Kunstmesse in Maastricht Das Milliardengeschäft mit der Kunst


Die Tefaf in Maastricht gilt als die wichtigste Kunstmesse für klassische Meister. Hier werden Kunstwerke im Wert von 1,2 Milliarden Euro angeboten. Viele Käufer wollen jedoch unerkannt bleiben.
Von Albert Eikenaar

Kunstberater Michel Witmer nennt keine Namen. Seine Kunden rechnen mit hundertprozentiger Verschwiegenheit. Der amerikanische Historiker vertritt und berät eine Reihe steinreicher Privatpersonen aus aller Welt, deren Geschmack und finanzielle Reichweite er bis ins Detail kennt. Für sie sucht er die passenden Kunstgegenstände, einen alten holländischen Meister oder eine klassische Uhr. Seine Auftraggeber wollen sich nicht in den Medien in einem Bericht über die Anschaffung eines Werkes im Wert von zig Millionen Euro wiederfinden.

Wo Witmer auftaucht, gitb es immer sofort Gerüchte. Dann kursieren Namen von potenziellen Käufern, deren geheimer Kundschafter er sein soll. Meryl Streep, Bill Gates, Ted Turner, oder wie sie auch heißen. Diese Woche verbleibt der rothaarige Experte in Maastricht, wo es jetzt die Tefaf - The European Fine Art Fair - gibt, weltweit die wichtigste Kunstmesse für klassische Meister aus der Blütezeit der italienischen, holländischen, flämischen und spanischen Malerkunst.

Auftraggeber unbekannt

Für wen Witmer in der südlimburgischen Provinzstadt Maastricht genau die Fühler ausstreckt, blieb bislang unbekannt. Sicher ist, dass sich in seinem Sog mehrere amerikanische Society-Journalisten befinden, die nur ein Ziel haben: herauszufinden, für welchen Hollywoodstar oder Großunternehmer er welches Stück vermittelt. Wenn es nicht Gates ist, dann eben ein anderer Milliardär.

Für Amerikaner ist die Tefaf nicht nur die bedeutendste Kunstmesse, sondern vor allem ein Tummelplatz von allerhöchstem Niveau. Klatsch und Tratsch über die Reichen und Berühmten gehören dazu. Wenn man selber nicht genug Kohle hat, ein Meisterwerk zu erwerben, dann liest und sieht man mit leichtem Neid immer wieder gerne, wie andere es geschafft haben.

Die Exklusivität bleibt gewahrt

Also reisen nicht nur die betuchten Sammler und Liebhaber nach Maastricht. Zehntausende Schaulustige aus aller Welt ziehen hinterher. Voriges Jahr waren es so viele, dass der Messevorstand beschloss, in diesem Jahr den Eintritt drastisch zu erhöhen, von 40 auf 55 Euro. "Damit wir eine gewisse Exklusivität weiterhin gewährleisten können", so Tefaf-Sprecherin Titia Vellenga. "Wir wollen den Überblick behalten und die Geschäftsverhandlungen nicht vom neugierigen, drängelnden Publikum stören lassen. Fast hätte der Erfolg zu einem Kollaps geführt".

Denn die Tefaf ist keine Ausstellung, sondern in allererster Instanz ein normaler Handelsplatz. Ein ehrwürdiger, sehr vornehm, sehr schick. Das Feinste vom Feinen, damit die Großen dieser Welt sich wohl fühlen, bei Cocktails, Champagner und Häppchen mit Kaviar.

220 Teilnehmer aus 15 Ländern stellen auf 30.000 Quadratmetern Fläche ihre Angebote aus. Ein Stand kostet 50.000 Euro oder mehr. Diese Ausgabe ist unerheblich, wenn der Händler es schafft, ein oder mehrere Werke zu verkaufen. Doch das kostet Zeit. Die Verhandlungen sind ein Ritual, ein Spiel, bei dem abgetastet wird, wo die Grenzen liegen. Das Interesse potenzieller Kunden wird ausgelotet. "Ein Bild sollte in eine Sammlung passen und am besten eine gute Geschichte über die Entstehung und Entwicklung haben. Mit interessanten Infos verkauft es sich wie von selber", so der Amsterdamer Händler Salomon Lilian. "Ich stecke viel Geld in Recherchen, damit ich ausreichende Hintergrundinformationen weitergeben kann. Damit verführe ich Interessierte".

Etwa 30.000 Kunststücke bietet die Tefaf dieser Tage. Zusammen kosten sie 1,2 Milliarden Euro. Geschätzter Umsatz wird Ende der Woche bei 750 Millionen Euro liegen. Wer dann ein gutes Geschäft gemacht hat, bleibt im Dunkeln. Die Verkäufer schweigen traditionell über ihre Einnahmen. Sie möchten sich nicht in die Karten sehen lassen. Lieber prunken sie mit imponierenden Angebotspreisen. Ob diese später tatsächlich kassiert werden, bleibt das Geheimnis von Käufer und Verkäufer. Meistens fangen diese schon vor Beginn der Tefaf mit ihren Gesprächen an. Wenn die Transaktion wirklich stattgefunden hat, wird sie in einem der vielen Spitzenrestaurants, die Maastricht zu bieten hat, mit herrlichen Speisen und vollmundigen Weinen besiegelt.

Der Rubel rollt

Hunderte der besten Maastrichter Läden profitieren von dem gewaltigen Geldstrom, den die Tefaf generiert. Die Händler verdienen reichlich. Ungehemmt lassen sie den Rubel vor Ort rollen. Einige machen in dieser einen Woche über 50 Prozent ihres jährlichen Umsatzes. Dann zählt eine Flasche Champagner mehr oder weniger nicht. Blumengeschäfte, PR-Büros, Pralinen-Bäcker, Druckereien, die die Einladungen für die Empfänge entwerfen, Hotels, Taxis, Mietwagen, alle buchen jede Menge Extra-Einnahmen. Ganz eindeutig gilt das für den kleinen Maastricht-Aachen Airport. Dort landet die Geldprominenz im eigenen Düsenjet. Über 200 solcher Privatmaschinen stehen Flügel an Flügel geparkt. Während ihre Besitzer, darunter viele russische Neureiche, die alten Meister begutachten.

Nicht das teuerste, sicher aber das kunsthistorisch wichtigste Gemälde, das die Elite zu sehen bekommt, ist "Die Wut von Achilles" von Jacques-Louis David, ein neoklassischer französischer Maler, die Nummer Eins während der französischen Revolution. Das Prachtstück war in Privatbesitz bei einer englischen Adelsfamilie und wurde seit 100 Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt. Jetzt in Maastricht zu besichtigen.

Als ein Spitzenwerk gilt auch "Winterlandschaft mit Kindermord in Bethlehem" von Pieter Brueghel dem Jüngeren. Die biblische Geschichte wird von dem Meistermaler nach Flandern (Belgien) verlegt. Preise sind Verhandlungssache. Sie werden nicht einfach so bekannt gegeben. Es sind Gemälde, die nur mit äußerster Diskretion den Besitzer wechseln. Absolutes Highlight der Messe ist eine Impression von Renoir aus dem Jahr 1882: "Zwischen den Rosen". An diesem Gemälde hängt zur Abschreckung ein öffentliches Preiskärtchen. Damit niemand erst auf die Idee kommt, es sich leisten zu können. Wer 45 Millionen Euro mitbringt, hat eine Chance bei Kunsthandlung Acquavella Galleries Inc. New York den Zuschlag zu bekommen - diese Woche vorübergehend in Maastricht.


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