Henning Mankell exklusiv, Teil 4 "Vor 20 Jahren hätte ich verloren"


Henning Mankell veröffentlicht im aktuellen stern den vierten Teil seines Krebs-Tagebuchs: Die Tumoren sind kleiner geworden oder verschwunden. Dem Autor geht es besser.
Von Henning Mankell

Nach fast fünf Monaten ist die erste grundlegende Chemotherapie beendet. Das Ganze wird mit einer Woche intensiver Untersuchungen abgeschlossen. Ich bereite mich auf das Gespräch mit Doktor Bengt Bergman vor, mit der einzig möglichen Strategie: Auf das Beste hoffen und mich auf das Schlimmste gefasst machen.

Aber die Chemotherapie hat angeschlagen, erfahre ich um 10 Uhr 30 am Vormittag des 12. Mai. Einige meiner Tumore scheinen ganz verschwunden zu sein, andere sind kleiner geworden, teils mehr, teils weniger, es sieht so aus, als sei kein neuer hinzugekommen. Es gibt zwar bei Krebs keine Garantie, aber wo im Leben gibt es die? Für mich und meine Frau Eva bedeutet dies, dass eine Art Normalität, die zeitlos ist, zurückkehrt. An diesem Abend sitzen wir lange auf der Veranda, atmen aus und hören der Amsel zu, die auf dem Schornstein singt. Es ist eine ruhige, stille Freude. Wir müssen nicht reden. Die Amsel imitiert Bach. Ich selbst habe zuvor, ohne über die Stimme der Amsel zu verfügen, ein Loblied auf die Mitarbeiter des Sahlgrenschen Krankenhauses in Göteborg gesungen. Auf ihre Kompetenz, ihre Geduld, ihre ausgezeichnete Arbeit und auf ihre liebevolle Art im Umgang mit den Patienten.

Loblied auf die Krebsforschung

Ich habe aber eingesehen, dass ich auch ein Loblied auf die Krebsforschung anstimmen muss, auf die frühere, die gegenwärtige und die zukünftige. Ich möchte zwei unterschiedliche Beispiele anführen: Anfang der 1950er Jahre besucht der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein seinen Arzt in Oxford, wo er arbeitet. Er erhält folgenden Bescheid: "Sie haben Krebs. Sie sind unheilbar krank und haben nicht mehr lange zu leben."

Ludwig Wittgenstein soll die lakonische, aber absurd heitere Antwort gegeben haben: "Gut. Ausgezeichnet."

Dann stand er auf, kehrte in sein gemietetes Zimmer zurück und beschäftigte sich weiter mit seinen philosophischen Theoremen, bis er tatsächlich nicht allzu lange danach starb.

Die meisten Menschen reagieren natürlich nicht wie Wittgenstein. Sie hoffen auf Linderung und Heilung. Auf ein Leben, das verlängert und erträglich gemacht werden kann.

Beinahe monatlich neue Behandlungsmethoden

Das führt mich zu meinem zweiten Beispiel. Vor einigen Tagen rief ich meinen Freund G. in Umeå an, der vor bald zwanzig Jahren seine Frau durch eine ähnliche Krebserkrankung verloren hatte wie die, von der ich betroffen bin. Wir können am Telefon nur feststellen, dass sie heute die gleichen Möglichkeiten gehabt hätte wie ich, der Krankheit Widerstand zu leisten. Während ich der gleiche Verlierer gewesen wäre wie sie, wenn ich vor zwanzig Jahren erkrankt wäre.

Als ich mich im Verlauf meiner Behandlung mit der Geschichte der Krebsforschung beschäftigte, wurde mir klar, dass dies wirklich einer der Triumphzüge der menschlichen Beharrlichkeit ist. Es hat heute den Anschein, als kämen fast jeden Monat neue Behandlungsmethoden hinzu, wie beispielsweise immer exakter wirkende Chemotherapeutika, Medikamente, die gezielt gegen jeweils bestimmte Typen karzinogener Veränderungen eingesetzt werden. Ich weiß von Doktor Bergman, der selbst einen Teil seiner Zeit der Forschung widmet, dass es einen enormen Arbeitsaufwand erfordert, sich angesichts dieser Entwicklung auf dem Laufenden zu halten.

Es ist natürlich leicht einzusehen, dass so viel qualifizierte Forschung betrieben wird. Der Pharmaindustrie winken große potentielle Gewinne. Der Traum, den Krebs auszurotten, ist noch immer ein sehr fernes Ziel. Dennoch zeigt die Praxis, welch glänzende Teilerfolge die ganze Zeit erreicht werden.

Natürlich muss ich glauben, dass bei dem einzelnen Forscher oder dem Team, in dem er oder sie tätig ist, ein grundlegender humanistischer Ausgangspunkt existiert, der sich um das Wohlbefinden des Patienten und das Recht auf Leben, solange es möglich ist, dreht. Davon bin ich überzeugt.

Krebsfonds in Schweden sehr wichtig

In Schweden ist die Arbeit des Krebsfonds und des Kinderkrebsfonds von entscheidender Bedeutung für diese Forschung. Natürlich trägt der Staat mit erheblichen Mitteln zur gegenwärtigen Krebsforschung bei. Doch die Spenden, sei es von Einzelpersonen, sei es von Unternehmen, spielen eine wichtige Rolle für diese Arbeit, die fortgeführt werden muss, bis alle Ziele erreicht sind.

Ich weiß nicht, wie es um mich stände, wenn es die Forschung nicht gäbe. Einfacher kann man es nicht sagen.

Jetzt kann ich am Abend dasitzen und die Amsel singen hören. Und an die Forscher denken, die mit ihrer Arbeit zu diesem allen beigetragen haben.

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt print

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