HOME

Zlatko Trokovski: Einmal Star und zurück

Ein paar Monate lang war Zlatko Trpkovski der Star aus dem "Big Brother"-Container. Heute will niemand mehr etwas von ihm wissen. Nur er selbst glaubt noch an eine große Zukunft.

Er ruft an und sagt, dass er die Dinge zurechtrücken will. Etwas sei da schief gelaufen, etwas, das er jetzt richtig stellen wolle. »Diesen Proll-Zlatko aus dem Container, den gibt es nicht mehr«, sagt Zlatko. Und dann entsteht eine dieser unangenehmen Pausen, in denen man nicht weiß, wer jetzt eigentlich dran ist, etwas zu sagen. Nur ein schnelles Atmen, fast schon ein Hecheln ist am anderen Ende der Leitung zu hören. »Ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch. Weltoffen, neutral und auch ganz schön familiär«, sagt Zlatko in die Stille hinein. Mehr will er jetzt aber nicht erzählen, weil: »Du wirst es schon sehen, wenn du mich besuchen kommst.«

Zwei Tage später vor einem Mietshaus im Kölner Vorort Wesseling. Vergebens sucht der Besucher nach dem Namensschild »Zlatko Trpkovski« an der Klingel. Er habe es abgeschraubt, wird er später erzählen, weil die Fans ihm sonst die Bude einrennen würden. An diesem Nachmittag ist kein Mensch auf der Straße. Nur eine Rentnerin zerrt ihre Einkäufe auf einem Rollwagen nach Hause, und alle paar Minuten donnert ein Lastwagen vorbei ins nahe gelegene Industriegebiet.

Zlatko wohnt im zweiten Stock. Eine Vier-Zimmer-Durchschnitts-Wohnung. Mit Einbauküche und TV-Video-Hi-Fi-Schrankwand im Wohnzimmer. Hier lebt er zusammen mit seiner türkischen Freundin und »Big Brother«-Gefährtin Ebru, die er während der zweiten Staffel beim Besuch im Container kennen lernte. »Ruf kurz auf dem Handy an, damit ich weiß, dass die Luft rein ist«, hat Zlatko vor dem Treffen befohlen. Jetzt kommt man sich ein bisschen albern vor, wie man da vor der Tür steht, eine Handynummer wählt und der Türöffner summt, bevor es überhaupt geklingelt hat.

Zlatko trägt einen grauen Anzug, der nicht so recht passen will zu seinem aufgepumpten Bodybuilder-Körper. »Mensch, das klappt ja alles prima!«, ruft er und begrüßt einen überschwänglich, als hätte er schon sehr lange gewartet. Mit einem kräftigen Händedruck zieht er den Besucher hinein in die abgedunkelte Wohnung, wo die Rollläden halb heruntergelassen sind.

»Sie haben mich abgesägt, aber ich sehe das heute auch positiv«, sagt Zlatko als Erstes und lässt sich in einen der Ledersessel im Wohnzimmer fallen. Sie? »Na ja, du weißt schon«, sagt er und versucht seiner Stimme einen verschwörerischen Flüsterton zu geben. »Aber ich will mich nicht beschweren. Ich bin ein richtiger Baumstamm geworden. Michhaut jetzt nichts mehr um. Ich weiß jetzt, wo Fernsehen passiert. Jetzt, wo ich mein eigener Manager bin, geht alles einfacher.«

Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass der steile Aufstieg des 26-jährigen Zlatko Trpkovski in einem ebenso steilen Absturz endete. Ein paar schnelle Wochen lang hatte Zlatko, damals auch »The Brain« genannt, ganz Fernseh-Deutschland bei Laune gehalten. Plötzlich war da einer, der sich zur besten Sendezeit - beobachtet von 28 Kameras - alles erlaubte. Einer, der sich die Brusthaare schnitt mit einer Küchenschere und die Fußnägel am Küchentisch. Einer, der stolz verkündete, dass er noch nie ein Buch gelesen habe, und Shakespeare für einen Dokumentarfilmer hielt. Ein Proll-Held in Adidas-Trainingshose für die schweigende Masse vor den Fernsehapparaten.

Doch als Zlatko dann bei der Vorauswahl zum Grand Prix im letzten Frühjahr mit dürrer und schiefer Stimme »Einer für alle« ins Mikrofon jaulte, flogen Bierflaschen und Plastikbecher. Es war die öffentliche Hinrichtung der Medien-Figur Zlatko. Das tragische Aus eines zum »Kultstar« hochgejubelten arbeitslosen Industriemechanikers aus Nattheim bei Heidenheim, der am Ende seinem Publikum doch nicht mehr zu bieten hatte als schlechte Manieren, ein paar lockere Sprüche und seine beachtlichen Oberarmmuskeln.

Immerhin, eine Viertelmillion Euro konnte er mitnehmen. Eine Menge Geld für einen, der vorher Probleme hatte, seine Miete zu zahlen. »Als ich aus dem Container kam, haben sie mir gesagt: 'Zlatko, du wirst jetzt Millionär. Nimm alles mit, was du kriegen kannst.'« Er hat den Marketing-Managern geglaubt - und hat alles mitgenommen, was er bekommen konnte: eine eigene Talkshow namens »Zlatkos Welt«, die nach sieben Folgen von RTL eingestellt wurde, bis zu 10.000 Mark Honorar pro Interview, und eine Party-Gröl-Platte, wie sie Wolfgang Petri nicht besser hinbekommen hätte. Die findet man jetzt nur noch auf den Ramsch-Tischen der Supermarktkassen.

Heute könnte sich Zlatko seinen Traum erfüllen, für den er sich vor zwei Jahren freiwillig in den TV-Knast »Big Brother« einweisen ließ: eine eigene Autowerkstatt in seiner Heimatstadt Nattheim. Dem Showgeschäft einfach den Rücken kehren, das ihn zuletzt misshandelt hat wie einen ausrangierten Schlagerstar.

Doch für Zlatko gibt es kein Zurück mehr ins alte Leben. »Ich gehöre einfach ins Fernsehen. Jeder Mensch hat doch ein Talent, oder nicht.« Er schaut auf sein Stereo-Regal. Dort stehen ordentlich nummeriert die Cassetten seiner Show »Zlatkos Welt« und ein Video-Rohschnitt des Kinofilms »Mr. Boogie«, der es bis heute nicht ins Kino geschafft hat. Die »Bild«-Zeitung habe ihn kaputtgemacht. »Die haben geschrieben: «Kinobesitzer liefen entsetzt aus der Testvorführung», dabei war der Film noch gar nicht fertig. Es gibt bis heute nur einen Rohschnitt ohne Musik.«

Überall vermutet Zlatko eine Art Medien-Verschwörung.

Gegen ihn, den ehrlichen Star aus der schweigenden Masse, der es innerhalb von 39 Tagen im TV-Knast von ganz unten bis nach ganz oben schaffte. »RTL und die «Bild»-Zeitung sind mächtig. Wenn du denen mal ans Bein pisst, ist es aus«, weiß Zlatko. Selbst für seinen blamablen Grand-Prix-Auftritt hat er eine Theorie: »In dieser Welt ist alles voller Technik. Man braucht nur den Regler ein bisschen verdrehen, und schon klingt alles anders.«

Nun will er zusammen mit der Regisseurin Vesna Jovanoska, die auch schon »Mr. Boogie« verfilmte, eine Dokumentation über seinen Aufstieg zum Star drehen. Sagt er jedenfalls. »Ich könnte mir aber auch ein Reise-Magazin vorstellen oder Werbung wie Verona Feldbusch.« Denn das sei wirklich ein Traum, einfach viel Geld für ganz wenig Arbeit. Zlatko sagt das alles so, als würde er es wirklich glauben.

bringt.

Und dann stellt Zlatko die Frage, die das Gespräch zum Kippen »Oder hältst du mich etwa auch für einen Idioten?« Bevor man etwas antworten kann, springt er auf, so, als habe er Angst vor einer Antwort. Ja, es tue ihm leid, aber man müsse jetzt leider gehen, er habe noch ein paar dringende Termine.

Noch ein kurzer Blick von der Straße hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock. Zlatko hat die Rolläden ganz runtergelassen und alle Lichter gelöscht.

Hannes Ross

Themen in diesem Artikel