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Kienholz-Ausstellung in Frankfurt: Billard zwischen Mädchenschenkeln

Edward Kienholz war ein Berserker, wild, intensiv - und für seine Frau Nancy die Liebe ihres Lebens. Zusammen bauten die beiden US-Künstler böse und obszöne Skulpturen zu Gewalt, Prostitution und Rassismus. Einige davon sind nun in Frankfurt zu sehen.

Von Anja Lösel

Als Edward Kienholz starb, gruben sie ihm ein Loch oben auf dem Hügel, nahe seinem Haus in Idaho. Seine Frau Nancy fuhr mit dem Toten auf dem Beifahrersitz hinauf, und dann beerdigten sie ihn in seinem Auto, einem 1940er Packard. Damit er auch gut klarkam da drüben im Jenseits, gab Nancy ihm einen Dollar mit, einen Satz Spielkarten und eine gute Flasche Rotwein. 1994 war das, da war Edward Kienholz 66 und einer der wichtigsten, eigenwilligsten und aufregendsten Künstler der USA. Nun sind die wilden, raumfüllenden Arbeiten in Frankfurt zu sehen, die er zuerst allein, dann mit seiner Frau Nancy Redding Kienholz baute.

Vier Ehefrauen verschlissen

Nancy ist 66 Jahre alt und immer noch höchst lebendig: Groß, schwer, mit lachenden Augen, eine imposante Erscheinung. In schwarz-weißen Clownsschuhen läuft sie durch die Schau, zu jeder Arbeit weiß sie Geschichten, Anekdoten, Stories. Tagelang hat sie in der Schirn Kunsthalle darüber gewacht, dass all die komplizierten Werke, die aus Hunderten von Einzelteilen bestehen, richtig aufgebaut werden. Nun ist alles fertig – und sie nervös. Nichts mehr zu tun bis zur Eröffnung der Schau, das kann sie schlecht aushalten. Bei Edward Kienholz war immer was los. Mit ihm zu leben, war eine Herausforderung. Vier Ehefrauen hatte er schon verschlissen, als er Nancy auf einer Party ihrer Eltern traf. Es war Liebe auf den ersten Blick. Da konnte Vater Kienholz, der Polizeichef von Los Angeles, noch so sehr warnen: um Nancy war es geschehen. Sie stürzte sich in die Beziehung mit diesem Mann, der so aufregend, so intensiv, großartig und lustig war, dass alles andere in den Schatten rückte. "Wir waren 24 Stunden lang zusammen, jeden Tag, beste Freunde, Geliebte, Künstler-Kollegen, alles was man sich im Leben nur wünschen kann", sagt sie. "Als er starb, konnte ich fünf Jahre lang nicht mehr lachen."

Berlin und Kruzifixe

Für ihn lernte sie schweißen, schreinern, Gipsabdrücke machen. Sie fotografierte ihn bei der Arbeit – mit nacktem Oberkörper und dickem Bauch, schwitzend, in die Arbeit versunken. Ein wichtiger Künstler war er schon vorher, aber nachdem er Nancy getroffen hatte, liefen beide zusammen zu Höchstform auf, es gab kein Halten mehr. Zusammen entdeckten sie 1973 Berlin. Diese raue Stadt mit der Mauer drum herum gefiel ihnen. Hier mussten sie sich nicht verstellen, durften auch mal meckern und schlechte Laune haben. Und hier gab es Flohmärkte wie nirgends sonst. Sie mieteten sich eine große Wohnung in Schöneberg und zogen los. Alte Volksempfänger und abgeschabte Kommoden, ausgestopfte Tiere und verkratzte Kochtöpfe – alles kauften, sammelten und horteten sie, um daraus Kunst zu machen.

"Geschockt war ich von den Kruzifixen aus Bayern", sagt Nancy. "Die sind hier so blutig!" In der riesigen Arbeit "76 J.C." mit 76 skurrilen Christusfiguren aus aller Welt haben sie und Edward einige davon verwendet.

Narrenschiff mit Präsident

"The Pool Hall" ist besonders hart: Drei Männer spielen Billiard an einem zerschrammten Tisch und zielen zwischen die gespreizten Beine einer jungen Frau. An der Wand hängt Bier- und Cola-Werbung, alles authentisch, vieles aus Berlin. Und zugleich ein böser Kommentar zu Männermacht und Prostitution.

Oder "My Country": Vier fiese Anzug-Typen halten sich jeweils eine amerikanische Flagge ans Herz, während sie mit der anderen Hand ihren Nachbarn befriedigen, schön rundum, so dass alle gleichzeitig zu ihrem Vergnügen kommen. Besonders gruselig: "The Ozymandias Parade" - eine Art riesiges Narrenschiff. Der Präsident der USA sitzt da verkehrt herum auf einem Pferd, orientierunglos und vertrottelt, sein Schwert durchbohrt eine schlappe Weltkugel, der die Luft ausgegangen ist. Sein Vize hinter ihm reitet in die falsche Richtung, während daneben ein hoher Militär alles Geld der Welt um sich herum aufgehäuft hat. Irgendwo kurvt der Papst, ganz klein und hilflos, mit seinem Papamobil herum, auf der anderen Seite warten dunkelhäutige Menschen mit hungrigen Augen sehnsuchtsvoll auf ein paar Brocken von den Reichen.

"Ich war die politischere"

Nein, die US-Behörden fanden solche Kunst nicht schön, und mehr als einmal riefen aufgebrachte Besucher die Polizei, vor allem als es um Autosex und Prostitution ging. Schlimm für Nancy? "Mir ist das völlig egal", sagt sie. Sollen die Leute sich doch aufregen. Dann fangen sie vielleicht mal an nachzudenken. Womöglich war Nancy noch härter im Nehmen als Edward. Sie jedenfalls brachte die Frauenthemen in die gemeinsame Arbeit ein, all die schrecklichen Szenen von Unterdrückung, Hass und Vergewaltigung. "Ich war immer die politischere von uns beiden", sagt sie.

Der Vater als Model

Und: "Ich war besser in den Details." Während Edward gern hämmerte, schweißte und wie ein Berserker Tische, Schränke und Autos umherschob, machte sie Gipsabdrücke von den Models, malte die Formen an und suchte Accessoires aus. Sogar den eigenen Vater überredete sie zum Modeln: Er lieh dem verwirrten Präsidenten auf der "Ozymandias Parade" seinen Körper. Kein Wunder, dass Edward Kienholz neben Nancy an die Spitze der Kunstwelt schoss und ihre Arbeiten in die große Museen der Welt verkauft wurden. Auch heute ist sie eine starke Frau, immer noch. Keine andere hätte das mit der Auto-Beerdigung bei den Behörden durchbekommen. Wie hat sie das nur gemacht? Überredet? Auf stur geschaltet? Getobt? "Ich habe niemanden gefragt", sagt sie und grinst. "Schließlich war es mein Mann, mein Auto, mein Berg!"

Frankfurt am Main, Schirn Kunsthalle, 22.10.- 29.1.

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