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Wladimir Kaminer: "Ethisch einwandfrei und politisch korrekt"

Der russische Schriftsteller Wladimir Kaminer hat sich für den stern Dani Levys Komödie "Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" angesehen.

Zu den gängigen Klischees, die als positive Eigenschaften der Deutschen assoziiert werden, gehört neben Pünktlichkeit, Ordentlichkeit und Sauberkeit auch die Höflichkeit. Humor dagegen war angeblich nie eine deutsche Stärke. Als humorvolle Europäer gelten die Engländer wegen ihres schwarzen Inselzynismus und die Italiener wegen ihrer Art, Frauen mit lustigen Sprüchen anzubaggern. Aber auch in Russland spielt der Humor eine wichtige Rolle. Das ständige "Witzeerzählen" dient den Russen als Schutzschild, um mit allen Widrigkeiten des Lebens klarzukommen.

In Form von Anekdoten und Scherzen, die täglich und überall erzählt werden, setzen sich die Bürger kritisch mit ihrer Realität auseinander, vor allem mit der Willkür des Staates, mit der Grobheit der Dienstleister, den bedrückenden Wetterverhältnissen. Und weil der Staat in Russland immer willkürlich, die Dienstleister immer grob und die Wetterbedingungen immer bedrückend sind, sind meine Landsleute in Laufe der Geschichte richtige Witzbolde geworden. Jeder in Russland kennt Tausende von Witzen auf Anhieb und erzählt sie gerne weiter. Die meisten Witze sind nationalistisch und politisch unkorrekt. Der deutsche Humor dagegen ist ordentlich und höflich, die deutschen Witze sind harmlos, kommen dafür aber immer pünktlich an. Manchmal kommen sie gar nicht an, dann lachen die Leute trotzdem - aus Höflichkeit. In dieser Eigenschaft ähneln die Deutschen den Chinesen, die auch nur dann lachen, wenn der Erzähler vorher ankündigt, dass gleich ein Witz kommt.

Überraschende Witze können dagegen den Erzähler und den Zuhörer in perplexe Situationen bringen. Sie gelten als schlechter Stil und werden gemieden. Wie alles in Deutschland wird der Humor auch nach bestimmten Regeln und Reinheitsgeboten gemacht, unter Berücksichtigung der Interessen der Minderheiten und auch nicht überall, sondern an speziell dafür eingerichteten Orten - Fernsehsendungen oder Kabarettbühnen. Diese Orte tragen humorvolle Namen. Sie heißen "Quatsch Comedy Club", "Kneifzange", "Scharfe Zungen" oder einfach "Kitsch und Kacke Club". Diese humorvollen Namen wirken wie ein Mahnschild: "Hier muss rücksichtslos gelacht werden."

Beim Kinobesuch in einem deutschen Film ist es wichtig, die Filmzeile, in der das Filmgenre annonciert wird, nicht zu verpassen, damit man nicht im falschen Film lacht. Wenn dort "Komödie" steht, kann jeder bedenkenlos über alles lachen, sogar über den Vorspann oder über die anderen Kinobesucher. Bei "Tragödie", "Drama" oder "Action" ist Heiterkeit unangebracht. Worüber darf man in Deutschland lachen, und was ist unter keinen Umständen lustig? Das wird in einer öffentlichen Debatte ausdiskutiert. Es darf in solchen Fragen keine Orientierungslosigkeit geben. Zum Glück leben in Deutschland genug Menschen, die immer gut darüber Bescheid wissen, was nicht geht. Wenn man es ordentlich macht, geht fast alles, aber manches geht eben einfach nicht. Dazu gehören auch Hitlerwitze.

Darf man über den Führer lachen - und wenn ja, wie laut? Diese Debatte hat meiner Meinung nach das Zeug, die Kulturseiten der deutschen Presse dauerhaft mit Pros und Contras zu füllen. Der neue Film von Dani Levy, "Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler", liefert dazu Material. Dieser Film (laut Werbung die erste deutsche Komödie über Hitler) kam gerade zur richtigen Zeit. Der Rest der Welt hat über Hitler schon im vorigen Jahrhundert tausendmal abgelacht. Die Generationen neuer Witzfiguren kamen und gingen: Bill Gates, bin Laden, George W. Bush É Die deutschen Filmemacher lassen diese neuen Witzfiguren kalt. Sie wollen erst einmal ernsthaft mit der Vergangenheit abrechnen, die Frage lautet aber: Dürfen wir jetzt auch?

Zur Zeit des Nationalsozialismus stand auf Hitlerwitze die Todesstrafe, das Wort dafür hieß "Wehrkraftzersetzung" und wurde, besonderes im Krieg, häufig angewendet. Die Qualität der Witze spielte dabei keine Rolle.

Es hat sich vieles verändert in Deutschland seit 1945, die meisten Nazis sind gestorben oder haben sich umerzogen, das Land wurde geteilt und hat sich wiedervereinigt, die Zeit des Hungers und die Zeit des Wohlstands wurden überstanden. Jetzt auch noch eine deutsche Komödie über Hitler, mit "jüdischem Humor" einerseits und der Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus andererseits, die durch den komödiantischen Einsatz nicht gemildert werden durfte.

Komischerweise hat keiner gelacht - während der Pressevorführung am Potsdamer Platz, nicht einmal an den lustigen Stellen, als zum Beispiel eine ungeschickte Friseuse dem Führer kurz vor seiner wichtigsten Kriegsrede den halben Schnauzbart abschnitt, weil er beim Rasieren keine Sekunde in Ruhe sitzen konnte und ständig zu seinem Hund "Sitz! Blondie!" rief.

Die im Film erzählte Geschichte ist moralisch auf der sicheren Seite, ethisch einwandfrei und politisch korrekt. Um Hitlers Depressionen zu beenden und den Führer wieder einsatzbereit für Volk und Vaterland zu machen, lässt Goebbels seinen alten Schauspiellehrer, den Professor Adolf Grünbaum, zu ihm bringen. Der jüdische Professor soll den Hass des Führers wieder entflammen, stattdessen verliebt sich Hitler in seinen Schauspiellehrer, er wird von seinem Unterricht abhängig, obwohl Grünbaum ihn gleich bei der ersten Begegnung k. o. schlägt, ihn sogar umzubringen versucht und für seine Leistungen die Freilassung aller Gefangenen im Konzentrationslager Sachsenhausen fordert. Hitler weint an seiner Schulter, erzählt von seinen jüdischen Vorfahren, nennt den Professor Grünbaum liebevoll "Mein Führer" und legt sich sogar in des Professors Ehebett.

Weiter geht's: Hitler entschuldigt sich bei dem Professor wegen der Endlösung, sie sei nicht nur auf seinem Mist gewachsen, erklärt er. Trotz einer trashigen Vorlage ist es statt einer "typisch deutschen" Komödie ein guter Film geworden, vor allem durch die schauspielerische Leistung des genialen Helge Schneider - als Führer. Sein Hitler ist ein älterer, ordentlicher, pünktlicher und höflicher Mann, der von den Nazi-Bestien Goebbels, Himmler und Speer umgeben ist (großartige schauspielerische Leistungen von Sylvester Groth, Ulrich Noethen und Stefan Kurt). Dieser Hitler ist kein Faschist, er ist ein armer Spinner, der vom rechten Weg abkam. Nun muss er aber den Umständen entsprechend einen aggressiven Antisemiten mimen, was ihm überhaupt nicht gelingen will. Seine altbackenen Umgangsformen, seine kindliche Naivität unterscheiden ihn von den blutrünstigen Monstern um ihn herum.

Der Führer leidet an Deutschland. Dieses Leiden versteckt er hinter Höflichkeit und Hygiene. Selbst wenn er auf Eva Braun steigt, zieht er seinen Pyjamaanzug nicht aus und erkundigt sich jede halbe Minute: "Is es Ihnen recht so, meine Gnädigste?" Helge Schneiders Hitler ist ein Opfer. Damit stellt der Schauspieler den lieb gewonnenen deutschen Mythos vom fast übernatürlichen Führer, der das ganze Volk verführte und ins Verderben stieß, auf den Kopf. Das ist ganz im Sinne der viel gescholtenen Bücher von Daniel Goldhagen und Götz Aly: Man sieht ein Volk, das trotz einer völligen Lusche als Führer allzeit zu allen Untaten bereit ist.

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