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Wim Wenders über seinen Film "Pina" "Ich dachte, ich kann es nicht"


Mit "Pina" hat der deutsche Regisseur Wim Wenders eine 3D-Hommage an das Tanztheater geschaffen. Im Interview mit stern.de erzählt er, warum er auch nach dem Tod von Pina Bausch weitergemacht hat.

Herr Wenders, wie war Ihre erste Begegnung mit Pina Bausch?
Das war ein wichtiger Tag in meinem Leben. Ich habe ja von 1977 bis 1984 in Amerika gelebt, deshalb habe ich die Zeit, in der Pina berühmt geworden ist, überhaupt nicht mitbekommen. Eine Freundin hat mir von ihr vorgeschwärmt, und dann habe ich ein Stück von ihr gesehen. Ich war wie vom Donner gerührt, habe sofort alle anderen Stücke gesehen und Pina das erste Mal getroffen. Wir haben uns von Anfang an richtig gut verstanden, und ich habe schon beim allerersten Treffen gesagt: "Lass uns doch mal was zusammen machen." So begeistert war ich. Pina hat gar nicht viel gesagt, sondern nur wieder ein Zigarettchen genommen und mich im Unklaren gelassen. Aber sie hat in den Jahren darauf durchaus klar gemacht, dass sie sich daran erinnert und dann irgendwann auch von sich aus gefragt.

Was genau wollten Sie für einen Film drehen?
Diese Magie, die Pinas Theater hatte, wenn man es live sah, die Körperlichkeit und die Unmittelbarkeit und wie das auf den eigenen Körper übersprang, das wollte ich irgendwie mit ihr in einem Film festhalten. Wie man beteiligt war auf eine andere Art und Weise, als ich je beteiligt war - bei keinem Rockkonzert, bei keiner Oper, bei keiner anderen Vorführung habe ich mich jemals so präsent, so angesprochen und im tiefsten Mark bewegt gefühlt wie bei Pina.

Was glauben Sie, ist diese die Magie?
Es ist die Genauigkeit ihrer Beobachtung, die Radikalität, mit der sich Pina auf das Verständnis und das Lesen der Körpersprache konzentriert hat. Von uns Filmemachern hat das niemand getan. Aber Körpersprache ist wichtig im Film, man muss wissen, was ein Schauspieler macht, wie ein Schauspieler präsent ist. Aber den Blick darauf so zu schärfen, dass man wirklich einen Menschen ohne Worte und ohne Psychologie, nur aus seinen Gesten und Bewegungen erkennt und in sein Innerstes schaut und auch zeigt, was sein Innerstes ist, das war eine mir ganz unbekannte Arbeit. Das war eine Lektion für mich.

Wann haben Sie das Projekt in Angriff genommen?
Irgendwann wurde Pina energischer und sagte "Ich möchte, dass wir das jetzt machen". Da war meine Erkenntnis. Weil man Pina ja nicht belügen konnte: "Ich kann's nicht!"

Warum nicht?
Ich stand wie vor einer Mauer. Ich kam nicht ran an das, was Pina mit den Tänzern machte, diese Körperlichkeit. Pina war traurig, aber sie hat es verstanden. Und ich habe immer gedacht, ich habe eine Blockade, ich muss was finden: Handkamera, Kran... Aber alles, was die Kamera konnte, war nicht gut genug. Ich wusste nicht, was mir fehlte, aber es fehlte mir was.

Und dann kam 3D?
Erst 2007 habe ich den ersten, noch recht rudimentären 3D-Film gesehen: "U2 in 3D". Da habe ich gesehen, dass es eine Tür gibt in das Königreich der Tänzer. Das war zwar noch nicht so richtig zu sehen in dem Film, aber ich habe gesehen, was es vielleicht mal können würde. Da haben wir angefangen, konkret zu planen. Wir haben den Dreh auf Herbst 2009 festgelegt und auch alle Stücke, die vorkommen sollten, entsprechend auf den Spielplan gesetzt.

Und dann ist Pina Bausch überraschend gestorben.
Wir saßen in unserem Büro in Berlin und haben den Transport unserer Technik nach Wuppertal geplant. Die Kameras waren schon auf LKWs geladen, das 3D-Team war da, und wir haben alles noch mal durchgesprochen. Zwei Tage später wollten wir mit dem Ensemble in Wuppertal drehen. Dann ist das für uns komplett Unvorhersehbare, Unvorstellbare passiert. Ich habe den Film sofort abgesagt. Es war auch gar nicht vorstellbar, weil der Film so deutlich mit ihr geplant war - neben mir und auch vor der Kamera. Das ganze Konzept war auf Pina aufgebaut. Schließlich hatten wir doch so lange davon geträumt.

Was hat Sie umgestimmt, den Film doch zu machen?
Für zwei Monate war das Projekt abgesagt. Bei der Trauerfeier des Tanztheaters in Wuppertal dämmerte es mir dann allmählich: Durch Gespräche mit den Tänzern, die schon mit dem Proben begonnen hatten, und dem Tanztheater kam heraus, dass es die falsche Entscheidung war. Dass diese Stücke, die Pina ja selbst ausgesucht hatte, aufgezeichnet oder wie Pina sagte "gut aufgehoben" würden, das konnten wir nicht so vorbeigehen lassen. Für manche Stücke war es wohl auch das letzte Mal, dass sie aufgeführt würden. Es war eine Riesenlast auf Pinas Schultern, dass es diese Kunst nur dann gibt, wenn man sie aufführt. Einer der Gründe, warum wir den Film gemacht haben, war Pinas Wunsch, dass es die Stücke eben auch mal anders gäbe.

Sophie Albers

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