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Balthus-Werkschau im Museum Ludwig: Erotischer Provokateur

Seine Leidenschaft für knabenhafte Mädchen leugnete er nie, mit anzüglichen Bildern verführerischer Kindfrauen wurde er weltberühmt. Dem polnisch-französischen Maler Balthus widmet das Kölner Museum Ludwig jetzt die erste Werkschau in Deutschland.

Von Almut F. Kaspar

Einzelgänger. Außenseiter, Sonderling. Der Maler Balthus - bürgerlich: Balthazar Klossowski - war ein Lebemann, der sich wenig um das scherte, was man über ihn dachte, was man über ihn redete. Ein hochbegabter Künstler, ein exzentrischer Provokateur. Einer, der ganz in seiner Welt lebte und unaufhörlich am einzig "wahren" Bild arbeitete. Balthus war befreundet mit Federico Fellini, Pablo Picasso, Joan Miro, Salvador Dali. Von dem Kunsthändler Pierre Matisse ließ er sich gelegentlich finanziell unterstützen, um seinen luxuriösen Lebensstil bezahlen zu können. Für Albert Camus entwarf er Bühnenbilder und Kostüme. Als Balthus, geboren am 29. Februar 1908, im Februar 2001 in der Schweiz starb, standen an seinem Grab zahlreiche Prominente, darunter Rockstar Bono von U2 , das Fotomodell Elle Macpherson und Prinz Sadruddin Aga Khan.

Balthus hinterließ insgesamt 350 Gemälden und 1600 Zeichnungen, ein für sein langes Schaffen relativ schmales Werk. In seinem eigenwilligen figurativen Malstil porträtierte der exzentrische Maler vor allem Mädchen - junge und fast knabenhafte Kindfrauen in zweideutigen, meist anzüglichen Posen, scharf an der Grenze zur Pornografie. Immerhin: Kein deutsches Museum ist im Besitz eines Balthus-Werks. Und die Kunstgeschichte hat sich bislang mit Balthus nur marginal beschäftigt.

Geschichten von Zärtlichkeit

Jetzt hat das Kölner Museum Ludwig dem polnisch-französischen Maler eine große Einzelschau (bis 4. November) gewidmet, die einen umfassenden Überblick über das Werk des Künstlers zwischen 1932 und 1960 bietet. 25 Bilder und 50 Zeichnungen zeigt das Museum in seinem ambitionierten und gewagten Ausstellungsprojekt "Balthus - Aufgehobene Zeit", das der Kuratorin Sabine Rewald vom Metropolitan Museum in New York zu verdanken ist.

Balthus' Bilder erzählen Geschichten von Zärtlichkeit, kindlicher Nostalgie und Liebe. Sie deuten Geschichten nur an, ohne sie zu erzählen. Seine Darstellungen kindlicher Mädchenkörper führen ohne Zweifel in einen Grenzbereich des sittlichen Empfindens. Seine Bilder sind unbequem in ihrer Direktheit, machen es dem Betrachter nicht leicht, sich ihrem erotischen Sog zu entziehen. Der Maler führt nicht nur sich selbst in Versuchung, sondern macht auch aus seinem Publikum unfreiwillige Voyeure, die visuell auf glattes Eis und manchmal auch auf verbotenes Terrain geraten können. Balthus’ Bilder verwirren und verstören, wenn wir neugierig diese unschuldig-lasziv posierenden jungen Mädchen anschauen, die scheinbar ausdruckslos und unbeeindruckt dem Maler Modell gestanden haben. Wahrscheinlich ist es genau dieser Reiz: ohne Risiko einen sexualisierten Blick auf diese Kindfrauen werfen zu dürfen.

Vor allem deshalb sind Balthus' Arbeiten umstritten, auch heute noch - oder gerade heute. Sie ziehen an und stoßen ab, hinterlassen in uns das ungute Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Wer die Balthus-Bilder sieht, wird sich fragen: Mache ich mich schuldig, wenn ich aufgewühlt bin von so viel unschuldiger Erotik? Ist die erotische Ausstrahlung der Bilder wirklich so unschuldig? Balthus selbst nahm nie Stellung zu seinen Bilder, sah auch keinen Anlass zur Rechtfertigung. Den Vorwurf, seine Bilder hätten immer wieder Züge der verführerischen Nabokov'schen Lolita, ignorierte er. Einseitigen Bildinterpretationen begegnete er gelassen.

Balthus kam 1908 als Sohn des polnischen Kunsthistorikers und Theatermalers Erich Klossowski und seiner Frau, der deutschen Malerin Elisabeth Dorothea Klossowski, in Paris zur Welt. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges musste die Familie Frankreich verlassen und zog nach Deutschland um, nach Berlin, wo Mutter Klossowski einen beliebten Kunstsalon führte. Nach der Trennung von ihrem Mann siedelte sie mit ihren beiden Söhnen Balthazar und Pierre in die Schweiz über, zuletzt nach Genf, wo sie die Geliebte des Dichters Rainer Maria Rilke wurde. Rilke, der die künstlerische Begabung Balthazars früh erkannte und förderte, wurde dessen Patenonkel und gab ihm den Kosenamen Balhusz, aus dem Balthazar später seinen Künstlernamen machte.

Als der 26-jährige Balthus 1934, nach der Militärzeit in Marokko, seinen legendären Einstand in der Pariser Galerie Pierre gab, blieb der Skandal nicht aus. Seine sieben großformatigen Gemälde zeigten zwar traditionelle Motive wie eine Straßenszene, die Musikstunde oder das Mädchen am Fenster, aber die Bilder waren gespickt mit provokanter Erotik und riefen bei so manchem Besucher höchste Empörung hervor. Die Presse stürzte sich mit Vergnügen auf den "leidenschaftlichen Nymphomanen". Balthus war beglückt: "Das ist nun der Aufstieg meines Sterns." Der Maler hatte sich seine eigene Vita kreiert und soll munter erfunden und gefälscht haben. So ist mit der Zeit zum Beispiel aus dem bürgerlichen Balthazar Klossowski irgendwann einmal Graf Balthazar Klossowski de Rola geworden.

Katzenhafte, geschmeidige Wesen

Balthus kümmerte sich herzlich wenig um das Gerede um ihn herum. Nichts hat er ausgelassen und kein Hehl aus seiner Leidenschaft für junge Mädchen gemacht. Zeit seines Lebens waren es auch diese Kindfrauen aus dem unmittelbaren privaten Umfeld, die er auf seine Leinwände bannte. Katzenhafte, geschmeidige Wesen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Insbesondere Therese Blanchard, die zehnjährige Tochter seines Pariser Nachbarn, hatte es ihm angetan.

Sein Gemälde "Therese, träumend" von 1938 ist anrührend schön, berührt unsere Sinne und - stößt uns ab. Das heranwachsende Mädchen räkelt sich lasziv mit geschlossenen Augen, sein knallroter Rock ist weit, viel zu weit über den Oberschenkel gerutscht und zwingt den Blick zwischen ihre Beine, auf ein strahlend weißes Stückchen Stoff. Seine Arme hat es über dem seitlich geneigten Kopf verschränkt, eine Pose, die zwar entspannt und unverkrampft wirkt, die aber ganz und gar nicht unschuldig wirkt. Zumal in der unteren Bildmitte sich ein kleines Kätzchen voller Genuss an einem Schälchen Milch labt.

Mit solchen Bildern ist Balthus berühmt geworden. Mit solchen Bildern hat er sich einen zweifelhaften Ruf erworben, den er bis zu seinem Tode nicht mehr losgeworden ist. Es gibt eine Fan-Gemeinde, die bis heute auf sein Anwesen in der französischen Schweiz pilgert, um dem verstorbenen Künstler zu huldigen. Zu Lebzeiten des Malers gehörte auch David Bowie zu seinen Bewunderern, besuchte den greisen Balthus oft in seinem Haus in Rossiniere, wo er seit 1977 zurückgezogen lebte. Und Jonathan Meese, das Enfant terrible der neuen deutschen Malerei, bezeichnet Balthus als einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er bewundert ihn für dessen Radikalität - und vor allem dafür, dass er sich, anders als seine Künstlerkollegen, mit seinen erotischen Provokationen aus der Kunstgeschichte "herausgeschrieben" habe.