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Biennale: Baustelle Deutschland

Mit der Biennale in Venedig startet die europäische Kunstszene in eine große Sommersaison. In Venedig geht es erst einmal um Baustellen, Trennungsdramen und junge Männer als Accessoires.

Von Silke Müller, Venedig

Sie stieg die Treppe hinauf, lächelte leicht gequält ohne den Mund zu öffnen und nestelte nervös am aufgeknöpften Dekolleté. "Tracey, bist Du tätowiert?" rief ein englischer Fotograf. Tracey Emin deutete auf ihren rechten Oberarm. Nein, das cremefarbene Jackett wollte sie nicht ausziehen, beim Fototermin vor dem britischen Pavillon. Da halfen auch die üblichen Tricks vom roten Teppich nicht, kein Pfeifen, kein Johlen, keine "Tracey! Tracey!"-Rufe.

Die 52. Biennale von Venedig hat ihren Star - wenn auch nur mangels Konkurrenz: Hätte Tracey Emin, 43, nicht mehrfach ihren gold-schwarzen Spitzen-BH blitzen lassen, der erste Tag der VIP-Vorbesichtigung wäre so spannungslos verpufft wie ein überreifer Kartoffelbovist. Die Präsentation der einst provokationsfreudigen Brit-Künstlerin indes geriet so wohlgeordnet und klassisch, so aufgeräumt wie fast alles, was die nationalen Pavillons in diesem Sommer aufbieten.

Das deutsche Haus als Baustelle

Selbst Deutschlands Szene-Liebling Isa Genzken, 59, greift zwar tief in die Trash-Kiste, liefert aber brav aufgestellte Objekt-Anordnungen, die den mächtigen deutschen Pavillon irgendwie leer erscheinen lassen. Inhaltlich und formal unentschieden - bleibt die Möglichkeit, das deutsche Haus als Baustelle zu deuten: außen eingerüstet mit orangeroter Kunststoff-Gitterfolie, innen eine graue Plane auf dem Fußboden, darauf periphere Objekte, die ihre Bestimmung noch nicht gefunden haben. Eine Übergangslösung.

Kraftvoller und im ästhetischen Zusammenspiel geradezu perfekt präsentiert sich der Schweizer Pavillon mit Beiträgen von Christine Streuli, 32, und Yves Netzhammer, 37. Ein überwältigendes Allover von farbsatten Bildern auf Wandgemälden von Streuli zeigt, wie aufregend Malerei sein kann, die sich nicht einer gefälligen Inhaltlichkeit hingibt. Netzhammer bettet seine Computeranimationen ebenfalls in eine Wandmalerei und setzt seine reduzierte Symbolästhetik auch auf der Wand gewohnt perfektionistisch um. Wie einen elektronischen Adam schickt er seinen "Parallelkörper" auf die virtuelle Reise in eine sich entwickelnde Welt, lässt sie in "problematische Zonen" vordringen, wo sie "mit dem Anderen konfrontiert wird und sich sozialisiert". Ein großer intellektueller Überbau, simpel und gleichzeitig anrührend dargestellt - Netzhammer schafft es, die Besucher gute 40 Minuten vor seinen Projektionen zu halten, was wäre eine größere Bestätigung für seine Arbeit?

Inszenierung einer Trennungsoper

Während draußen auf dem Canal Grande Liebespaare im Sonnenschein herumgondeln, zelebriert Sophie Calle, 53, im fensterlosen französischen Pavillon eine großartige Trennungsoper. "Pass auf Dich auf" lautete der letzte Satz eines Email-Abschiedsbriefs, den ihr der Geliebte geschickt hatte. Calle gab den Brief 102 Frauen, die ihn analysieren, interpretieren, kommentieren oder auch aufführen, zusammenfassen, sich über ihn lustig machen, ihn verwandeln, entzaubern und somit schließlich den Schmerz der Verlassenen in einem aus vielen Stimmen und lebensklugen Gedanken gewobenen Netz auffangen. Hätte nicht schon bei der vorigen Biennale Frankreich mit Annette Messager den Goldenen Löwen bekommen, könnte man glatt auf Sophie Calle als diesjährige Favoritin setzen.

Biennale-Kurator Robert Storr überrascht zum Auftakt seiner großen Schau "Denke mit den Sinnen - Fühle mit dem Verstand. Kunst in der Gegenwart" mit einem engagierten politischen Auftakt. Im venezianischen "Arsenale", dem alten Marine-Gelände mit den langgestreckten Hallen der Corderie (Seilerei) beginnt er sein Statement mit Werken, die sich den brennenden Themen der Zeit widmen. Migration, Globalisierung, Nahost-Konflikt, Diktaturen, Menschenrechte, alles dabei. Auch wenn die Arbeiten in sich überzeugen, kommt der Auftakt der Schau schleppend und verhalten daher.

Juvenile Begleiter als Accessoires

Glamourös sind in diesem Jahr vor allem die Veranstaltungen am Rande der Biennale. Während am Donnerstagabend die eher wie zur Konfirmation gekleideten Gäste der US-Party im einstigen Palazzo von Peggy Guggenheim an Selleriestangen und Karottensticks nagten, strömten die Sammler, Händler und Kunstgroupies auf die Insel San Giorgio Maggiore, wo mit grandiosem Blick auf den im Abendlicht glitzernden Canal Grande Miuccia Prada die Ausstellung von Thomas Demand eröffnete. Bei eiskaltem Budweiser und Erdbeeren defilierten Damen in großer Garnitur auf und ab - wichtigste Accessoires: High-High-High-Heels und gerade volljährige Begleiter.

Heute abend konkurrieren Deutschland und Österreich um die beste Party und am Samstag laden Karl Lagerfeld und Chanel zum Aperitif - dann zieht die Kunst-Karawane weiter zu den Events der nur alle zehn Jahre stattfindenden "Grand Tour". Der Standard-Gruß dieser Tage lautet bis Sonntag: "See you in Basel".