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"Pariser unter der Besatzung": Nazi-Propaganda in Paris

Eine Ausstellung bislang unbekannter Fotos über das von den Nazis besetzte Paris sorgt derzeit für Zündstoff in Frankreich. Das Besondere: Die einzigartigen Farbbilder des Franzosen André Zucca entstanden als Propagandafotos im Auftrag der Nazis. Kritiker fordern bereits das Ende der Schau.

Von Iris Hartl

Die Bilder, die die Bibliothèque historique in Paris restauriert und nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, sind für viele ein absoluter Affront - 270 Farbfotografien des bislang völlig unbekannten Franzosen André Zucca, die in der Ausstellung "Les Parisiens sous l'occupation" ("Die Pariser unter der Besatzung") zu sehen sind. Sie zeigen ein durch die nationalsozialistische Brille betrachtetes Paris - die Bewohner der Hauptstadt beim Einkaufen, Spaziergang oder gemütlichen Kaffeekränzchen. Keine Spur vom täglichen Überlebenskampf und dem Hass auf die deutschen Besatzer.

Die unerträglichen Aspekte der Besatzung wurden von Fotograf Zucca (1897-1973) bewusst ausgeblendet. Seine Aufnahmen entstanden zwischen 1940 und 44, einer Zeit also, in der es in Frankreich organisierten Widerstand gab, die Bevölkerung unter Lebensmittelnotstand zu leiden hatte und Exekutionen an der Tagesordnung waren. Davon ist bei Zucca allerdings nichts zu sehen. Die Pariser, die er auf seinen Fotos präsentiert, vermitteln den Eindruck, als sie seien sie mit der Nazi-Herrschaft durchaus einverstanden.

Farbfotos für die SS

Diese Art der Darstellung kommt nicht von ungefähr. Denn André Zucca machte die Aufnahmen im Auftrag des deutschen Magazins "Signal", dem Propagandaorgan von Wehrmacht und Waffen SS. Nur so kam er auch an Farbfilme heran, die damals so gut wie nicht zu bekommen waren. Zucca war also ein "Kollaborateur" - einer der mit den Nazis zusammenarbeitete.

Er scheute sich nicht, Hakenkreuzfahnen und Propagandaplakate mit Aufschriften wie "Komm nach Deutschland zum Arbeiten" zu fotografieren. Nur tut er dabei eben so, als fänden die Pariser nichts dabei. Auf einem Bild sieht man zum Beispiel ein Liebespaar im Park sitzen, und auf dem Nebentisch liegt eine Ausgabe der Propagandazeitschrift "Signal". Ein anderes zeigt einen Schuhladen, dessen Schaufenster ein Portrait des Marschalls Philippe Pétain ziert. Dieser hatte nach einem Treffen mit Hitler im Oktober 1940 offiziell die deutsch-französische Zusammenarbeit verkündet.

Am meisten erstaunt die Ausstellung durch das Paradox, dass Paris zugleich wie immer und doch ganz anders zu sein scheint. Die Orte, an denen die Aufnahmen entstanden sind, kann ein Kenner der Stadt auf den ersten Blick identifizieren. Da sind der Eiffelturm, der Triumphbogen, Sacré Coeur und viele andere Bauwerke und Etablissements, die es in Paris heute noch gibt. Aber dann stößt man auf die deutsche Prägung, die sofort ein unangenehmes Gefühl der Fremdheit und des Missbehagens beim Betrachter hervorruft.

Der gelbe Stern sticht hervor

Dieser Eindruck wird besonders stark, wenn man sich die Fotos ansieht, die Zucca im jüdischen Viertel Marais gemacht hat. Der gelbe Stern an der Kleidung der Bewohner sticht auf den Farbfotos sofort ins Auge. Das Tragen dieser Zwangskennzeichnung wurde am 29. Mai 1942 von der Regierung verordnet, die Judenverfolgung setzte jedoch schon mit dem Beginn der deutschen Besatzungszeit ein. Die Tatsache, dass die aktuelle Ausstellung ausgerechnet im Marais-Viertel stattfindet, empfinden viele als Provokation.

Neben den politischen Symbolen war die Nazibesatzung in der französischen Hauptstadt vor allem kulturell spürbar. Da waren etwa die Soldatenkinos, in denen Filme wie "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" mit Hans Albers und Ilse Werner gezeigt wurden. Vor der Opera Garnier gaben deutsche Militärkapellen Marschmusik für die Passanten zum Besten. Die Statuen von Arno Breker, dem Lieblingsbildhauer der Nationalsozialisten, konnten im Börsengebäude bewundert werden, und Richard Wagners "Tristan und Isolde" gehörte zu den am häufigsten aufgeführten Opern.

Lustige Landser in Bordellen?

Zuccas Fotos illustrieren zudem das Thema "Paris bei Nacht" - mit diesem deutschen Begriff bezeichneten die Franzosen das Nachtleben der Wehrmachtsleute, die sich mit "leichten" Französinnen in Kabaretts und Bordellen vergnügten.

Insgesamt zeichnete André Zucca ein Paris der Lebensfreude und Sorglosigkeit. Die Wehrmachtssoldaten vermischen sich bei ihm recht ungezwungen mit der Pariser Bevölkerung, vergnügen sich abends gemeinsam, gehen sonntags in den Gottesdienst oder auf den Flohmarkt und in den Zoo. Das ruft einen falschen Eindruck von Banalität hervor, alles Unvorteilhafte wird vertuscht, wie Kritiker meinen. Der französische Historiker Marc Ferro weist zum Beispiel darauf hin, dass Zucca die Beine von Frauen bewusst nur fotografierte, wenn sie Seidenstrumpfhosen trugen, die damals nur sehr schwer zu bekommen waren. Weil die Damen trotzdem verführerisch sein wollten, malten sie sich, laut Ferro, aus der Not heraus ihre Beine mit Pinseln an, um einen "Strumpfhoseneffekt" zu erzielen.

Einige Politiker und Intellektuelle kritisieren nun, die Ausstellung weise nicht genügend darauf hin, dass es sich um Bilder eines Kollaborateurs handelt. Die Pariser Bibliothèque historique hat inzwischen auf Weisung der Stadt ein Flugblatt erstellt, das den Entstehungshintergrund der Bilder genau erläutert. Der Zettel wird jedem Besucher am Eingang in die Hand gedrückt.

Kontroverse um die Propagandabilder

Doch manchen ist das noch nicht genug. Der Sozialist und stellvertretende Bürgermeister Christophe Girard hat dem "Journal du Dimanche" gegenüber etwa erklärt, dass ihm beim Anblick der Propagandabilder "das Kotzen komme" und er sich den sofortigen Stopp der Ausstellung wünsche. Doch der hohe historische und kulturelle Wert der Sammlung sollte trotz aller Kritik nicht ignoriert werden. Es handelt sich immerhin um die einzigen Farbfotos, die die Zeit der deutschen Besatzung dokumentieren. Sollten die Gegner sich jedoch durchsetzen, könnte die Ausstellung noch vor dem offiziellen Ende am ersten Juli vorbei sein.

Für diejenigen, die die Schau schon gesehen haben, bleibt neben dem bitteren Beigeschmack eine wichtige Frage offen: Was veranlasste André Zucca letzten Endes dazu, im Namen der Besatzer die Realität so zu verfälschen? War es materielle Not oder tatsächlich ideologische Überzeugung? Auf jeden Fall musste der Fotograf für seine Zusammenarbeit mit den Nazis bereits 1944 büßen. Er wurde festgenommen und musste 1945 Paris verlassen. Vor seinem Tod 1973 hat er seine Bilder noch geordnet und hinterlässt damit ein umstrittenes Zeugnis deutsch-französischer Geschichte.

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