HOME

Henning Mankell exklusiv: Bin ich noch die gleiche Person wie früher?

Henning Mankell veröffentlicht im stern sein Krebs-Tagebuch. Nach acht Monaten mit der Krankheit blickt Autor zurück: Wie hat ihn die Lebenskatastrophe verändert?

Von Henning Mankell

Henning Mankell im Juni 2010. Damals ahnte er noch nichts von der Diagnose, die ihn zeitweise psychisch aus der Bahn werfen würde.

Henning Mankell im Juni 2010. Damals ahnte er noch nichts von der Diagnose, die ihn zeitweise psychisch aus der Bahn werfen würde.

In diesem September ist es acht Monate her, seit ich meine Krebsdiagnose erhielt. An einem regnerischen Abend nach dem Ende dieses heißen Sommers entschließe ich mich zu einer Standortbestimmung. Wo stehe ich heute? Mit meiner Krebserkrankung und meinen Therapien? Wie gehe ich damit um, was passiert ist? Wie fühle ich mich? Sowohl körperlich als auch in meinem gefühlsbestimmten Bewusstsein? Das wir manchmal auch Seele nennen?

Über meine Therapien habe ich bereits geschrieben, genauso wie über meine Reaktionen, und, nicht zuletzt, über meine große Bewunderung für die Mitarbeiter des Sahlgrenschen Krankenhauses, denen ich begegnet bin. Es ist nichts passiert, was meine Meinung geändert hätte. Wenn ich schon an Krebs erkranken musste, bin ich froh, dass es in Schweden passiert ist.

Das schwedische Gesundheitswesen steht ständig in der Kritik und leider ist diese Kritik sicher auch oft berechtig. Von Zeit zu Zeit ein etwas anderes Bild zu zeichnen ist jedoch auch wichtig. An die zahlreichen Mitarbeiter, mit denen ich zu tun hatte, verteile ich Bestnoten. Auch der Standard bei Instrumenten, Apparaten und Labors ist offenbar sehr hoch.

Wie hat mich diese Lebenskatastrophe verändert?

Aber wo stehe ich selbst nun? Seine Krankheit teilt man im Grunde mit keinem. In mir hält der Tumor still oder auch nicht.

Während des heißen Sommers habe ich auf der Terrasse gesessen und aufs Meer geschaut, wenn ich nicht am Schreibtisch saß und an dem Buch arbeitete, das in diesem September erscheinen soll. Ich habe das Meer betrachtet, das sich laufend verändert, und mich gefragt: Wie hat mich diese Lebenskatastrophe, die mich vor acht Monaten ereilte, verändert? Habe ich mich überhaupt verändert? Oder bin ich noch die gleiche Person wie früher? Was geschieht mit der Identität eines Menschen, wenn er von einer schweren Krankheit heimgesucht wird?

Die Antwort, die mir heute am natürlichsten erscheint, lautet, dass heute alles in meinem Leben vor dem Hintergrund meiner Krebserkrankung geschieht. Alles, was ich tue oder nicht tue, erfolgt in Abwägung zu der Krebserkrankung, die sich die ganze Zeit in meinem Körper verbirgt.

Der Schriftsteller Per Olov Enquist sprach vor einigen Jahren die klugen Worte: "Eines Tages werden wir sterben. Aber an allen anderen Tagen werden wir leben." Wenn ich diesen Worten ein Zitat zur Seite stelle, das ich in einer Autowerkstatt las, als mein Wagen zu einem Ölwechsel dort war, wird das Bild noch deutlicher. Dort stand: "Nimm das Leben nicht zu ernst. Du kommst ohnehin nicht mit dem Leben davon."

Das Leben ist eine ernste Angelegenheit

Mit dem Zitat aus der Autowerkstatt bin ich natürlich nicht ganz einverstanden. Das Leben ist eine ernste Angelegenheit. Man kann nicht einen Schritt zurückgehen und wieder von vorne anfangen. Es gibt keinen Bonus, dass man noch einmal würfeln darf. Das Leben wird vorwärts geführt, nicht im Stillstand oder rückwärts. Dennoch ist an dem Zitat etwas dran! Viele Menschen führen ein mir unverständliches Leben. Als würden sie ewig leben.

Aber ich kritisiere niemanden. Jeder trifft seine Wahl. Diese beiden Zitate sind Worte, die ich still, innerlich fast täglich wiederhole. Mein Leben gehört mir und kann nur von mir gelebt werden.

Ich weiß nicht, wie lange ich mit dieser Krankheit überleben werde. Sie ist unheilbar. Ich werde sie nie mehr los. Die entscheidende Frage ist, wie lange die Medikamente, die ich nehme, dem Krebs Widerstand leisten und ihn in Schach halten können. Das weiß keiner, weder ich, noch meine Ärzte. Wirklich sicher können wir uns nur in einem Punkt sein. Dass meine Aussichten heute unendlich viel besser sind, als sie es vor 15 oder 20 Jahren gewesen wären.

Es gibt keine Garantien

Die Entwicklung der Krebstherapien ist schwindelerregend. Ich kann heute noch viele, viele Jahre leben, wohingegen gerade meine Diagnose früher auf eine kurze Überlebensdauer hindeutete.

Die Chemotherapie ist allerdings zugleich Erlöser und Vandale. Sie schlägt gegen die kranken Zellen genauso zu wie gegen die gesunden. Das merkte ich in diesem Sommer, als sich auf einmal herausstellte, dass meine Nieren unter den Krebsmedikamenten litten. Einen guten Monat lang wusste ich nicht, ob die Probleme mit den Nieren sich als chronisch und irreparabel erweisen würden. Was fatal gewesen wäre.

Nach wiederholten Röntgenuntersuchungen und Blutproben erkannten die Ärzte, dass sie sich soweit erholt hatten, dass meine Chemotherapie fortgesetzt werden konnte. Es war ein Tag, an dem große Erleichterung herrschte.

Aber es gibt keine Garantien. Keiner weiß, ob die Probleme wiederkehren. Oder ob auf einmal andere Nebenwirkungen auftauchen.

Man kann Widerstand leisten

Ich denke jedoch nie, dass ich von etwas lebe, was man "geliehene Zeit" nennen könnte. Diese Zeit existiert für mich nicht. Ich denke, dass die Zeit, die mir bleibt, ausschließlich mir gehört. Wie lange sie bemessen ist, weiß ich nicht. Ich versuche, möglichst nicht daran zu denken, weil es sinnlos ist, und weiterzuleben, als wäre alles normal.

Andererseits weiß ich, dass die größte Gefahr in meinem Leben und dem anderer Krebskranker darin besteht, sich Illusionen hinzugeben. Ich werde niemals gesund werden. Aber ich kann so lange leben, dass ich am Ende an etwas anderem sterbe als an dem Krebs in meinem Körper.

Das mag sich jetzt anhören, als würde ich das Ganze mit großer Gelassenheit betrachten, was in gewisser Weise wohl auch stimmt. Gleichzeitig gibt es jedoch auch düstere Tage, an denen die Stimme, mit der ich zu mir selbst spreche, mit einem Trauerflor behaftet ist. Tage, die schwer sind, mutlos. Dann heißt es, die Zähne zusammenzubeißen und sich zu anderen Gedanken zu zwingen. Meistens klappt das ganz gut. Selten sind die Tage, an denen die Sorge die Oberhand gewinnt. Meistens bin ich stärker als die dunklen Kräfte, die versuchen, mich in den mentalen Abgrund hinabzuziehen. Man kann mit Krebs leben. Man kann Widerstand leisten. Nichts ist jemals zu spät. In gewisser Weise ist immer noch alles möglich.

Bei meiner Standortbestimmung an diesem feuchtnassen Septemberabend geht es letztlich um das, was mir der Krebs nicht genommen hat. Weder meine Lebensfreude noch die Neugier darauf, was der morgige Tag bringen wird.

Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Themen in diesem Artikel