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Ziehung der Lottozahlen: Vor 40 Jahren rollten erstmals die Kugeln

Zehn Jahre fand die Ziehung der Lottozahlen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dann entstand die Idee, das Ereignis live im Fernsehen zu übertragen - und wurde ein Riesenerfolg.

Fernsehansagerin Karin Dinslage verkündete erstmals am 4. September 1965 die Glückszahlen, die zusätzlich auf quadratischen kleinen Tafeln für die Zuschauer sichtbar vor ihr auf dem Tisch aufgereiht wurden. Sie ist inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst die blonde Karin Tietze-Ludwig wurde zur Lottofee erhoben. Karin Dinslage war brünett und trug ihre Haare kurz geschnitten. In den wilden Sechzigern verlas sie "locker lümmelnd dem Establishment seine Gewinne", wie der HR in einem Bericht festhielt. Sie wechselte sich von 1967 bis 1971 mit Tietze-Ludwig an der Lotto-Trommel ab. Dinslage stammte aus Berlin und war Grafik-Designerin. Auf diesen Beruf griff sie 1974 zurück, nachdem sie anderthalb Jahre mit Ehemann und zwei Töchtern in Amerika verbracht hatte. Sie schrieb aber auch Kurzgeschichten und arbeitete zuletzt - bis zu ihrem Tod - in einer Augenarztpraxis.

Unvergessen dagegen ist Karin Tietze-Ludwig. Erst im Juli war sie zu Gast in der NDR-Talkshow "Herman & Tietjen". Eigentlich wollte die am 31. Mai 1941 in Siegen geborene und in Biedenkopf an der Lahn aufgewachsene Blondine Stewardess werden, damals ein Traumberuf. Der Vater habe es ihr verboten, sagte sie. So realisierte sie nach einem Umweg als Fremdsprachensekretärin bei einer amerikanischen Fluggesellschaft ihren zweiten Berufswunsch Radiosprecherin. Sie nahm Schauspielunterricht, ließ ihre Stimme ausbilden und kam zum HR-Hörfunk. 1964 wurde sie Nachfolgerin der Fernsehansagerin Hilde Nocker. 1966 heiratete Karin Ludwig den HR-Redakteur Hans-Jürgen Tietze, so dass sie am 10. August 1967 als Karin Tietze-Ludwig Premiere bei der Ziehung der Lottozahlen hatte.

Personifizierte Seriosität

In den fast 31 Jahren bis zu ihrer letzten Sendung am 17. Januar 1998 hat sie nur ein einziges Mal eine Panne gehabt. Sie verwechselte eine Sechs mit der Neun, weil sie den Punkt neben der Ziffer Sechs nicht richtig erkennen konnte. Abgesehen davon war sie die personifizierte "Seriosität und Vertrauenswürdigkeit", wie Fernsehdirektor Hans-Werner Conrad 1998 sagte. Der rituelle Satz "Der Aufsichtsbeamte hat sich vor der Sendung vom ordnungsgemäßen Zustand des Gerätes und der 49 Kugeln überzeugt" ging der Lotto-Fee auf immer gleiche Weise flüssig über die geschminkten Lippen (bis er im Mai 1986 gestrichen wurde), Föhnfrisur und Kostüm saßen perfekt, und sie wurde für viele Zuschauer zum Geschmacksvorbild.

Um Zuschauer werben musste Karin Tietze-Ludwig nie, die Ziehung der Lottozahlen sieht sie als "spannendsten Kurzkrimi". "Wahnsinnig viele Gewinner" hätten sich bei ihr bedankt. Manche Lottospieler hätten wirklich geglaubt, sie könne Einfluss auf die Gewinnzahlen nehmen. So erhielt die Lotto-Fee Angebote mit Gewinnbeteiligungen. Ein Briefschreiber hatte von einer Vorliebe erfahren und bot ihr an: "Tausche hausgemachte Leberwurst gegen sechs Richtige".

Blond ist Trumpf

Die blonden Haare waren nach den Worten Conrads auch bei der Kür der neuen Lottofee entscheidend. Am 24. Januar 1998 hatte Franziska Reichenbacher Premiere. Die gebürtige Mainzerin, die in Wiesbaden aufgewachsen war, begann nach einem Studium der Theaterwissenschaft und Publizistik als Redakteurin und Moderatorin beim Hörfunk des Bayerischen Rundfunks, war kurz bei einem lokalen Berliner Fernsehprogramm tätig und moderierte die ZDF-Schlagersendung "Wahrer Grand Prix 1996". Beim HR arbeitet sie auch als Redakteurin und Moderatorin. Das gilt auch für die stellvertretende Lottofee, die dunkelhaarige Ingrid El Sigai, die neben dem Redakteursberuf noch als Sängerin und Schauspielerin auftritt und an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt unterrichtet.

Inge Treichel/AP / AP
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