VG-Wort Pixel

Trockenheit in Europa Notstand: In den Niederlanden verteilt ein Krisenteam das Wasser – halbe EU von Dürre bedroht

Fahrrad in ausgetrocknetem Flussbett
Sinnbild für die Dürre in den Niederlanden: Im ausgetrockneten Flussbett des Rheins bei Lobith, nahe der deutschen Grenze, wird die entsorgte "Fiets" wieder sichtbar.
© Vincent Jannink / ANP / DPA
Nicht nur das Gas wird in Westeuropa knapp, auch das Wasser. Laut der EU-Kommission ist das halbe EU-Gebiet von anhaltender Dürre bedroht. Die Niederlande haben nun offiziell den Wassernotstand ausgerufen.

Wie man sich gegen Sturmfluten wehrt, das wissen die Niederländer. Auch, wie man dem Wasser Land abtrotzt. Doch wohl selten zuvor musste man sich zwischen Den Haag und Arnheim, Groningen und Maastricht dagegen wappnen, zu wenig Wasser zur Verfügung zu haben. Doch nun ist es soweit. Und während im benachbarten Deutschland vor allem überlegt wird, wer im Herbst den Gasmangel verwalten darf, hat man im Land der Grachten und Wasserstraßen schon jetzt ein Verteilungsproblem. Wegen der anhaltenden Trockenheit hat die Regierung in Den Haag offiziell den Wassernotstand erklärt – und ist damit nur noch eine Stufe von der "nationalen Krise" entfernt.

Um mit dem ungewohnten Mangel umzugehen, ist es in einigen Teilen des Landes Landwirten bereits untersagt, Bewässerungsanlagen auf ihren Feldern in Betrieb zu nehmen. Für das bedeutende Agrarland ist das eine einschneidende Maßnahme. Mehrere Kanäle wurden für den Schiffsverkehr gesperrt. Besonders kritisch für die Trinkwasserversorgung: Wegen der niedrigen Wasserstände fließt teils Salzwasser aus dem Meer in Flüsse hinein. 

Wasserknappheit: Krisenteam übernimmt "koordinierende Rolle"

"Wir sehen seit einigen Wochen, dass es in den Niederlanden trockener wird. Das liegt einerseits an viel Verdunstung in unserem eigenen Land und andererseits an einer sehr geringen Flusszufuhr aus dem Ausland", erläutert Michèle Blom, Chef des von der Reichsregierung eingesetzten Krisenteams Wasserknappheit (MTW), in einer Mitteilung die Gründe für die Dürre. Das MTW werde nun eine "koordinierende Rolle" übernehmen und wenn nötig schnelle Entscheidungen treffen, um die Wasserversorgung immer dort zu sichern, wo sie besonders nötig sei.

Das trifft in den Niederlanden nicht zuletzt auf die Deiche zu. Deren Sicherheit habe ebenso absolute Priorität wie der Naturschutz, teilte der zuständige Minister für Infrastruktur und Wasserwirtschaft, Mark Harbers, mit. Knapp 60 Prozent des Landes werden von Deichen, Dämmen und Dünen geschützt. Etwa 30 Prozent der Fläche liegen unter dem Meeresspiegel und werden durch Deiche und ein ausgeklügeltes System von Pumpen, Kanälen und Mühlen trockengehalten. Nun setzt die Trockenheit den Schutzwällen selbst zu. Sie drohen brüchig und damit instabil zu werden.

"Bisher galt immer, die Füße trocken zu halten"

Für die Niederländer ist die Situation sehr ungewohnt. "Unser Fokus lag immer darauf, die Füße trocken zu halten und das Wasser schnell abzuleiten. Aber jetzt müssen wir auch darüber nachdenken, wie wir das Wasser zurückhalten können, wenn es wochenlang nicht regnet", beschreibt der Hydrologe Jaco van Heemskerk in der Zeitung "De Volkskrant" die neuen Verhältnisse. Die haben ihren Ursprung letztlich in den Alpen. Wenn dort der Winter schneearm ist und damit die Schneeschmelze weitgehend ausbleibt, spürt man das im Sommer in den Niederlanden. In diesem Jahr besonders früh, was die Lage noch einmal verschärft, denn eigentlich müsste man der Natur wegen der anhaltenden Dürre mit mehr Wasser auf die Sprünge helfen.

Daran ist aber derzeit nicht zu denken. Wassersparen ist angesagt im ganzen Land. "Jeder kann etwas beitragen", appellierte Minister Harbers nun an seine Landsleute. "Daher bitte ich alle Niederländer, gut darüber nachzudenken, ob sie ihr Auto waschen oder das Planschbecken vollständig füllen müssen." Zwingen kann der Minister seine Landsleute zum Sparen allerdings nicht, dafür fehlt ihm eine gesetzliche Grundlage. Vielmehr sind die niederländischen Versorgungsunternehmen verpflichtet, die Trinkwasserversorgung auf jeden Fall zu sichern. Das Krisenteam MTW muss stattdessen auf andere Bereiche zugreifen, wenn ein Wassermanagement nötig wird. Wen es trifft, ist allerdings keine reine Abwägungssache. In einer sogenannten "Verdrängungsreihe" ist festgelegt, wen es wann trifft. Zunächst muss die Schifffahrt Einschränkungen hinnehmen, dann – in dieser Reihenfolge – Landwirtschaft, Industrie, die Naherholung am Wasser, die Binnenfischerei und schließlich die Natur, sofern dadurch keine irreversiblen Schäden verursacht werden.

Hitze, Dürre, Verdunstung – ein EU-weites Problem

Mit dem Problem stehen die Niederlande beileibe nicht allein da. Im Gegenteil. Fast die Hälfte des Gebietes der Europäischen Union ist laut einem Dürre-Bericht der EU-Kommission von Mitte Juli derzeit unmittelbar von schwerer Trockenheit betroffen – vor allem Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Rumänien trifft es; dort wüten zudem oft ausgedehnte Waldbrände. Auf 46 Prozent der Fläche der EU gelte eine Dürrewarnung, auf elf Prozent der Fläche gar ein Dürrealarm. "Ein erstaunlicher Teil Europas ist derzeit Warn- und Alarmdürren ausgesetzt", so die Autoren des Berichts. Überall in Europa dehne sich die Trockenheit aus und werde schlimmer, heißt es weiter.

Auch in der belgischen Region Flandern, einer Gegend mit klassischerweise gemäßigten Temperaturen und ausreichend Niederschlag, kann man das nur bestätigen. Hier, in direkter Nachbarschaft zu den Niederlanden, kämpft man gerade ebenfalls mit den Folgen ausbleibenden Regens. In Flandern hat es zuletzt 1976 so wenig geregnet wie in diesem Jahr. Auch hier spielt die Verdunstung eine besonders große Rolle. "Das ist ein Effekt, der in den kommenden Jahren eskalieren könnte", sagt Frank Debosere, Wettermann beim flämischen TV-Sender VRT. Eine Einschätzung, die durch die Forschung bestätigt wird. Durch die von der Hitze verstärkte Verdunstung des Wassers setzt sich Trockenheit im Boden fest und sinkt das für Pflanzen nötige Oberflächenwasser in unerreichbare Tiefen ab.

Gas-Diskussion überdeckt hierzulande das Wasser-Thema

Hierzulande ist das Thema nur deshalb nicht im Fokus, weil die Diskussion um das ausbleibende russische Gas den Blick auf die Wasserprobleme verstellt. Beispiele gibt es aber genug: Der Rhein führt nicht erst in den Niederlanden zu wenig Wasser – mit entsprechenden Auswirkungen auf Natur und Schifffahrt. In Sachsen-Anhalt trocknen derzeit Brunnen aus und der Großraum Frankfurt entzieht seiner Umgebung inzwischen viel zu viel Wasser, um nur einige zu nennen. Verteilungskämpfe ums Trinkwasser, die lange für ein fernes Szenario gehalten wurden, zeichnen sich inzwischen klar und deutlich ab. Ein Wassernotstand wie im Nachbarland scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.

Quellen: Rijksoverheid: Helpdesk Water; NOS; EU-Kommission; "De Volkskrant"; VRT NWS; "Die Zeit"; Nachrichtenagenturen DPA und AFP


Mehr zum Thema



Newsticker