HOME

Letztes Treffen mit dem Bestseller-Autor: Meine Erinnerungen an Henning Mankell

Einige Wochen vor dessen Tod traf stern-Redakteur Stephan Draf den Autor Henning Mankell. Er erinnert sich an einen Mann, der von seiner Krebserkrankung gezeichnet war, aber nicht sterben wollte.

Angst, sagte er, als wir uns Ende August trafen, Angst habe er nur davor, so lange tot zu sein. Ein kindischer Gedanke, fügte er hinzu, und ein kleines Lächeln erhellte sein Gesicht. Wirklich kindisch, er wisse ja, dass im Tod kein Empfinden, kein Bewusstsein mehr sei, und deshalb auch keine Angst. Trotzdem, in den langen Nächten der ersten Wochen nach der Diagnose, sei ihm dieser Alb immer wieder erschienen. "Zu leben heißt, Ja oder Nein sagen zu können. Tot zu sein heißt, von Schweigen umschlossen zu sein", so schreibt er es in seinem letzten Buch "Treibsand".

Am Morgen des Interviews war ich nervös. Hatte Angst vor der Begegnung mit einem Schwerkranken, den ich nie zuvor getroffen hatte. Fühlte mich auch klein, vor diesem literarischen Schwergewicht, 40 Millionen verkaufte Bücher, lieber Himmel. Er könne schon auch schroff sein, hatte man mir gesagt. Also tigerte ich durch die Lobby des Göteborger Hotels, wartete auf Mankell und seinen Agenten. Stellte mich schließlich vor den Eingang. Wenn ich ihn so persönlich abhole, dachte ich, dann beginnt das Gespräch auf einer sympathischen Note, dann wird es leichter.

Sie kamen nicht. Nicht um 13 Uhr, wie verabredet. Nicht um 13.15 Uhr. Um 13.20 Uhr kam der Concierge mit strengem Blick aus dem Gebäude gerannt, griff mich am Arm, und sagte: "Herr Mankell fragt, wo Sie bleiben." Sie waren durch den Hintereingang gekommen, klar, sie wollten Aufsehen vermeiden, er war hier noch berühmter als anderswo. Als wir uns die Hände schüttelten, streifte mich sein Blick nur. Er sah so müde aus.

Erste Frage auf Deutsch

Später, oben im Interviewraum, lehnte er alle Getränke ab. Bot dafür an, dass ich auf Deutsch fragen könne, er verstehe die Sprache ja sehr gut, nur antworten müsse er auf Englisch - "sorry", sagte er, leise. Wir haben das Interview schließlich auf Englisch geführt, nur die erste Frage stellte ich auf Deutsch, auch weil mir das englische "How are you?" zu flapsig erschien. Also: "Herr Mankell, wie geht es Ihnen?" "Gut", sagte er, "gut". Ich sah ihn an, den weißen Flaum um seinen von der Chemotherapie kahlgeschorenen Kopf, sah das wohl vom Cortison so faltenlose Gesicht. Die Augen. "Ich habe keine Schmerzen", sagte er.

Ich hatte zwei eng betippte Seiten mit Fragen mitgebracht, bei jedem anderen hätten wir mindestens zwei Stunden gebraucht, um sie abzuarbeiten. Mit Henning Mankell dauerte es exakt 58 Minuten, er war hochkonzentriert, seine Antworten waren, hinterher, beim Aufschreiben merkt man das, sämtlich druckreif. Am Ende hatte ich einen Menschen kennengelernt, der nicht sterben wollte. Er wollte leben, so lange wie möglich.

Ausführlich haben wir dann über etwas gesprochen, das mich beim Lesen von "Treibsand" sehr berührt und beschäftigt hatte: Mankell beschreibt das Bild eines Pastoren samt seiner Familie aus dem 18. Jahrhundert, das Gemälde hängt in einer Kirche, nur 30 Kilometer von Göteborg entfernt. Man sieht den Pastoren, seine Frau, ihre 15 Kinder. Sechs von ihnen waren schon tot, als das Gemälde entstand, der Künstler hatte sie trotzdem auf die Leinwand gebannt, man sieht nur kleine Teile von Ihnen, einen Haaransatz, die Augen. Mankell erklärte mir, dass dieses Bild für ihn vor allem die Botschaft trage: "Das Leben, die Welt ist unsere Bühne, so wie Shakespeare es gesagt hat. Verstehen Sie: Diese Kinder wollten nicht verschwinden." Wir hätten nur diese eine Chance, zu strahlen. Zu unseren Lebzeiten. Jetzt oder nie.

Authentisch unstolz

Ja, Herr Mankell, darüber wollen wir reden, ihr Leben, ihre Bühne, sagte ich. Wir stritten uns sogar etwas, weil er zunächst eine ganz andere Art von Hinterlassenschaft diskutieren wollte, die er als Last empfand. Tausende Tonnen nuklearen Abfalls, die noch in 100.000 Jahren strahlen - er empfand das als Kollektivschuld seiner, unserer Generation. Ich sagte, Herr Mankell, das kann doch nicht alles sein, was Ihnen beim Nachdenken über das Danach einfällt, was Sie sagen, wenn wir über Vermächtnisse reden. Denken Sie an Ihre Bücher, mit denen Sie Millionen berührt und, natürlich, unterhalten haben. Denken Sie an Ihre Arbeit in Mosambik, an das Theater, das Sie aufgebaut haben, an ihr Engagement für Afrika, das soviel mehr bewirkt hat als Abertausende Euro Entwicklungshilfe. Er war dann im Verlauf des Gesprächs so authentisch unstolz auf das, was er geleistet hatte - ich konnte das nur schwer nachvollziehen: Nein, er habe das Theater gar nicht gegründet, es sei schon da gewesen, er sei auf einen - wenn auch nur langsam fahrenden - Zug aufgesprungen. Glücklich sei er, dass das Theater auch ohne ihn weiterbestehen könne, "problemlos", sagte er, soviel dazu.

Am Ende fragte ich ihn, ob es stimme, dass er nicht im Dunkeln einschlafen könne, seit sein Vater des Nachts in seinem Kinderzimmer mit einem Schlaganfall zusammenbrach. Er überlebte, aber das Erlebnis prägte den damals zehn Jahre alten Mankell für immer. Ja, sagte er im August, wieder dieses Lächeln, das stimme, ein kleines Licht müsse schon da sein, immer, jede Nacht.

Dann standen wir auf, 58 Minuten waren vergangen, eine Stunde Interviewzeit war vereinbart, zwei Minuten hätten wir noch gehabt. Ob ich noch Fragen hätte, sagte er. Ich war blank. Nein, haben Sie vielen Dank für Ihre Konzentration, sagte ich. Ob ich ihm eine Mail schicken könne, wenn mir beim Aufschreiben des Gespräches noch eine Frage in den Sinn käme. Schicken Sie die Mail an Robert, meine Agenten, ich bin manchmal schwer erreichbar, sagte er.

Jetzt ist er im Dunkeln. Ich hoffe, er hat keine Angst. 

Stephan Draf