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Baldwin-Unfall Eine Tote, ein Schwerverletzter durch eine Platzpatrone – wie ist das möglich?

Alec Baldwin feuerte einen Revolver wie diesen ab
Alec Baldwin feuerte einen Revolver wie diesen ab: Bei Filmen werden meist echte Waffen benutzt. Hier ein Colt Single Action Army, auch bekannt als Peacemaker
© Wikipedia / Commons
Die Kamerafrau Halyna Hutchins starb, der Regisseur Joel Souza wurde schwer verletzt, als Alec Baldwin einen Revolver abfeuerte. Eine mögliche Erklärung für das Unglück.

Es war ein schrecklicher Unfall an einem Drehort. Alec Baldwin hat zwei Personen mit einem historischen Revolver verletzt, eine davon tödlich. Ihm selbst ist nichts passiert. Der erste Impuls ist, sich zu fragen: Wie kann man zwei Personen aus Versehen anschießen? Hat Baldwin etwa wild um sich geschossen?

Alec Baldwin hat niemanden mit einer Kugel erschossen 

Die Antwort: Baldwin hat niemanden mit einer Kugel erschossen. Nach den bisherigen Angaben wurde die Waffe nicht aus Versehen mit scharfen Patronen geladen. Die Kamerafrau wurde offenbar tödlich und der Regisseur und Drehbuchautor schwer verletzt. Halyna Hutchins und Joel Souza "wurden angeschossen und verwundet, als Alec Baldwin eine Schusswaffe abfeuerte, die bei den Dreharbeiten zu dem Film 'Rust' verwendet wurde", erklärte die Polizei der Stadt Santa Fe im Bundesstaat New Mexico in der Nacht zum Freitag.

Keine scharfe Munition

Der Revolver soll ordnungsgemäß mit Platzpatronen geladen gewesen sein. Wie kann es dann zu so einem Unglück kommen? Offizielle Ergebnisse gibt es noch nicht, die wahrscheinlichste Ursache für den beschriebenen Hergang ist, dass irgendetwas im Lauf der Waffe verklemmt war, etwa ein Bleiprojektil von einem vorhergehenden Schuss, und der Gasdruck der explodierenden Platzpatrone dann nicht durch den Lauf entweichen konnte. 

US-Schauspieler Alec Baldwin tötet Kamerafrau Halyna Hutchins bei Dreharbeiten mit Schusswaffe

Einen ähnlichen Vorfall hatte es 1993 gegeben: Damals starb der Schauspieler Brandon Lee, Sohn des Kampfsportstars Bruce Lee, am Set des Films "The Crow" durch einen Bauchschuss. Die Autopsie ergab, dass Lee von einer Kugel scharfer Munition getroffen worden war, die im Lauf der Waffe stecken geblieben war. Diese Kugel hatte sich durch die Detonation der Platzpatrone gelöst. Wenn die Kugel aber weiter im Kauf klemmt und sich nicht löst, kann es zum Platzen der Waffe kommen. Aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es zahlreiche Fotos von schweren Panzerrohren, die durch einen Klemmer im Lauf aufgerissen sind.

Klemmer im Lauf

Kann das Gas nicht nach vorn entweichen, wirkt die Belastung bei einem Revolver auf den Anschluss der Trommel, in der die Patronen lagern, und den Lauf. Typisch für solche Explosionen ist, dass die Bruchstücke von der Explosion an die Seite und nach vorn bewegt werden, aber nicht nach hinten. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass der Schütze, wenn er mit ausgestrecktem Arm schießt, nur leicht oder nur an der Hand verletzt wird.

Sollten sich die beiden Opfer neben und kurz vor Baldwin aufgestellt haben, als er die Waffe ausprobierte, hätten sie sich im Wirkungsbereich der Explosion befunden. Da es mehrere Bruchstücke gibt, sind auch mehrere Opfer möglich.

Problem der Replikas

Böse Absicht kann man bei so einem Hergang praktisch ausschließen, Fahrlässigkeit allerdings nicht. Wenn ein Fremdkörper den Lauf blockiert hat, hätte das bei der Durchsicht der Waffe beim Laden auffallen müssen. Mitschuld hätte dann auch die Hollywood-Praxis, echte Waffen mit Platzpatronen zu laden. Bei reinen Show-Waffen wäre es ausgeschlossen, dass scharfe Kugeln im Lauf steckenbleiben. Allerdings dürfen im Handel erhältliche Replika-Waffen aus Sicherheitsgründen in den USA nicht zu echt aussehen, für eine Nahaufnahme sind sie unbrauchbar.

Auf Twitter weist Lars Winkelsdorf auf eine andere Möglichkeit. Bei Filmwaffen wird eine Düse in den Lauf geschweißt. Sie verengt den Austritt des Gases aus der Platzpatrone. Bei einem Selbstlader – einer Pistole oder einem Maschinengewehr – ist der Rückstau notwendig, damit weitere Patronen aus dem Magazin nachgeladen werden. Das ist bei einem Revolver nicht notwendig und auch nicht möglich, aber hier würde die Verengungsdüse zu einem realistischen Rückschlag der Waffe in der Hand führen. Winkelsdorf weist weiter darauf hin, dass die Gefahr, dass die kleine Düsenöffnung verstopft, größer ist als bei einem offenen Lauf.

Bei Western gibt es eine weitere Gefahrenquelle. Gern wird das Laden der Waffe in Großaufnahme gezeigt oder die Trommel des Revolvers. Bei diesen Einstellungen erkennt man das Projektil, Platzpatronen können daher nicht benutzt werden. Häufig behilft man sich mit echten Patronen, aus denen das Pulver entfernt wurde. Von außen sieht die Patrone dann absolut echt aus, das birgt eine Verletzungsgefahr. Zum Tod von Brandon Lee führte etwas anderes. Dort löste sich die Kugel aus der Patrone. Um die Munition zu entnehmen, wurde sie abgezogen, das Pulver entnommen und anschließend wurde die Kugel wieder auf die leere Kartusche gesetzt. Dabei wurde sie nicht ausreichend befestigt. Sie löste sich von der Patrone und kullerte in den Lauf. Bis sie von der späteren Explosion der Platzpatrone in ein tödliches Geschoss verwandelt wurde.


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