in einem wunderbaren Film und zugleich ein Dankeschön für das erste Zwischenhoch in einer bislang gemütlich vor sich hindümpelnden Mostra.

Stephen Frears Film blickt hinter die Kulissen eines Ereignisses, das wie nur wenige die ganze Welt bewegte: der Tod von Prinzessin Diana im September 1997. Auch fast zehn Jahre danach sind die Bilder noch frisch vom blumenumsäumten Zaun des Buckingham Palace, den verweinten Gesichtern der Trauernden und der global ausgestrahlten Beerdigungsfeier. In Erinnerung geblieben ist ebenfalls das irritierende Verhalten der Royal Family, die zum Zeitpunkt des Unfalls und einige Tage danach auf ihrem Landgut im schottischen Balmoral weilte. Während Prinz Charles nach Paris flog, um die sterblichen Überreste seiner Exfrau nach England zu überführen, verweigerte Königin Elizabeth jegliches Zeichen der Anteilnahme, schließlich gehörte Diana nicht mehr zur Familie - Buckingham war nicht einmal auf Halbmast geflaggt. Warum?

Ein menschliches Gesicht

"The Queen" versucht eine Antwort zu finden und entwirft das Psychogramm einer Frau, deren traditionelle Denkmuster sich nicht mehr mit jener modernen Realität decken, für die Diana und der gerade zum Premierminister gewählte Tony Blair standen. Der junge, aufstrebende Blair war es schließlich auch, der die Regentin dazu bewog, nach London zurückzukehren, sich ihrem Volk zu zeigen und via TV eine Trauerrede zu halten.

Was den Film so überaus sympathisch macht: Frears und sein Autor Peter Morgan verurteilen ihre Titelheldin nicht, sondern verleihen ihr auf rührende, spannende und elegant humorvolle Art ein menschliches Gesicht. Sogar ein Sozialkritiker wie Frears gibt seiner Hauptdarstellerin, wenn sie sagt: "Die Queen ist seit 50 Jahren die einzige Konstante im Leben der Briten - da spielen ideologische Gesetze keine Rolle."

Mosaik über Einsamkeit, Liebesleid und Identitätssuche

Ebenso lange im Dienst ist auch Nouvelle Vague-Grandseigneur Alain Renais, der viereinhalb Dekaden nach dem Löwen-Gewinn mit "Letztes Jahr in Marienbad" wieder im Hauptprogramm vertreten ist. Mit der Souveränität und Zielsicherheit eines Altmeisters und einem exzellenten Darsteller-Ensemble (u. a. seine Stammkräften Sabine Azéma, André Dussollier und Pierre Arditi) verbindet der 84-Jährige in der Alan Ayckbourn-Adaption "Coeurs" ("Private Fears in Public Places") episodenhaft die Schicksale von sechs direkt oder indirekt zueinander in Verbindung stehenden Menschen zu einem melancholisch-amüsanten Mosaik über Einsamkeit, Sehnsüchte, Liebesleid und Identitätssuche.

Explosionsartiger Anime-Trip ohne Netz und doppelten Boden

Ungleich weniger feinmechanisch kommt dagegen "Paprika" daher, einer der beiden Konkurrenten aus Japan. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des legendären Schriftstellers Yasutaka Tsutsui, katapultiert uns Regisseur Kon Satoshi in einen explosionsartigen Anime-Trip ohne Netz und doppelten Boden. Es geht um eine clevere Psychotherapeutin, die versucht, den gestohlenen Prototyp eines Apparates wiederzufinden, der das Eintauchen in menschliche Traumwelten ermöglicht.

Dass der spaßige Knaller mit Schleudertrauma-Garantie das Votum für den Wettbewerb bekommen hat, überraschte seinen Macher selbst am meisten. Aber so ein Farbtupfer tut dieser gediegenen Veranstaltung auch mal ganz gut.

Bleibt nur noch eine Frage zu klären. Wo kriege ich bis morgen ein schönes Foto her für mein Rachel-Weisz-Autogramm?